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l l an.schläge das feministische monatsmagazin. mai 2011
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Schnupperabo (3 Hefte): 10 / 12* Euro Jahresabo (10 Hefte): 35 (ermäßigt 29) / 45* Euro Unterstützungsabo (10 Hefte): 43 / 53* Euro * gültig für Europa, weitere Auslandspreise auf Anfrage Infos und Bestellungen unter abo@anschlaege.at oder auf www.anschlaege.at
Maskulinismus & Militarismus Rosarote Panzer Werkbank, E-Gitarre und rote Nägel Ein Kindergarten ohne Puppen- und Bauecke Kein Frieden für die Normalität Die Rapperin Sookee erklärt das Konzept „Quing“ Plus: Rassismus-Report >> schwedisches Sexualstrafrecht >> Tura Satana >> AUF >> Siri Hustvedt >> prekäre Organisierung >> MEN >> und vieles mehr
an.schläge Nr. 05/11, 25. Jahrgang, € 3,80 (Ö) € 4,80 (D) sfr 9,00 , ISSN 1993-3002, P.b.b. Erscheinungsort Wien, Verlagspostamt 1010 Wien, envoi à taxe réduite, GZ 02Z031419 M
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“... frauenschtean jedenfalls kann frau so oder so lesen: stern oder stören.“
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MORGENSCHTEAN Die österreichische Dialektzeitschrift
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Wie werden Widerstandskämpfer_innen, Überlebende und Opfer des Nazi-Regimes erinnert – oder nicht erinnert und vergessen? Künstler_innen, Jugendliche und Expert_innen tragen Ge-Schichten ab und legen unhörbare und ungehörte Erinnerungen frei. fathomizingmemory.o94.at Eine multimediale Installation von V. Nino Jaeger und interaktives Rahmenprogramm von und mit Petra Unger, trafo.K, DÖW, Verein Gedenkdienst, VBKÖ, Wolf Werdigier, m.a.x. und zenklo™
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T +43-662/84 22 94 www.salzburgerkunstverein.at
Politik 06 >>>
an.riss politik
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Der Stoff und die Haut Frauen werden nicht nur zu Opfern von Rassismus, sie sind häufig auch Täterinnen
10 >>>
Prekäres Leben, gut vertreten Undokumentiert Arbeitende wollen gewerkschaftlich vertreten sein
12 >>> 14 >>>
Prata om det! Das schwedische Sexualstrafrecht unterscheidet sich kaum von anderen an.riss international
Thema: Rosarote Panzer 16 >>>
Pink M.24 Chaffee A tank wrapped in pink
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„Seitdem die Mädchen da sind“ Interview: Die Soziologin Cordula Dittmer ortet Gender Trouble beim Militär
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Männlichkeit und Wehrbereitschaft Hinter der Wehrpflicht steckt Geschlechterpolitik
Gesellschaft 26 >>>
an.riss arbeit wissenschaft
28 >>> 30 >>>
Werkbank, E-Gitarre und rote Nägel Im geschlechtssensiblen Kindergarten gibt es keine Puppen- und Bauecke
It’s all about visibility Interview: JD Samson und Michael O’Neill von „MEN“ machen Musik für die Bewegung
Kultur
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Kein Frieden für die Normalität Interview: Die Berliner Rapperin Sookee über die orgiastische Vereinigung von HipHop und Feminismus
36 >>>
Leave her to heaven Nachruf auf Tura Satana, die Rächerin in „Faster, Pussycat! Kill! Kill!“
an.sage: AUF geht's sprechblase: Sager des Monats plusminus: Cool Lady vs. Bad Boy an.frage: lobby.16: Chancen für junge Flüchtlinge medienmix: theshapeofamother.com, MaydayVideo, Original Plumbing an.sprüche: Passkontrolle an.lesen: Siri Hustvedt, Ghislaine Dunant, Angelika Schaser, Franziska Bergmann, Antonia Eder u.a., Najat El Hachmi, Luce Irigaray, Norbert Haloubek, Kirsten Höcker an.klang: Planningtorock, Cherry Sunkist, No Joy, Ladi6 an.sehen: identities 2011: Raus ins Kino! an.künden: Termine & Tipps
05 06 06 07 15 25 38
Kolumnen
an.riss kultur
Rubriken Rubriken
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neuland lebenslauf zeitausgleich heimspiel lesbennest bonustrack: clara luzia katzenpost zappho des monats
11 11 20 28 26 33 37 41 40 44 43 47 46 50
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Mai 2011 an.schläge l 03
editorial Die Redaktionssitzungen sind bei diesem schönen Frühlingswetter schlecht besucht, und die Arbeitsmoral der wenigen Anwesenden ist lausig. Eine der letzten Sitzungen begann deshalb mit ausgedehnter gemeinsamer Begutachtung der neuen Schuhe einer Redakteurin und endete im kollektiven Bedauern darüber, dass Dauerwellen inzwischen völlig aus der Mode gekommen sind. Es ist uns glücklicherweise trotzdem gelungen, das neue Heft termingerecht fertigzustellen. Was uns leider nicht gelungen ist: Eine Aktivistin als Autorin zu finden, die zu Antimilitarismus und Feminismus arbeitet. Deshalb besteht der Schwerpunkt der aktuellen Ausgabe nicht allein aus Textbeiträgen zum Thema Gender und Militär – eine Bildstrecke, die eine künstlerische Arbeit von Marianne Jørgensen dokumentiert, liefert den aktivistischen Aspekt. Bei dieser Protestaktion gegen den Irak-Krieg wurde ein Panzer mit pinkfarbenem Garn eingestrickt (Details S. 16). Die Redaktion
an.schläge werden gefördert von:
