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M. Burtscher, M. Faulhaber, M. Wille Zukunft künstlicher Hypoxie in Sport und Medizin

Martin Burtscher, Martin Faulhaber, Maria Wille

Zukunft künstlicher Hypoxie in Sport und Medizin

Future of Artificial Hypoxia in Sports and Medicine

SUMMARY

Artificial altitude, typically applied as intermittent hypoxia, is increasingly used in sports and industry but also in prevention and therapy. The complexity of mechanisms involved explains the heterogeneity of the available study findings, demonstrating beneficial and adverse effects as well. Undoubtedly, intermittent hypoxia may provoke adverse effects in certain circumstances which have to be recognized and eliminated by competent and responsible caretakers. Much more studies will be necessary to provide reliable risk-benefit estimation. However, there is also no doubt that the controlled application of intermittent hypoxia poses the potential of a valuable preventive and therapeutic tool. Keywords: artificial altitude, intermittent hypoxia, positive effects, adverse effects

ZUSAMMENFASSUNG

Künstliche Höhe, meist in Form intermittierender Hypoxie, findet zunehmend im Sport, aber auch in der Industrie sowie in Prävention und Therapie Interesse. Die komplexen Wirkungsmechanismen intermittierender Hypoxie machen die derzeit noch heterogene Datenlage verständlich, und eine verbreitete Anwendung ist zwar als hoffnungsvoll zu betrachten, aber derzeit auch mit aller notwendigen Vorsicht anzugehen. Es bestehen keine Zweifel, dass der Einsatz von intermittierender Hypoxie mit unerwünschten Effekten verbunden sein kann, die von erfahrenen und kompetenten Betreuern von vornherein auszuschließen sind oder zumindest rechtzeitig erkannt werden müssen. Erst die Ergebnisse einer Vielzahl weiterer wissenschaftlicher Untersuchungen werden eine ehrliche Nutzen-Risiko-Abschätzung gestatten. Unbestritten ist aber auch, dass der

kontrollierte Hypoxieeinsatz das Potenzial eines derzeit noch kaum genutzten präventiven und therapeutischen Werkzeugs in sich birgt. Schlüsselwörter: Künstliche Höhe, intermittierende Hypoxie, positive Wirkungen, Nebenwirkungen

EINLEITUNG

Unter intermittierender Hypoxie werden wiederholte Sauerstoffmangelexpositionen, unterbrochen von normoxischen Phasen, verstanden. Die Erzeugung des Sauerstoffmangels kann durch natürlichen Höhenaufenthalt, durch Aufenthalt in hypobaren oder hypoxischen normobaren Kammern oder durch Atmung eines Sauerstoffmangelgemisches über eine Maske erfolgen (Abbildung 1). Dauer, Intensität und Wiederholungs-

Abbildung 1: Test und Training in der Hypoxiekammer.

zahl der Sauerstoffmangelperioden und Dauer der dazwischen liegenden normoxischen Phasen können beliebig variiert werden (1). Bergsport bedeutet in den meisten Fällen intermittierende Hypoxie, beim alpinen Skilauf beispielsweise mit kürzerer und beim Bergwandern längerer Periodendauer. Seit einigen Jahren bieten Hypoxie-Generatoren die Möglichkeit, zu Hause beliebige Sauerstoffmangelprotokolle anzuwenden. Eine Vielzahl von Untersuchungen hat sich mit positiven und negativen Effekten in-

