Brennpunkt Volkswirtschaft
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Ökologische und energiepolitische Herausforderungen (Ausgabe für Lehrperson)
Seite 38
Aufgabe 3 Fossile Energieträger
Schiefergas-Hype spaltet die Gemüter Geologen vermuten riesige Schiefergasvorkommen im Schweizer Mittelland. Ein texanischer Gaskonzern wittert das grosse Geschäft. Doch die Förderung ist umstritten. Am Bodensee suchen britische Konzerne bereits seit geraumer Zeit nach Gas und diese Woche wurde bekannt, dass der texanische Gaskonzern eCorp im Mittelland ebenso nach fossilen Brennstoffen bohren will. Um an das kostbare Schiefergas zu kommen, bedienen sich die Bohrspezialisten des Hydraulic Fracturing, kurz Fracking. Zu Deutsch bedeutet dies so viel wie hydraulisches Aufbrechen von Gestein. Technischer Kern der Methode ist es, Wasser und Chemikalien in tiefliegende Gesteinsschichten zu pressen und dadurch Druck zu erzeugen, um Öl oder Gas herauszulösen. Der Gaskonzern eCorp will nun sein europäisches Hauptquartier nach Zürich verlegen und von dort die Gasexploration in der Schweiz, Frankreich, England und Osteuropa vorantreiben. Dafür will das Unternehmen aus Texas mehrere Millionen Franken investieren. Noch in diesem Jahr sind zehn Probebohrungen im Mittelland geplant. Und die Aussichten sind glänzend: Geologen vermuten in 3000 Metern Tiefe Schiefergasvorkommen, die den Bedarf an fossilen Brennstoffen in der Schweiz für Jahrzehnte decken könnten. Ein Milliardengeschäft, das sich eCorp angeln möchte. Experten nehmen Stellung Für die einen ist die moderne Fördermethode ein Segen, für die anderen ein Frevel an der Umwelt. Die Fracking-Methode birgt laut Kritikern grosse Gefahren, insbesondere für das Grundwasser. Die Befürworter sehen grosses Potenzial in der Energiegewinnung. 20 Minuten Online hat zwei Experten zur umstrittenen Fördermethode befragt: Pro: Peter Burri, Präsident Schweizerische Vereinigung von Energie-Geowissenschaftern «In den USA gab es bei der Förderung von Schiefergas einige Umweltprobleme. Diese Vorkommnisse sind inakzeptabel, gehen aber fast ausschliesslich auf menschliches Versagen zurück. Fracking wird seit Jahrzehnten problemlos angewendet. Es ist möglich, Gestein aufzubrechen, ohne gefährliche Chemikalien zu verwenden, neuerdings sogar ohne Wasser. Ein Verbot der Technologie ist wissenschaftlich nicht gerechtfertigt. Was wir brauchen, sind klare Richtlinien, damit die Technologie kontrolliert angewendet werden kann. Europa deckt heute einen wichtigen Teil seines Energiebedarfs mit Gas, das wird noch sehr lange so bleiben. Es ist auch umweltpolitisch sinnvoll, das Gas in der Schweiz zu fördern: Hier geschieht dies unter strengen Sicherheitsauflagen und wir verschwenden nicht einen bedeutenden Teil der Energie, um das Gas von Sibirien in die Schweiz zu transportieren.»
Contra: Michael Casanova, Projektleiter Gewässerschutz- und Energiepolitik bei Pro Natura «Es klingt verlockend. Gas im Wert von Milliarden von Franken schlummert tief unter unseren Betten im Untergrund. Nur: Um es zu gewinnen, müssen inakzeptable Risiken eingegangen werden. Tonnenweise müssten Chemikalien zur Förderung in den Untergrund gepumpt werden. Eine langfristige Verschmutzung von Trink- und Grundwasser ist trotz beruhigenden Worten der Gas-Lobby nicht auszuschliessen. Ebenso werden beim Fracking Abermillionen Liter Wasser verbraucht. Wasser, welches aus unseren bereits stark genutzten Gewässern entnommen wird. Heute stehen wir am Anfang eines neuen Energiezeitalters. Investieren wir in Energieeffizienz und Energieträger der Zukunft! Das krampfhafte Festhalten am fossilen Zeitalter blockiert dringend nötige Impulse für eine naturverträgliche Energiezukunft.» USA im Rausch des schwarzen Goldes In den USA wird das hydraulische Aufbrechen von Gesteinsformationen bereits grossflächig eingesetzt. Die grössten Gas- und Ölquellen liegen in Texas und North Dakota und sie sollen die USA vom Tropf der Scheichs befreien und die russischen Gasproduzenten in die Schranken weisen. Das wird weltpolitisch weitreichende Folgen haben. Der grösste Verbraucher fossiler Brennstoffe könnte in ein paar Jahren zum grössten Ölproduzenten der Welt aufsteigen – eine Renaissance, an die viele nicht mehr geglaubt haben. Die US-Energiebehörde EIA geht davon aus, dass durch die neue Technik im laufenden Jahr 900 000 Fass mehr Öl pro Tag aus dem Boden gepumpt werden können. Die Förderung steigt damit auf 7,3 Millionen Barrel. Zugleich wird die Einfuhr von Rohöl und Benzin den Behörden zufolge bis 2014 auf sechs Millionen Barrel (159 Liter) pro Tag sinken. Das ist rund die Hälfte des Spitzenwertes der Jahre 2004 bis 2007. Deutsche Behörden melden Bedenken an In Deutschland hat die Fracking-Technologie indes einen Rückschlag erlitten. Das deutsche Umweltbundesamt warnt vor dem Einsatz der umstrittenen Erdgasfördermethode. Sie soll nur unter strengen Auflagen erlaubt werden. Das Bundesamt geht davon aus, dass 1,3 Billionen Kubikmeter Gas tief unter der Erde schlummern. Das entspreche dem Gesamtbedarf der nächsten 13 Jahre in Deutschland. Die Behörden warnen jedoch, dass die Technologie insbesondere wegen des Einsatzes von Chemikalien und der Entsorgung des anfallenden Wassers erhebliche Risiken berge. Quelle: 20 Minuten online; 25. Januar 2013