Feminist Superheroines Das Leben der Französin Louise Michel (1830-1905) zeichnet sich durch politische Leidenschaft und revolutionären Einsatz aus. Liberal erzogen setzte sie sich schon früh über Regeln hinweg und war eine überzeugte Gegnerin des Bonapartismus. Ob als Lehrerin und später Schulleiterin, als Krankenpflegerin, Autorin, Anarchistin oder Feministin – stets kämpfte sie gegen überkommene Strukturen und rief auch schon einmal zum Baguette-Diebstahl auf. Berühmt wurde sie vor allem durch ihr Engagement in der Pariser Kommune 1871. Für ihre Überzeugungen stand sie auch vor Gericht, und wurde zweimal zu Gefängnisstrafen sowie einer Verbannung nach Neukaledonien verurteilt. Zurück in Paris kämpfte sie jedoch unbeirrt weiter für sozialrevolutionäre Ideen und trotzte auch einem Attentat und einer Einweisung in die Nervenheilanstalt. Michels Leistungen wurden schon zu ihren Lebzeiten honoriert und machen sie zu einer legendären feministischen Figur sozialer Revolution. bicou Illustration: Lina Walde
leserinnenbrief Betrifft: „Sex ohne Ablaufdatum“ an.schläge 04/2011 Als bekennende ältere lesbische Frau lege ich wert darauf, dass die Zitate im Artikel „Sex ohne Ablaufdatum“ zum Film „Die Lust der Frauen“, die unter dem Namen Birgit erschienen sind, nicht von mir sind. Ich bin eine der fünf Frauen aus diesem mutigen Film und stehe eindeutig und sonnenklar zu meinem Lesbentum. Äußerungen wie „Ich brauch den Mann eh nur für ein Thema“ stammen ganz sicher nicht von mir. Brigitte, eine der vier anderen Frauen, ist die „schelmische“ und lebenskluge Frau, die sich zu ihrem Singledasein mit
Liebhaber bekennt. Ich bekenne mich zu meiner Liebe zu Frauen. Und sehe es als meinen politischen Auftrag, das auch öffentlich zu tun. Danke für die Veröffentlichung der Richtigstellung. Birgit Meinhard-Schiebel SeniorInnensprecherin der Wiener Grünen Vorsitzende der Initiative Grüner SeniorInnen Wien Vice-chairwoman European Network Green Seniors
impressum
Herausgeberinnen und Verlegerinnen: CheckArt, Verein für feministische Medien und Politik. A-1030 Wien, Untere Weißgerberstr. 41, T. 01/920 16 76, E-Mail: redaktion@anschlaege.at, office@anschlaege.at, www.anschlaege.at l Koordinierende Redakteurinnen: Sylvia Köchl, office@anschlaege.at, T.01/920 16 76, Lea Susemichel, redaktion@anschlaege.at, T. 01/920 16 78 Buchhaltung, Abos: Svenja Häfner, buchhaltung@anschlaege.at, abo@anschlaege.at l Termine, Tipps: Anita Weidhofer, termine@anschlaege.at l Inserate: Michèle Thoma, mi.thoma@chello.at l Redaktion: Bettina Enzenhofer/be, Andrea Heinz/han, Sylvia Köchl/sylk, Silke Pixner/pix, Fiona Sara Schmidt/fis, Lea Susemichel/les, Irmi Wutscher/trude, Vina Yun/viyu l Praktikum: Birgit Coufal l Texte: Lisa Bolyos, Clara Luzia, Birgit Coufal/bicou, Kendra Eckhorst, Sonja Eismann, Denice Fredriksson, Svenja Häfner/svh, Beate Hammond, Gabi Horak/GaH, Kathrin Ivancsits/ kaiv, Mia Kager/miak, Leonie Kapfer/leka, Uta Klein, Birge Krondorfer, Leela, Traude Lehner, Mieze Medusa, Birgit Meinhard-Schiebel, Kati Morawek, Verena Stern/vers, Elisabeth Streit, Verena Turcsanyi, Jenny Unger l Layoutkonzept & Layout: Lisa Bolyos l Coverfoto: Barbara Katzin l Cartoons & Illustrationen: Paula Bolyos, Nadine Kappacher, Lisa Max, Bianca Tschaikner, Lina Walde l
Fotos: an.schläge-Archiv, Lisa Bolyos, Bettina Brach, Marion Ettlinger, Sarah Haas, Andrea Heinz, identities 2011, Barbara Katzin, Sylvia Köchl/SylK, Isolde Loock, Elisa Moro, Allison Michael Orenstein, Kenji Muto Quiróz, Springstoff, Cherry Sunkist, Benjamin Wittorf l Homepage: Mirjam Bromundt, www.anschlaege.at l Druck: H.R.G. Druckerei © an.schläge: Titel, Vorspann und Zwischentitel von der Redaktion. Namentlich gekennzeichnete Beiträge müssen nicht der Auffassung der Redaktion entsprechen. Kürzungen vorbehalten. l ISSN 1993-3002
04 l an.schläge Mai 2011
an.sage
AUF geht's Ein Kommentar von Gabi Horak
Ja. Die österreichische feministische Bewegung verliert mit „AUF – Eine Frauenzeitschrift“ ein wichtiges Medium – einen Fels in der Brandung seit 36 Jahren. Nein. Die Bewegung ist deshalb noch lange nicht am Ende. Sie wird sich nur weiterhin verändern und eben „in Bewegung“ bleiben. Als die AUF-Redaktion in der aktuellen Ausgabe ankündigte, dass das kommende AUF-Heft Nr. 153 auch das letzte sein würde, war die feministische Szene ein wenig geschockt. Ausgerechnet die älteste feministische Zeitschrift muss aufgeben, eine Ära geht zu Ende, das „Flaggschiff“ geht unter, der Anfang vom Ende? Ganz so dramatisch ist es selbstverständlich nicht, und Insiderinnen waren auch wenig überrascht. Wie andere Zeitschriften und feministische Projekte auch, hatte die AUF-Redaktion schon seit Jahren Probleme: Es gibt immer weniger Leserinnen, ältere Redakteurinnen werden müde und verändern sich, junge Frauen haben neben prekären Arbeitsverhältnissen kaum Zeit und Energie für ehrenamtliche Arbeit, Medienlandschaft, Rezeptionsgewohnheiten und Bedürfnisse junger Leserinnen sind im Wandel. Vom chronischen Geldmangel ganz zu schweigen. „Die Bewegung kann trotzdem weitergehen“, versucht Eva Geber, seit 35 Jahren AUF-Redakteurin, zu beruhigen. „Ich war immer schon der Meinung, dass es mehrere feministische Zeitschriften nebeneinander geben soll – je mehr umso besser!“ Tatsächlich ist die feministische Medienlandschaft ein Spiegelbild der Szene: So heterogen und vielfältig wie die feministischen Strömungen und Politiken im Land, sind auch ihre Medien. Und sie funktionieren nach anderen Regeln als große, traditionelle Medien: Die Mitarbeiterinnen sind Medienmacherinnen aus feministischer Leidenschaft, großteils ehrenamtlich, sie schaffen mit jeder Ausgabe das Unmögliche. Kein/e HerausgeberIn eines großen Magazins würde sich mit so wenig Budget auch nur die Mühe machen, die Redaktion aufzusperren. Deshalb sollten wir uns freuen, dass feministische Zeitschriften unter diesen Bedingungen – zumindest vereinzelt – sogar Jahrzehnte überdauern und so ein Ort der Kontinuität für die Bewegung sind. Und es ist schön, dass es immer wieder neue