termittierender Hypoxie auseinandergesetzt (2, 3). Allerdings wird unter intermittierender Hypoxie immer mehr die mit obstruktiver Schlafapnoe (OSA) einhergehende Hypoxieexposition verstanden (4). Diese ist durch meist mehrere Stunden andauernde, kurze und intensive Hypoxiephasen mit begleitender Hyperkapnie charakterisiert und mit negativen Auswirkungen, beispielsweise Hypertonie, verbunden. Sie muss klar von kontrolliert gesteuerter intermittierender Hypoxie abgegrenzt werden, welche durchaus zu positiven Adaptationen, wie erhöhter Stressresistenz und Belastungstoleranz, verbesserter Kapillarisierung und Sauerstoffnutzung bestimmter Gewebe sowie antihypertensiven Effekten führen kann (2). Die entsprechenden Protokolle sind durch moderate Hypoxie (16 % - 10 % inspiratorische Sauerstoffkonzentration; FiO2) meist für 1-5 min mit normoxischen Intervallen von ähnlicher Dauer, über 30 min bis zu mehreren Stunden gekennzeichnet. Aber auch wesentlich längere Protokolle kommen zum Einsatz (1). Die Vielzahl an möglichen Protokollen verbunden mit individuell unterschiedlichen Reaktionen machen die teilweise uneinheitlichen Studienergebnisse und die Schwierigkeiten deren Interpretation verständlich. Es ist anzunehmen, dass abhängig von der Zielsetzung und den Ausgangsbedingungen unterschiedliche Protokolle unterschiedlich geeignet sind. Nachfolgend werden beispielhaft einige Bereiche aufgezeigt, wo intermittierende Hypoxie schon heute und sicher in näherer Zukunft Einsatz findet beziehungsweise finden wird:

1. Hypoxie-Provokationstest 2. Intermittierende Hypoxie zur Vorakklimatisation 3. Intermittierende Hypoxie zur Höhenwettkampfvorbereitung 4. Intermittierende Hypoxie zur Talwettkampfvorbereitung 5. Intermittierende Hypoxie in Therapie und Prävention

1. HYPOXIE-PROVOKATIONSTEST

Millionen Menschen werden bei Flugreisen, Bergaufenthalten, Seilbahnauffahrten, auf Höhenstraßen aber auch am Arbeitsplatz wie zum Beispiel auf Berghütten, Wetterstationen oder anderen Betrieben (besonders aus Brandschutzgründen) täglich Hypoxie exponiert. Eine medizinische Überprüfung der individuellen Hypoxieverträglichkeit unter spezifischen Bedingungen und bestimmten Vorerkrankungen könnte helfen, unvorhergesehene Reaktionen abzuschätzen und entsprechende Vorbereitungen zu treffen. Künstliche Hypoxie wird bei Hypoxie-Provokationstests schon heute vor allem für Personen mit Atemwegserkrankungen eingesetzt, um den möglichen O2-Bedarf auf Flugreisen abzuschätzen (5,6). Typischerweise werden FiO2 von 15 % (~ 2700 m) verwendet und der individuelle pa O2, oder einfacher die arterielle Sauerstoffsättigung (Sa O2), über Fingerpulsoximetrie bestimmt (5). So können der zu erwartende

Sättigungsabfall, damit verbundene Beschwerden und notwendiger O2-Bedarf während einer nachfolgenden Flugreise bestimmt werden. Unsere Arbeitsgruppe hat einen ähnlichen Test verwendet, um die Wahrscheinlichkeit des Auftretens von Bergkrankheit

100

Arterial oxygen saturation (%) 90

80

70

60 0 1 2 3 4 5 6 AMS+

AMS-

Altitude (km)

Abbildung 2: Arterielle Sauerstoffsättigung in Abhängigkeit natürlicher oder künstlicher Höhe (nach 20 – 30 min Aufenthalt) für Personen mit Neigung (AMS +) und ohne Neigung (AMS -) zu akuter Bergkrankheit (nach Burtscher et al., 2004).

