Links! Ausgabe 07-08/2014

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Schattenseiten der WM in Brasilien

Politik und Kultur für Sachsen, Europa und die Welt Juli-August 2014

Darf man sich bei der FußballWeltmeisterschaft an tollen, spannenden Spielen erfreuen, wenn man um die schwierige soziale Situation in Brasilien, die enormen Kosten für umstrittene Stadionbauten und den Gigantismus der FIFA weiß? Die meisten Fußball-Fans werden diese Frage sicher mit einem klaren Ja beantworten. Auch ich bin dem Fußball sehr zugetan, und es macht Spaß, solche Spiele wie das 5:1 von Holland gegen Spanien oder auch den 4:0-Erfolg der deutschen Mannschaft gegen Portugal anzusehen. Und doch kann ich die Schattenseiten der am Ende wohl teuersten WM aller Zeiten nicht ausblenden. Während für die Vorbereitung des Fußball-Festes nach offiziellen Angaben mindestens 8,5 Milliarden Euro ausgegeben wurden (andere Quellen sprechen von 10 Milliarden), ist für Bildung, das Gesundheitswesen, den dringend notwendigen Ausbau der Infrastruktur sowie des öffentlichen Personennahverkehrs und insbesondere auch für eine wirksame Armutsbekämpfung in Brasilien angeblich kein Geld vorhanden. Allein in der Stadt Sao Paulo gibt es derzeit etwa 15.000 Obdachlose, also mehr als halb so viele wie in der gesamten Bundesrepublik. Im Vorfeld der WM gab es massive Vertreibungsaktionen gegen die Obdachlosen aus der Innenstadt, wobei auch Tränengas und Gummigeschosse eingesetzt wurden. Die Gäste aus aller Welt sollten das Elend möglichst nicht zu Gesicht bekommen. Zahlreiche Bauvorhaben wurden erst in letzter Minute oder gar nicht richtig fertig gestellt. Die Arbeitsbedingungen für die Bauleute waren zwar nicht so katastrophal wie in Katar; dennoch gab es mehrere Todesopfer. Während die Bildungsmisere größer wurde, verwies die Regierung unter Präsidentin Roussef immer wieder auf leere Kassen, die zusätzliche Ausgaben nicht erlauben würde. Zugleich stiegen die Kosten für die Fußball-WM immer

weiter, denn statt der von der FIFA geforderten acht Spielorte entschied die Regierung, sogar 12 Stadien zu errichten, wobei für einige die Nachnutzung völlig offen ist, weil es in der Region gar keine höherklassige Mannschaft gibt, die künftig dort spielen könnte und ausreichend Zuschauer anzieht. Doch damit nicht genug: Brasilien hatte sich ja auch für die Austragung der Olympischen Sommerspiele beworben und mit Rio de Janeiro den Zuschlag für 2016 erhalten. Auch das wird wieder viele Milliarden Euro kosten. Das Land hat sich offensichtlich finanziell völlig übernommen, und die Proteste in Brasilien dagegen sind absolut nachvollziehbar. Bereits zur Generalprobe zur WM, dem Confederations Cup im Sommer 2013, protestierten mehr als zwei Millionen Menschen gegen die verfehlte Politik ihrer Regierung. Und wenn in einem so fußballbegeisterten Land wie Brasilien die Hälfte der Einwohner gegen die WM ist, dann müsste das für die Verantwortlichen Alarmsignal genug sein. 2008 unterstützten immerhin 79 Prozent die Austragung, im Februar 2014 waren es gerade noch 52 Prozent. Aktuell verfolgen natürlich auch viele Brasilianer in den Stadien und am Fernseher die insgesamt 64 Partien des Turniers. Doch spätestens nach dem Endspiel werden die Probleme wieder mehr ins Rampenlicht kommen. Umso unverschämter ist es, dass sich die FIFA vertraglich zusichern ließ, für ihre Gewinne durch die WM keinerlei Steuern in Brasilien zahlen zu müssen. Um welche Beträge es dabei geht, wird klar, wenn man weiß, das der Weltfußballverband bei der WM 2006 in Deutschland durch ähnliche Regelungen ca. 800 Millionen Euro nicht an den Gastgeber abgeführt hat – Geld, das gerade Brasilien dringend benötigen würde. Was bedeutet das nun für eine linke Sportpolitik? Ganz sicher nicht die generelle Ablehnung aller Sportgroßereignisse, auch nicht hier bei uns. Aber wir müssen vom Gigantismus, von ausufernden Kosten wegkommen, brauchen klare Kriterien für deutlich bescheidenere Spiele bei Einhaltung sozialer und ökologischer Standards. Nicht zuletzt müssen die Menschen im Land mitgenommen werden, am besten durch Bürgerentscheide vor einer offiziellen Bewerbung.


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