Medienprojekte gibt, (junge) Frauen, die ihre Perspektiven einbringen. Sie kommen mit Themen, die „älteren“ Feministinnen oft ganz neu sind. Ja, auch die Gründerinnen-Generation kann noch überrascht und begeistert werden. Das Überleben eines feministischen Mediums hängt nicht zuletzt davon ab, wie gut es die Generationen-Übergabe meistert. Und damit sind weniger Alters-Generationen gemeint, sondern Generationen von Feministinnen, Aktivistinnen mit jeweils unterschiedlicher theoretischer „Herkunft“, unterschiedlichen Perspektiven, unterschiedlichen Zielen. Wobei ich keinen „Generationen-Konflikt“ konstruieren, sondern einfach betonen möchte, dass auch feministische Bewegungen nicht frei sind von Hierarchien. Leidenschaftliche Medienmacherinnen, die Freizeit und Energie investieren in „ihr“ Projekt, sind keine gut bezahlten Managerinnen, die von einem Magazin zum nächsten hüpfen, je nachdem, wer gerade mehr bietet. Dementsprechend schwer fällt es ihnen auch loszulassen, neue Frauen mit neuen Politiken zu akzeptieren. Ich selbst habe in den an.schlägen schon mehrere GenerationenWechsel miterlebt, die mehr oder weniger gut funktioniert haben. Ich weiß nur zu gut, wie schwer das Loslassen fällt, das Abgeben von Macht und Einfluss. Aber das Medium muss sich verändern, um auch neue LeserInnen anzusprechen. Die Redaktion muss da irgendwie mitkommen – und dieser ständige Wandel ist unheimlich schwer zu bewältigen neben der täglichen Arbeit. Deshalb ist es verständlich und vielleicht auch keine so schlechte Strategie, dass immer wieder neue Medien auftauchen, die eine Zeit lang funktionieren und dann gibt es sie nicht mehr, dafür aber wieder andere. Wir sollten dieser Dynamik überwiegend Positives abgewinnen, denn sie sichert unsere heterogene, blühende feministische Medienlandschaft! Auch wenn die AUF in dieser Form, mit dieser Redaktion dem Ende zugeht, steht einem Neubeginn nichts im Wege: Der Name „AUF – Eine Frauenzeitschrift“ kann weiter bestehen – wenn sich Frauen finden, die das Projekt selbstständig auf neue Beine stellen (siehe S. 6). Der GenerationenÜbergabe geht dann eben eine etwas tiefere Zäsur voran als üblich. AUF geht’s! Das ist nicht der Anfang vom Ende der Bewegung, sondern irgendwie halt der Lauf der Dinge. l
Mai 2011 an.schläge l 05
an.riss politik girls in politics Politik-Lehrgang startet in Salzburg Mädchen und junge Frauen für Politik zu interessieren und für politisches Engagement vorzubereiten – das ist das Ziel des Projekts „girls in politics“. 19 Mädchen aus der Region Bayern/Traunstein/Salzburg im Alter von zwölf bis 17 Jahren nehmen an dem von „make it“ und dem Büro für Mädchenförderung in Salzburg organisierten Lehrgang teil. Die Zielgruppe sind Mädchen und junge Frauen, die bereits politisch aktiv (etwa als Schulsprecherinnen etc.) oder in Vereinen und Organisationen aktiv tätig sind.Von PolitologInnen der Universität Salzburg lernen sie unter anderem, was Demokratie bedeutet und wie Politik funktioniert. In weiterer Folge stehen Treffen und Gespräche mit PolitikerInnen auf der Landes-, Bundes- und Europaebene auf dem Programm.
Die Mädchen erproben eigene Argumentationsstrategien und Präsentationen und lernen, ihre Ideen um- und durchzusetzen. Ziel ist es, den Mädchen und jungen Frauen dadurch das Rüstzeug zu geben, um sich aktiv in die Politik einzumischen. Im Idealfall sollen die TeilnehmerInnen schlussendlich Lust bekommen, sich selbst politisch zu engagieren. trude www.akzente.net, http://diestandard.at
feministisches wunder AUFhören? Letztes Jahr wurde noch das 35-Jahr-Jubiläum gefeiert, jetzt soll Schluss sein mit „AUF – Eine Frauenzeitschrift“. In der aktuellen Ausgabe der ältesten feministischen Zeitschrift Österreichs kündigen die Redakteurinnen an: „Wenn es kein feministisches Wunder gibt, muss die AUF mit dem nächsten Heft ihr Erscheinen einstellen“ (siehe Kommentar S. 5). Eva Geber, eine der tragenden Säulen der Zeitschrift und seit 35 Jahren dabei, muss aus gesundheitlichen Gründen ab sofort kürzer treten, und auch der Rest der Basis ist weggebröckelt. Also her mit dem feministischen Wunder! Die AUF braucht engagierte Frauen, die das Projekt eigenverantwortlich übernehmen, die Zeitschrift am Leben erhalten bzw. zu neuem Leben erwecken. Die letzte AUF der alten „Ära“ soll mit einem Furioso erscheinen und Feminismus, Frauenbewegung, Frauenrechte im Kontext der Globalisierung reflektieren. Auch dafür sind Beiträge herzlich willkommen (Redaktionsschluss: 23. Mai). GaH Kontakt: auf@auf-einefrauenzeitschrift.at, www.auf-einefrauenzeitschrift.at
schule Reif für die Türkisch-Matura?