abschätzen zu können (7) (Abbildung 2). Es zeigte sich, dass mit diesem Test zumindest Personen mit besonderer Neigung zu Höhenunverträglichkeit (z. B. Höhenlungenödem) herausgefiltert werden können. Für die Durchführung des Tests ist eine Aufenthaltsdauer in der gewünschten Höhe von mindestens 20 bis 30 Minuten notwendig (7, 8). Die Hypoxieexposition kann in einem Hypoxieraum oder über Maskenatmung erfolgen. Zu untersuchende Hauptzielparameter sind neben dem individuellen Wohlbefinden die S a O2, Herzfrequenz, Blutdruck, die Blutlaktatkonzentration und gegebenenfalls Lungenfunktionsparameter. Bei Bedarf kann die Provokation auch unter Belastung, z. B. am Fahrradergometer durchgeführt werden. Derartige Tests sind auch zur Verträglichkeitsprüfung von Sauerstoffmangel am Arbeitsplatz, bei Seilbahnauffahrt oder bei un-

erwarteter Belastung in der Höhe vorstellbar. Allerdings ist notwendig, dass die Vorhersagebedeutung dieser Tests in noch weiteren Studien bestätigt wird und standardisierte Vorgehensweisen ausgearbeitet werden.

2. EINSATZMÖGLICHKEITEN VON KÜNSTLICHER HYPOXIE ZUR VORAKKLIMATISATION

Ausreichende Akklimatisation bei schnellen Aufstiegen in große Höhen ist von entscheidender Bedeutung, um nicht höhenkrank zu werden, aber auch um die Leistungsfähigkeit aufrechtzuerhalten (9). Vor Ort ist eine Akklimatisation mit erheblichem Zeitaufwand und Kosten, sowie negativen Auswirkungen der chronischen Hypoxieexposition, beispielsweise auf Muskelleistung und Energiedepots, verbunden (10). Eine beliebte Möglichkeit, die negativen Konsequenzen eines prolongierten Aufenthaltes in großer Höhe zu umgehen und erste Akklimatisationseffekte zu induzieren, ist der Einsatz von künstlicher Hypoxie. Schon früh begannen Nagasaka und Satake die Akklimatisationstaktik der Bergsteiger, wiederholte Auf- und Abstiege zwischen den Camps, in einer Höhenkammer zu simulieren (11). Diese intermittierende Hypoxie scheint durchaus zur Vorbereitung auf einen nachfolgenden Höhenaufenthalt geeignet zu sein (1). So konnten Richalet et al. durch eine Kombination von natürlichen Höhenaufenthalten und Kammeraufenthalten die Akklimatisationszeit am Mt. Everest um 1–3 Wochen verkürzen (12). Zahlreiche weitere Studien zeigen sowohl ventilatorische Akklimatisationseffekte, wie beispielsweise eine Steigerung der Atemantwort auf Hypoxie (HVR), eine Zunahme der Sa O2 während Belastung als auch positive Effekte in Bezug auf eine verbesserte Leistungsfähigkeit in der Höhe (9, 13-17). Auch hier zeigt die Fülle von unterschiedlichen Hypoxieprotokollen in der Literatur kein standardisiertes Vorgehen bei der Vorakklimatisation. Eine Dauer von 1 bis 3 Stunden Hypoxie pro Tag, für mindestens eine Woche, auf einer Höhe von > 4000 m, scheint für eine erfolgreiche Vorakklimatisation nötig zu sein (9, 18). Verbunden mit diesen Vorakklimatisationseffekten kann auch das Auftreten von Höhenkrankheiten minimiert werden. In Bezug auf die akute Bergkrankheit sind unter anderem die Aufstiegsrate und der Grad der Akklimatisation entscheidende Risikofaktoren (19). Personen, die schneller in große Höhen aufsteigen und weniger Tage auf dem Weg dorthin akklimatisieren, zeigen eine signifikant höhere Inzidenz der akuten Bergkrankheit (19). Lange Hypoxieprotokolle haben gezeigt, dass sie effektiv diese Inzidenz reduzieren können, doch sind sie in der Praxis schwer umsetzbar. Eine Vorakklimatisation von drei Wochen, 4 h Hypoxie pro Tag, 5 Mal pro Woche auf 4300 m Höhe, konnte die Inzidenz und den Schweregrad der akuten Bergkrankheit auf null senken (18). Hinsichtlich des enormen Zeitaufwandes für dieses Protokoll könnte eine Woche Vorakklimatisation in natürlicher Höhe, mit wiederholten Auf- und Abstiegen am Berg oder ein langsam ansteigendes Aufstiegsprofil, gleiche