„Das
Beste
Osten? Die ostdeutsche
am
Türkisch soll zukünftig als zweite lebende Fremdsprache an Gymnasien unterrichtet werden. Dieser Vorschlag kam Anfang April von Unterrichtsministerin Claudia Schmied. Derzeit werden ein Lehrplan sowie ein Lehramtsstudium an der Universität Graz vorbereitet. Damit wäre Türkisch
Frau.“
Auf die Frage, was das Beste an der ehemaligen DDR sei, antwortete Rainer Haselhoff, CDU-Fraktionsvorsitzender in Sachsen-Anhalt, prompt: „Die ostdeutsche Frau.“ Diese sei dank „Diktaturerfahrung“ „nüchterner“ und „unkomplizierter“ gewesen. Warum? Nun, sie machte sich nicht „stundenlang“ Gedanken über „Fleisch oder Biofleisch“, bei ihr ging es nur um „Fleisch oder NichtFleisch“. Na klar, denn die „Frau“ an sich macht sich eh über nichts anderes Gedanken als ums Abendessen. leka 06 l an.schläge Mai 2011
plus
Cool Lady (+)
Bad Boy (–)
Was will ein_e Journalist_in von einer Hollywood-Schauspielerin wissen? Etwas über ihre Arbeit? Natürlich nicht. Viel interessanter: Stylingfragen! Mit dieser Sorte journalistischer Inkompetenz wurde kürzlich auch „Sex-and-the-City“-Star Kim Cattrall konfrontiert. Als die Interviewerin Cattrall zu ihrem Intimhaarschnitt befragen wollte, stellte sich die Schauspielerin jedoch quer und beharrte vehement darauf, über ihr neues Filmprojekt zu sprechen. Sie sei immerhin ihres Berufes wegen da. leka
Chris Brown, US-amerikanischer HipHopper, scheint wieder hoch im Kurs zu stehen. Nachdem der Sänger vor gut zwei Jahren Schlagzeilen machte, weil er seiner ExFreundin Rihanna schwere körperliche Verletzungen zufügte, darf der Gute nun wieder von TV-Show zu TV-Show turnen, um sein neues Album zu promoten. Auf die Frage nach dem Übergriff antwortete Brown bei so einer Gelegenheit nur: „I’m so over people bringing this past shit up.“ Chris, wir sind so „over you“! leka
an.frage anderen Sprachen wie Französisch, Russisch, Polnisch, Bosnisch/Serbisch/ Kroatisch und den insgesamt weiteren 14 Sprachen gleichgestellt, die derzeit als lebende Fremdsprachen an AHS unterrichtet werden. Die Grünen begrüßen die Maßnahme und bezeichnen sie als „überfällig“. FPÖ, BZÖ und ÖVP sind in ersten Reaktionen gegen Türkisch als Maturafach – sie sind wenig überraschend der Meinung, SchülerInnen mit Migrationhintergrund sollten besser Deutsch lernen. Die FPÖ droht mit der Vision einer „Parallelgesellschaft“ – BildungsexpertInnen widersprechen und argumentieren, dass mit einem Maturafach Türkisch sogar die Durchlässigkeit bei den Bildungschancen erhöht werde, und sehen die Maßnahme somit als Gegenmittel zur angeblichen Parallelgesellschaft. trude
anti-WKR-ball „radical-queer-feminists against burschis“ „Männerbünde angreifen!“ Dieser Satz im Aufruf der „radicalqueers“ zur Demonstration gegen den Ball des Wiener Korporationsrings, vulgo WKRBall, soll gemeinsam mit einem anonymen YouTube-Video der Grund für das Verbot der Gegen-Demo am 28. Jänner 2011 gewesen sein. Und das, obwohl in dem Text wenige Sätze zuvor zu Alkoholverzicht und vernünftigem Verhalten aufgerufen wird. Das geht aus der Beantwortung einer parlamentarischen Anfrage der Grünen durch Innenministerin Maria Fekter hervor. Der Grüne Justizsprecher Albert Steinhauser findet das bedenklich: „Wenn man sich auf ein x-beliebiges Video beruft, das irgendjemand anonym ins Netz stellt, dann kann man mit dieser Begründung in Zukunft jede Demo untersagen.“ Beim Ball des Wiener Korporationsrings, einer Dachorganisation rechtsradikaler Burschenschaften, kommt jedes Jahr die rechtsradikale Politikprominenz Europas zusammen. Die Demo dagegen wurde, wie auch im Jahr davor, in letzter Minute aus fadenscheinigen Gründen abgesagt. Bei nicht genehmigten Kundgebungen wurden 14 Personen festgenommen und mehrere verletzt. trude http://radicalqueer.blogsport.eu/radicalqueer-aufruftext; www.youtube.com/watch?v=AYff9hnAPhY
frauenbericht Linz hat seine Frauen beforscht Einen umfassenden Einblick in die Lebensrealität von Linzer Frauen gibt der nun vorliegende, erste Frauenbericht. Von Mai 2010 bis April 2011 wurde „die Linzer Lage der Frauen“ mittels quantitativer und qualitativer Methoden erhoben. Zentrale Ergebnisse beziehen sich auf Arbeits- und Bildungssituation, Familie und Verteilung der Sorgearbeit. Grob zusammengefasst ergibt sich zum Beispiel bezüglich Erwerbstätigkeit, dass Frauen auch in Linz vermehrt Teilzeit und eher im schlecht bezahlten Dienstleistungsbereich arbeiten. Umgekehrt sind in politischen Ämtern durchwegs weniger Frauen als Männer zu finden. Den gesamten Frauenbericht gibt es auf der Website der Stadt Linz. Frauenstadträtin Eva Schobesberger will den Bericht als Wegweiser für politische Maßnahmen heranziehen und ihn außerdem als Dauereinrichtung etablieren, um so regelmäßig Daten über die aktuelle Situation von Frauen zu erhalten. trude http://linz.at/images/ko-frauenbericht1.pdf; http://diestandard.at
Chancen für junge Flüchtlinge lobby.16 ist ein gemeinnütziger Verein mit Sitz in Wien, der unbegleitete junge Flüchtlinge seit Jänner 2009 bei Ausbildung, Arbeitsplatzsuche und im Alltag unterstützt. Birgit Coufal hat bei Veronika Krainz und Daniela Albl nachgefragt, wobei die Jugendlichen Hilfe gebrauchen können. Ihr betreut unbegleitete junge Flüchtlinge. Was sind eure Angebote und wie werden sie angenommen? Unsere Schwerpunkte sind Bildung und Arbeit, Ziel sind ausbildungsbezogene Perspektiven. Die Schritte dazu: Feststellung von Interessen und Fähigkeiten, Schnuppern in der Praxis, Festlegung eines Ausbildungsweges und nachhaltige Unterstützung auf diesem Weg. Bei jungen Flüchtlingen mit Zugang zum Arbeitsmarkt ist das Ziel meist, eine Lehrstelle zu finden, manchmal eine weiterführende Schule. Unser besonderes Anliegen ist es, jungen AsylwerberInnen, die seit Jahren auf ihren Bescheid warten und weder arbeiten noch eine Lehre machen dürfen, Bildungschancen zu geben. Wir unterstützen sie mit der Finanzierung von Kurzausbildungen und – nach Bewilligung durch das AMS – mit Volontariaten in Unternehmen. Wir arbeiten generell eng mit Unternehmen zusammen, mit denen wir möglichst längerfristige Kooperationen eingehen. Für einen bestmöglichen Einstieg in eine Lehre oder eine andere Ausbildung bieten wir Qualifizierungsmaßnahmen an: Unternehmen engagieren sich unentgeltlich mit Workshops und Kursen (Bewerbungsund interkulturelle Trainings, Mathekurse), ehrenamtlich engagierte Einzelpersonen geben Deutsch- und Englischkurse. Und wir haben einen engagierten Pool an ehrenamtlichen NachhilfelehrerInnen und MentorInnen, die den jungen Flüchtlingen individuelle Unterstützung geben. Aus welchen Gründen flüchten Minderjährige ohne Begleitung und wie ist ihre Lebenssituation in Österreich? Viele flüchten aufgrund der gefährlichen Situation in ihrer Heimat, andere weil sie verfolgt werden. Manche werden auf der Flucht von ihren Familien getrennt, andere haben keine Familien mehr. Und sie verlassen aufgrund der wirtschaftlich katastrophalen Situation ihre Herkunftsländer bzw. weil sich ihre Familien eine bessere Situation für sie erhoffen. Das Schwierigste hier ist die immer noch oft viel zu lange Dauer des Asylverfahrens. Aufgrund des unsicheren bzw. befristeten Aufenthaltes können die Jugendlichen so keinerlei Perspektive entwickeln. Ihr sucht ständig ehrenamtliche MitarbeiterInnen. Was sollten sie mitbringen? Ein wenig Zeit und die Bereitschaft, sich auf junge Menschen aus anderen Kulturen einzulassen sowie mit ihnen und von ihnen zu lernen. www.lobby16.org
Mai 2011 an.schläge l 07
rassismus
Der Stoff und die Haut Frauen werden in Österreich nicht nur auf vielfache Weise zu Opfern rassistischer Angriffe, sondern sind auch überaus häufig Täterinnen, wie der aktuelle Rassismus-Report aufzeigt. Von Sylvia Köchl
Damenkopftuchaktion im 20. Wiener Gemeindebezirk, Foto: SylK
Download bzw. Bestellmöglichkeit des RassismusReports sowie Meldestelle für rassistische Vorfälle: ZARA Luftbadgasse 4–16 1060 Wien Tel: +43 (1) 929 13 99 E-Mail: office@zara.or.at www.zara.or.at
08 l an.schläge Mai 2011
Zum elften Mal hat der Verein „ZARA – Zivilcourage und Anti-RassismusArbeit“ kürzlich seinen jährlichen Rassismus-Report veröffentlicht. Die Arbeit von ZARA besteht seit 1999 u.a. auch darin, Opfer und ZeugInnen von Rassismus zu unterstützen und zu beraten. Die eingegangenen Meldungen wurden bald auch in Form des Rassismus-Reports veröffentlicht, nicht zuletzt deshalb, weil es in Österreich von keiner staatlichen Stelle ein vergleichbares Monitoring oder eine Datensammlung gibt. 745 rassistische Vorfälle wurden ZARA 2010 gemeldet, 104 Einzelfälle im Bericht dokumentiert. Der Report ist dabei nach Bereichen wie „Öffentlicher Raum“, „Polizei“, „Politik und Medien“, „Güter und Dienstleistungen“, „Internet“ usw. geordnet und zeigt dadurch nicht nur auf, wie und in welcher Form Rassismus den Alltag in Österreich prägt, sondern auch, wie sich etwa politische Vorgänge und Handlungen sowie medial vermittelte rassistische Bilder auf den Alltag auswirken. „Die Absichten hinter diesen oft unvermuteten und schockierenden Angriffen spiegeln den politischen und gesellschaftlichen Mainstream-Diskurs wider“, heißt es in der Einleitung. „Die angegriffenen Personen verkörpern die ‚Anderen‘ – die im Gegensatz zu den
‚hier‘ mit der ‚richtigen Hautfarbe‘, mit der ‚üblichen‘ Religion Geborenen weniger bzw. kein Recht haben, sich hier aufzuhalten, die Benachteiligungen hinzunehmen haben und darüber hinaus zu ganz besonderem Wohlverhalten verpflichtet sind.“ Das Stückchen Stoff. Im aktuellen Berichtsjahr 2010 weisen die dokumentierten rassistischen Vorfälle laut ZARA „verstärkt auf Diskriminierungen von Frauen mit Kopftüchern hin. Es wurden häufiger als bisher Fälle gemeldet, in denen Frauen mit Kopftuch am Arbeitsmarkt abgelehnt wurden und sie im Alltag rassistischen Äußerungen ausgesetzt wurden.“ Das Stückchen Stoff scheint manche „InländerInnen“ unglaublich zu provozieren, wie z.B. ein Fall zeigt, der sich in einer Wiener Straßenbahn abgespielt hat. Ein älterer Mann steigt zu, eine junge Frau bietet ihm ihren Sitzplatz an, er lehnt jedoch ab, wolle niemandem den Platz wegnehmen, wie er meint. Er geht im Wagen nach hinten, bleibt vor einer jungen Kopftuch tragenden Frau stehen und fordert sie unfreundlich auf, ihm ihren Sitzplatz zu überlassen. Sie steht sofort auf, der Mann jedoch blafft sie jetzt an, sie solle dahin zurückkehren, wo sie hergekommen sei. Die Zeugin, die den Vorfall gemeldet hat, mischt sich ein und kann
die Situation beruhigen. Ähnlich verläuft die Geschichte von Frau K. Hier geht es eigentlich zunächst um einen Nachbarschaftsstreit in einem Wiener Gemeindebau. Die Kinder von Frau K. werden von einem Nachbarn als zu laut empfunden, mehrmals hat er sich schon bei der Hausverwaltung beschwert. Frau K. versucht alles, um die Lautstärke gering zu halten. Als der Nachbar nun selber einmal anklopft, garniert er seine Beschwerde mit wüsten rassistischen Beschimpfungen, nennt Frau K. unter anderem „Scheiß Kopftuchweib“. Frau K. hält das auf die Dauer nicht aus und bittet um die Zuteilung einer anderen Wohnung. Badeverbot. Bei jeder Kleinigkeit, wo verschiedene Menschen in der Öffentlichkeit oder in ihren Wohnhäusern aneinandergeraten, scheinen die vermeintliche oder tatsächliche Herkunft wie wohl auch das Geschlecht sehr rasch eine große Rolle zu spielen. Alles Verhalten, jede Äußerung wird nach rassistischen Kriterien beurteilt, wird als „typisch“ deklariert und dazu benutzt, das Gegenüber zu verhöhnen und zu verletzen. Da nutzt es auch nichts, wie im nächsten Fall, wenn die betreffende Frau sozusagen vorauseilend versucht, sich so „angepasst“ zu verhalten, dass es gar nicht erst so weit kommt.