oder sogar günstigere Effekte hervorrufen. Es gibt aber Hinweise die vermuten lassen, dass bereits kürzere Hypoxieprotokolle zu notwendigen Adaptationen führen und so das Risiko akut bergkrank zu werden, minimieren. Katayama et al. (17) fanden, dass bereits 1 h Hypoxie pro Tag für eine Woche die HVR steigert, so wie auch Garcia et al. (14), die nach 5 Tagen (2 h pro Tag) einen Höchstwert der HVR feststellten. Beobachtungen von Burtscher et al. (9) lassen vermuten, dass bereits 1-2 h Hypoxie für 5 Tage ausreichen könnten, um das Auftreten der akuten Bergkrankheit zu reduzieren. Bislang fehlen allerdings gut kontrollierte Studien, um gesicherte Aussagen treffen zu können. Es bedarf nicht nur der Abklärung, ob kurze Hypoxieprotokolle ein Auftreten der Bergkrankheit verhindern bzw. reduzieren können, sondern auch wie lange der durch diese Art der Vorakklimatisation gewonnene „Schutz“ bestehen bleibt.

3. INTERMITTIERENDE HYPOXIE FÜR DIE VORBEREITUNG AUF HÖHENWETTKÄMPFE

Ausdauerwettkämpfe in mittleren und großen Höhen werden immer beliebter. Zahlreiche Mountainbikerennen, Lauf- oder Skitourenwettbewerbe finden zumindest teilweise in Höhen um oder über 2000 m statt. Mit zunehmender Höhe kommt es zu einer Reduktion der aeroben Leistungsfähigkeit, welche bei ausdauertrainierten Sportlern markanter ausfällt und bereits in geringeren Höhen beginnt als bei Untrainierten (20). Durch Akklimatisationsvorgänge bei längeren Höhenexpositionen wird die aerobe Leistungsfähigkeit in der Höhe wieder verbessert und der akute Leistungsverlust zumindest teilweise wieder ausgeglichen. Entsprechende Akklimatisationsaufenthalte optimieren die individuelle Leistungsfähigkeit in der Höhe und sind somit für eine optimale Vorbereitung auf Wettkämpfe in der Höhe unerlässlich. Es wurde gezeigt, dass bereits relativ kurze Akklimatisationsaufenthalte (z. B. 2 Nächte) positive Effekte haben (21). Für eine optimale Vorbereitung werden allerdings 1- bis 2-wöchige Aufenthalte im Bereich der Wettkampfhöhe empfohlen (22). Solche länger andauernden Höhenaufenthalte sind oftmals aus organisatorischen Gründen nicht möglich, beeinflussen die Trainingsmöglichkeiten und das Wettkampftapering negativ und erzielen somit oft nicht den gewünschten Effekt. Künstliche Hypoxie, eingesetzt im gewohnten Umfeld und ohne Beeinträchtigung der Trainingsmöglichkeiten, stellt eine interessante Alternative zu Aufenthalten in natürlicher Höhe dar. Da für die Leistungsverbesserung in mittleren und großen Höhen vor allem ventilatorische Anpassungen verantwortlich gemacht werden, sind besonders die Effekte, welche die Atmungsregulation betreffen, von Interesse. Bereits relativ kurze Hypoxieexpositionen führen zu einer Steigerung der HVR (14, 17), zu einer höheren arteriellen Sauerstoffsättigung bei submaximaler Belastung und zu einer verbesserten Ausdauerleistung bei nachfolgend akuter Höhenexposition auf über 4000 m (16, 18, 23). Die Kombination mit Training während diesen