rassismus Frau O. wohnt in einem Wiener Gemeindebau, wo es auf dem Dach einen Swimmingpool für alle gibt. Gerne würde sie mit ihren Kindern schwimmen gehen, möchte dabei aber als strenggläubige Muslimin einen sogenannten „Burkini“ tragen, einen Badeanzug, der nur das Gesicht freilässt, ansonsten aber aus dem üblichen Material gefertigt ist – was nicht unwichtig ist, denn für das Baden in öffentlichen Einrichtungen gibt es Bekleidungsvorschriften, die der Hygiene dienen. Frau O. fragt nun zuerst bei „Wiener Wohnen“ nach, ob sie damit baden dürfe, und die Antwort ist positiv. Nun fragt sie noch bei der Mieterbeirätin des Hauses nach, die meint, das sei ihr nicht wirklich recht, ansonsten aber nichts dazu sagt. Dann erst geht Frau O. zum ersten Mal mit ihren Kindern an den Pool, wo alsbald die Mieterbeirätin mit zwei weiteren Frauen aus dem Haus erscheint und ihr verbieten will, im „Burkini“ zu baden. In Österreich ziehe man sich
ruft selbst die Polizei. Die Polizisten sorgen für Ruhe, weisen die anderen Badegäste auf die Badeordnung hin – sie können allerdings nicht verhindern, dass sich Frau O. weitere Beschimpfungen anhören muss. Als über den Fall in den Medien berichtet wird, kommt es vor allem in antimuslimischen Blogs zu weiteren Beleidigungen. Sexualisierte Angriffe. Wenn das vermeintliche Anderssein an der Hautfarbe festgemacht wird, zeigt sich ebenso deutlich, wie sexualisiert rassistische Angriffe auf Frauen zumeist sind. Frau C. ist als „Inländerin“ mit einem Senegalesen verheiratet. Bei einem gemeinsamen Spaziergang in Wien begegnen sie einer Frau, die ihr lautstark nachruft: „Schon wieder so eine N…… [*]schlampe, die sich schwängern hat lassen!“ Herr und Frau C. lassen das nicht auf sich sitzen und beginnen eine Diskussion, in die sich bald zwei weitere Frauen einmischen mit Aussagen
„Die Absichten hinter diesen oft unvermuteten und schockierenden Angriffen spiegeln den politischen und gesellschaftlichen MainstreamDiskurs wider.“ (ZARA Rassismus-Report) nicht so an, sie solle sich an die anderen anpassen. Als Frau O. einwendet, es sei ihr von „Wiener Wohnen“ erlaubt worden, beginnen die drei Frauen, sie wüst als „Scheiß Türkin“ und „blöde Sau“ zu beschimpfen, die sich zurück in die Türkei „schleichen“ soll. Frau O. geht, kommt aber eine Woche später mit ihren Kindern wieder an den Pool. Sofort eilen die drei Frauen herbei und präsentieren ein neues Argument: Aufgrund des „Burkinis“ könnten sie nicht sehen, ob Frau O. eine ansteckende Hautkrankheit habe. Als Frau O. erwidert, sie könne gern ein Attest bringen, legen die drei wieder los. Es könne nicht sein, dass in 20 Jahren alle Frauen in Österreich einen „Burkini“ tragen müssen. Frau O. bricht die Diskussion an dieser absurden Stelle ab und will ins Schwimmbecken steigen. Davon wird sie von den drei Frauen körperlich abgehalten, die nun drohen, die Polizei zu rufen. Auch andere Badegäste beginnen, Frau O. massiv zu beschimpfen. Sie geht zurück in ihre Wohnung und
wie: „Na eh klar, schon wieder so ein Scheiß-N...[*]!“ Die Leute, die sich nach und nach sammeln, sind offenbar bald der Meinung, Herr C. habe die Frau angegriffen und man müsse sie vor ihm schützen. Das Ehepaar entfernt sich schließlich von der Szenerie. Als Frau C. den Vorfall ZARA meldet, fügt sie hinzu, dass rassistische Beschimpfungen auch gegen ihre Tochter immer mehr zunehmen. Andere Frauen berichten Ähnliches: Als eine Frau mit ihrer Tochter im Kinderwagen im Grazer Augarten spazieren geht, wird sie von einem Mann angebrüllt: „Schon wieder eine, die sich mit einem N…[*] hingelegt hat. Du Schwein, du!“ Ein weiteres Beispiel ist Frau B., die mit ihrem Mann japanischer Herkunft eine Tochter hat. In einem sozialen Netzwerk werden die Fotos aller SchülerInnen in deren Klasse online gestellt, unter jedem Foto steht der jeweilige Name – außer bei Frau B.’s Tochter. Bei ihr steht kein Name, sondern eine rassistisch-sexistische Beschimpfung.
Täterinnen. Beispiele für rassistische Übergriffe und Angriffe auf Frauen gäbe es noch genug, darunter auch mehrere Fallbeispiele, in denen Frauen, die ein Kopftuch tragen oder eine dunklere Hautfarbe haben, an ihren Arbeitsplätzen Probleme bekommen oder bestimmte Arbeitsplätze gar nicht erst erhalten. Was der Report aber ebenso überdeutlich zeigt, ist die Tatsache, dass es häufig Frauen sind, die rassistisch agieren. Nicht nur in den bereits geschilderten Fällen, auch in zahlreichen weiteren sind es Frauen, die vermeintlich „andere“ verbal und teilweise auch körperlich angreifen. Eine Frau etwa, die mit ihrem Hund, der keinen Beißkorb trägt, die Pensionistin Frau M. und deren Enkelin bedroht, beschimpft Frau M. nicht nur als „ausländische Hure“, sondern verprügelt zusammen mit ihrer Tochter Frau M. sogar. Oder die Einsatzleiterin eines Rettungswagens in Wien, die sich weigert, die alte Mutter von Frau Z. mitzunehmen, obwohl diese akute Schmerzen hat. Eine „deutsche Behandlung“ gebe es nur für Leute, die auch Deutsch sprechen. Die Situation ist in höchstem Maß gefährlich für das Leben der Mutter – sie geht schlussendlich gerade noch gut aus. Es ist auch kein Zufall, dass in Österreich rassistische Vorfälle immer wieder mit der Zeit des Nationalsozialismus verknüpft werden. Der Ruf nach der Wiedereinrichtung von KZs und Gaskammern wird in solchen Situationen auch in aller Öffentlichkeit immer wieder laut. Und eher selten finden sich dann Menschen, die dem allem entgegentreten. Dass sich daran substanziell etwas ändert, ist erklärtes Ziel des Rassismus-Reports. l
Mai 2011 an.schläge l 09
undokumentiertes arbeiten
Prekärer Aufenthalt steht oft in Verbindung mit prekärer Arbeit. In Wien ist die Einrichtung einer gewerkschaftlichen Anlaufstelle für undokumentiertes Arbeiten in Planung. Von Lisa Bolyos
1 Quelle: Das Lohn- und Sozialdumpingbekämpfungsgesetz im Überblick www. bmsk.gv.at/cms/site/liste. html?channel=CH0020 Links Prekär Café Wien http://prekaer.at/ AK undokumentierte Arbeit Berlin http://besondere-dienste. bb.verdi.de/lbzfg_sonstige_ dienstleistungen/verdi_ak_ undokumentierte_arbeit Antidiskriminierung in der Arbeitswelt Bremen/ Initiative „Du hast Rechte“ www.ada-bremen.de/index. php?pointID=80 MigrAr Hamburg www.verdi.de/besonderedienste.hamburg/themen/ migrar Anlaufstelle für „undokumentierte Arbeit und prekäre Beschäftigung“ Leverkusen www.wechselwirkunglev.de/ berat3.html Initiative Zivilcourage München http://werkvertrag.antira. info/initiative-fur-zivilcourage/ MigrAr Rhein-Main http://migrar-ffm.de/
10 l an.schläge Mai 2011
Ist Bewegungsfreiheit neoliberal? – eine von vielen Fragen, die im Voranschreiten noch geklärt werden müssen. Bezeichnend ist sie für die unterschiedlichen Herangehensweisen, mit denen die Protagonist_innen Anfang März zu einem Gründungstreffen für den „Arbeitskreis undokumentiertes Arbeiten“ im Wiener Gewerkschaftshaus Catamaran zusammenkommen. Etwa dreißig Personen aus NGOs, migrantischen Selbstorganisationen, Gewerkschaften und autonomen antirassistischen Zusammenhängen haben sich auf Einladung des Prekär Cafés eingefunden, um Notwendigkeiten und Möglichkeiten der Organisierung und Beratung von undokumentiert Arbeitenden zu sondieren. Bei allen potenziellen und offensichtlichen Unterschieden ist ihnen die grundlegende Überzeugung gemeinsam, dass es nicht nur gewerkschaftliche Vertretung braucht, sondern auch politische Kampagnenarbeit – und das ist mehr, als die Aktivist_innen vom Prekär Café sich vor nicht allzu langer Zeit zu wünschen gewagt hätten. Precarious work in progress. Das Prekär Café, das aus der Mayday-Bewegung entstanden ist und sich zu einem kontinuierlichen Forum für Auseinandersetzung und Interventionen rund um das Thema Prekarität entwickelt hat, arbeitet seit über einem Jahr zielgerichtet an der Etablierung einer Anlaufstelle in Anbindung an den Österreichischen Gewerkschaftsbund oder Teilgewerkschaften. Diskussionsveranstaltungen mit Aktivist_innen, Gewerkschafter_innen und Berater_innen wurden organisiert, um Schritt für Schritt dem Konzept einer Anlaufstelle näher zu kommen. Als Vorbilder dienen nicht zuletzt die verschiedenen Modelle, die in deutschen Städten in mehr oder weniger großer Nähe zur Dienstleistungsgewerkschaft ver.di bzw. zum deutschen Gewerk-
Prekäres Leben, gut vertreten
Her mit dem schönen Leben! Mayday-Parade 2008. Foto: Lisa Bolyos