kurzen Hypoxieexpositionen brachte keine zusätzlichen positiven Effekte. Für mittlere Höhen wurden diese Effekte nicht nachgewiesen. Katayama und Mitarbeiter zeigten, dass trotz einer erhöhten HVR durch intermittierende Hypoxie keine Steigerung der Ventilation bei submaximaler Belastung auf 2500 m auftrat (24). Auch Faulhaber et al. fanden keine Ausdauerleistungssteigerung auf knapp 2000 m durch ein vergleichbares Protokoll (25). Länger andauernde intermittierende Hypoxie, wie beispielsweise auch „Live high – train low“, dürften weitergehende Anpassungen in der Atmungsregulation bewirken (26) und auch bei Sportlern die Ventilation in Tallage und in mittlerer Höhe beeinflussen (27). Eine Studie von Schuler et al. ergab, dass bei hochtrainierten Radsportlern sich die Ausdauerleistungsfähigkeit auf 2340 m über 2 Wochen Höhenaufenthalt auf dieser Höhe (kombiniert mit Training unterhalb 1000 m) verbesserte, jedoch nicht die Werte von Tallage erreicht wurden (22). Für die Praxis kann derzeit vorsichtig gefolgert werden, dass intermittierende Hypoxie mit kurzen Einzelexpositionen von 1 bis 3 Stunden auf einer Höhe von 4000 bis 4500 m positive Auswirkungen auf die Leistungsfähigkeit in Höhen über 4000 m haben kann. In Höhen von 2000 bis 2500 m, wo Ausdauerwettkämpfe überwiegend stattfinden, sind durch diese Protokolle keine leistungssteigernden Effekte zu erwarten. Ob und welche Hypoxieprotokolle sich für die Vorbereitung auf diese Wettkämpfe eignen, bleibt einer Klärung durch zukünftige Studien vorbehalten.

4. INTERMITTIERENDE HYPOXIE ZUR VORBEREITUNG FÜR WETTKÄMPFE IN TALLAGE

Das klassische Höhentrainingskonzept „Live high – Train high“ wurde zur Vorbereitung auf Wettkämpfe in Tallage heute weitgehend verlassen und durch das Konzept „Live high – Train low“ ersetzt. „Live high“ bedeutet vielfach den Einsatz künstlicher Hypoxie. Vor knapp 20 Jahren wurde erkannt, dass zumindest 2 wesentliche Höhentrainingseffekte zu unterscheiden sind, nämlich Effekte, die durch den Akklimatisationsprozess hervorgerufen werden und jene, die durch das Training in Hypoxie bewirkt werden (28). Es wurde klar, dass der Höhenaufenthalt allein zu einer Zunahme der Hämoglobinmenge und damit zu einer Verbesserung der Sauerstofftransportkapazität und der aeroben Leistungsfähigkeit, z. B. bei Mittel- und Langstreckenbewerben (~ 5 Minuten bis Stunden), führt. Andererseits wurde auch beobachtet, dass die aerobe Leistungsfähigkeit in der Höhe vermindert war und dadurch keine zu Tallagen vergleichbar hohen Belastungsintensitäten erzielt werden konnten. Dies führte zwar zu hoher metabolischer aber nur submaximaler mechanischer Belastung der Arbeitsmuskulatur. Diese hohe mechanische Belastung scheint aber für den Erhalt bzw. die Steigerung der Leistungsfähigkeit eine notwendige Voraussetzung zu sein. Beide Zielsetzungen, Zunahme der Hämoglobinmenge und hohe Trainingsintensitäten, waren beim klassischen Höhen-

training praktisch nicht zu vereinbaren, wohl aber in der neu propagierten Höhentrainingsform „Live high – Train low“ (28). Es folgte eine Vielzahl von kontrollierten und unkontrollierten Experimenten in unterschiedlichen Höhenlagen, bei unterschiedlicher Aufenthaltsdauer und unterschiedlichem Trainingszustand der Athleten (29). Einige Studien fanden eine Zunahme der Hämoglobinmasse und/oder der Leistungsfähigkeit in Tallage, andere konnten keine Vorteile dieses Höhentrainings gegenüber eines vergleichbaren Trainings in Tallage finden. Erst die genauere Betrachtung der gewählten Höhenlagen, der Aufenthaltsdauer, des Trainingszustandes und individuell unterschiedlichen Reaktionen ließ erkennen, welche Voraussetzungen tatsächlich in welchem Umfang die Vorteile von „Live high – Train low“ ausmachen: Ein Hypoxiegrad, der einer Mindesthöhe von 2000 m entspricht, ist notwendig um die Erythropoiese effektiv in Gang zu setzen. Der Aufenthalt in dieser Höhe muss täglich mindestens 14 Stunden betragen und mindestens 3 Wochen lang durchgeführt werden (30). Sind diese Voraussetzungen erfüllt, kann in den meisten Fällen (Responder) eine Zunahme der Ge-

Delta-VO2max (ml/min)

600

400

200

0

-200

0 50 100 150 200

Delta-Hämoglobinmasse (g)

Abbildung 3: Zusammenhang zwischen der Änderung der Gesamthämoglobinmasse und der maximalen Sauerstoffaufnahme (VO2max) (nach Schmidt und Prommer 2008).

samthämoglobinmasse von 5 – 10 % beobachtet werden (Abbildung 3). Diese Zunahme ist in der Regel von einer Zunahme der maximalen Sauerstoffaufnahme (VO2max)

begleitet. Die Zunahme von 1 g Hämoglobin/kg führt zu einer Steigerung der VO2max von ~ 3 ml/min/kg (30). Für diese Höhentrainingsform eignet sich sowohl die Nutzung natürlicher Höhe als auch jene künstlicher Höhe in Hypoxieräumen im Tal. Für viele Athleten ist das „Live high – Train low“ Konzept in natürlicher Höhe organisatorisch nicht umsetzbar. Daher wird künstliche Hypoxie für diese Höhentrainingsform schon heute verbreitet eingesetzt. Allerdings ist auch hier die kompetente Betreuung zu fordern. Um individuelle Reaktionen abschätzen zu können, ist die Bestimmung von Veränderungen der Gesamthämoglobinmasse notwendig.

5. INTERMITTIERENDE HYPOXIE FÜR PRÄVENTION UND THERAPIE

Akute Höhen- oder Hypoxieexposition führt über die Aktivierung der Chemorezeptoren zu einer Zunahme der sympathoadrenergen Aktivität und damit zum Anstieg von Herzfrequenz, Herzminutenvolumen, peripherem Widerstand und arteriellem Blutdruck (3). Wiederholte Hypoxieexpositionen können in Abhängigkeit von Hypoxiegrad, Wiederholungszahl und Begleitumständen wie Hyperkapnie oder Hypokapnie zu ganz unterschiedlichen Effekten führen. Bei kurzen, intensiven und häufig wiederholten Hypoxiephasen, wie sie bei obstruktiver Schlafapnoe typisch sind, werden sympathoadrenergen Reaktionen verstärkt und arterielle Hypertonie und weitere Herzkreislauferkrankungen sind die Folgen (3, 4). Bei kontrolliert gesteuerten Programmen hingegen, wie sie durch den Einsatz künstlicher Hypoxie ermöglicht werden, können positive Adaptationen, wie erhöhte Stressresistenz und Belastungstoleranz, verbesserte Kapillarisierung und Sauerstoffnutzung bestimmter Gewebe sowie antihypertensive Effekte beobachtet werden (2). Die entsprechenden Hypoxieprotokolle sind meist durch moderate Hypoxie (16% - 10% FiO2) für 1-5 min mit normoxischen Intervallen von ähnlicher Dauer über 30 min bis zu mehreren Stunden gekennzeichnet (1). Russische Ärzte setzen diese Form der intermittierenden Hypoxie seit vielen Jahren zu therapeutischen Zwecken ein (31-34). Erfolge wurden u.a. bei der Behandlung von chronisch obstruktiver Lungenerkrankung (COPD) und Asthma, bei Bluthochdruck, Herz-Rhythmusstörungen, Diabetes mellitus, Morbus Parkinson, atopischer Dermatitis und psychischen Erkrankungen berichtet (1, 2, 31-34). Wir untersuchten in 2 klinischen Studien Effekte intermittierender Hypoxie auf die Belastungstoleranz bei Patienten mit koronarer Herzkrankheit oder COPD (35, 36). Nach einer 3-wöchigen Anwendung intermittierender Hypoxie (Protokoll: 3-5 Perioden 3-5/3 min Hypoxie/Normoxie 5 Mal pro Woche; FiO2: 16-10 %) konnte eine gesteigerte Belastungstoleranz am Fahrradergometer bei älteren untrainierten Personen mit und ohne vorangegangenem Herzinfarkt und bei Patienten mit milder COPD festgestellt werden. Veränderungen der Gesamthämoglobinmasse, erhöhte Lungen-Diffusionskapazität und reduziertes Belastungsempfinden waren mit verminderten kardiorespiratorischen und metabolischen Reaktionen auf vergleichbare submaximale

Change from baseline (%)

10

5 0

-5

-10

-15

-20 -25

P = 0.03 0.02 0.03 0.35 0.06 0.6 <0.01 <0.01 <0.01 <0.01

Hypoxia Control

Heart rate Systolic blood pressure Rate-pressure product Oxygen consumption Minute ventilation Respiratory exchange ratio Arterial oxygen saturation Arterial oxygen content Blood lactate Perceived exertion

Abbildung 4: Änderungen submaximaler Belastungsreaktionen nach 3-wöchiger intermittierender Hypoxie (nach Burtscher et al., 2004).

Belastung verbunden (Abbildung 4). Die Vielzahl an möglichen Protokollen verbunden mit individuell unterschiedlichen Reaktionen machen die heterogenen Studienergebnisse und die Schwierigkeiten deren Interpretation verständlich. Es ist anzunehmen, dass abhängig von der Zielsetzung und den Ausgangsbedingungen auch unterschiedliche Protokolle unterschiedlich geeignet sind. Die Darstellung der positiven Effekte intermittierender Hypoxie darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass neben den bereits erwähnten negativen Effekten intermittierender Hypoxie, wie sie bei OSA auftritt, unter bestimmten Bedingungen und inkompetenter Applikation durchaus auch weitere, zum heutigen Zeitpunkt noch unbekannte unerwünschte Folgen auftreten können (37).

CONCLUSIO

Die dargestellten Einsatzmöglichkeiten intermittierender Hypoxie stellen eine willkürliche Auswahl dar, zeigen aber auf, dass intermittierende Hypoxie zunehmend im Sport aber auch in der Industrie sowie in Prävention und Therapie Interesse findet. Die komplexen Wirkungsmechanismen intermittierender Hypoxie machen die heterogene

Datenlage verständlich und eine verbreitete Anwendung in den genannten Einsatzbereichen ist zwar hoffnungsvoll zu betrachten, aber derzeit auch mit aller notwendigen Vorsicht anzugehen. Es bestehen keine Zweifel, dass der Einsatz von intermittierender Hypoxie mit unerwünschten Effekten verbunden sein kann, die von erfahrenen und kompetenten Betreuern von vornherein auszuschließen sind oder zumindest rechtzeitig erkannt werden müssen. Erst die Ergebnisse einer Vielzahl weiterer wissenschaftlicher Untersuchungen werden eine ehrliche Nutzen-Risiko-Abschätzung gestatten. Unbestritten ist aber auch, dass der kontrollierte Hypoxieeinsatz das Potenzial eines derzeit noch kaum genutzten präventiven und therapeutischen Werkzeugs in sich birgt.

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