schaftsbund erprobt werden (vgl. dazu auch Katharina Ludwig: Lohn ohne Zettel, an.schläge Mai 2010). Legal, illegal, sch***egal. Ein Forum für Austausch und Vernetzung bietet das gemeinsame Treffen aller Anlaufstellen Ende März in Frankfurt am Main. Im Gewerkschaftshaus in der Innenstadt kommen Aktivist_innen aus Hamburg, Bremen, Berlin, München, Frankfurt und Wien zusammen. Auf dem Programm steht ein Update der lokalen Aktivitäten mit dem Ziel, an strategisch wichtigen Punkten zusammenzuarbeiten. Organisationsstrategien und gemeinsame Positionen zur erweiterten Arbeitsmarktöffnung ab dem 1. Mai stehen ebenso auf der Agenda wie die Frage nach Mitgliedsbeiträgen und der Verortung der Anlaufstellen im großen Rad der Gewerkschaften. Die Beratungsstelle MigrAr in Hamburg beispielsweise, die es seit 2008 und damit am längsten in Deutschland gibt, ist seit 1. März diesen Jahres nicht mehr bei ver.di, sondern direkt beim Deutschen Gewerkschaftsbund angesiedelt, was die Zustimmung aller Teilgewerkschaften voraussetzte. Dafür musste bei manchen wohl schon von Berufs wegen ein bisschen Überzeugungsarbeit geleistet werden – mit Erfolg: „Obwohl
die Polizeigewerkschaft nicht begeistert war, beteiligen auch sie sich an den Kosten für die Beratungsstelle“, berichtet Emilija Mitrovic von MigrAr. Berührungsängste mit Illegalisierung zeigen die Vertreter_innen der österreichischen Gewerkschaften beim Treffen im Catamaran vorerst keine: Natürlich müsse der Aufenthalt der klagenden Partei zumindest so lange gesichert werden, wie ein Prozess vor dem Arbeitsgericht dauert. Politischer Konsens oder Lippenbekenntnis? Im österreichischen Anti-Dumping-Gesetz, das gleichzeitig mit der Arbeitnehmer_innenfreizügigkeit für Polen, Ungarn, slowakische und tschechische Republik, Slowenien, Estland, Lettland und Litauen am 1. Mai in Kraft tritt, ließ sich dieses zentrale, arbeitnehmer_innenfreundliche Recht offensichtlich nicht durchsetzen. Gute Arbeit? Gutes Leben! Dabei ist der „Leitgedanke des Gesetzes, dass gute Arbeit auch gut bezahlt werden muss“ 1, so das Sozialministerium. Wie auch immer sich gute Arbeit definiert – klar ist, dass gute Bezahlung nicht nur vertraglich geregelt, sondern im Fall eines Vertragsbruches auch einklagbar sein muss. Warum, erfahren wir auch: „Denn Lohn- und sozialrechtliche Ansprüche zu umgehen ist kein Kava-
liersdelikt und muss entsprechend hart sanktioniert werden.“ Offen bleibt, wer sanktioniert wird. Zwar ist die finanzielle Bestrafung von Unternehmen, die sogenanntes Lohndumping betreiben, in dem Gesetz neu geregelt. Aufenthaltsund arbeitsrechtliche Konsequenzen für Arbeitnehmer_innen werden jedoch mit keinem Ton erwähnt. Dass die neu eingerichteten Beratungsstellen sich neben Arbeits- und Sozialrecht also auch mit Abschiebungsschutz und Bleiberecht auseinandersetzen werden müssen, scheint klar zu sein. Wie das funktionieren kann, ist zumindest für Wien noch offen. Da stellt sich einerseits die Frage nach personellen und finanziellen Ressourcen: Wer berät mit welcher Erfahrung – und wer bezahlt diese Stellen? Werden Leute, die zur gewerkschaftlichen Beratung kommen, an Gruppen aus dem Asyl- und Aufenthaltsbereich wie die Migrantinnenbera-
Übergiffen, womit autonome Räume oft nicht dienen können. Berater_innen von MigrAr Rhein-Main, der Anlaufstelle im Zentrum von Frankfurt, sprechen etwa von einem stillen Übereinkommen mit der Polizei, dass es keine Kontrollen und Razzien gibt. Die Zugangsfrage stellt sich jedoch auch umgekehrt: Wie kommt die Gewerkschaft zu ihren neuen Mitgliedern? Lisa und Savas¸ von der Münchener Initiative Zivilcourage, die gemeinsam mit ver.di die Organisierung von Werkvertragsnehmer_innen unterstützt, gehen dazu raus aus der Beratungsstelle. „Wir wissen, wo die Leute abhängen, da gehen wir hin, quatschen sie an, treiben auch mal die Mitgliedsbeiträge ein.“ Denn: Durch die Arbeit mit etwa 300 Werkvertragsnehmer_innen, die aktuell hauptsächlich aus Bulgarien, Polen und Aserbaidschan kommen, habe ihre ver.di-Ortsgruppe zwar die beste Mitgliederentwicklung
Fragen des Aufenthalts, Fragen des Zugangs. Der Standort der Räumlichkeiten selbst wiederum wirft Fragen nach dem Zugang auf. In Berlin etwa ist die Anlaufstelle im neu errichteten ver.di-Haus angesiedelt. Die vom Arbeitskreis Undokumentierte Arbeit Berlin selbst formulierte Kritik daran ist, dass die Schwellenangst beträchtlich ist, wenn mensch mit dem Gewerkschaftsapparat nicht vertraut ist. Die baulich-räumliche Situation in Wien ist der in Berlin recht ähnlich: Das neu errichtete Glasschiff an der Donau ist weder zentral gelegen, noch mit seiner imposanten Eingangshalle inklusive Portiersloge gar so einladend. Andererseits bietet das offizielle Gebäude neben der entsprechenden Repräsentation einer Anlaufstelle inmitten der österreichischen Gewerkschaftslandschaft auch realen Schutz vor Polizei-
entdeckungen im alltag
Albrecht Dürer 1521 Porträt der Afrikanerin Katherina Uffizien, Florenz
Beate Hammond
Von Katherina bis Andrea <
Kosten-Nutzen, politisch gerechnet. Anlaufstellen für undokumentiertes Arbeiten leisten in erster Linie politische Arbeit, und dass die meist mehr kostet als einbringt, müsse auch klargestellt werden, meint Emilija von MigrAr Hamburg. Insofern ist vielleicht schon ein Meilenstein geschafft, wenn beim Wiener Arbeitskreistreffen zum Vorschlag politischer Kampagnenarbeit die Köpfe einhellig nicken. Die finanzielle Frage ist zwar noch nicht geklärt und wird in Zeiten, in denen Teilgewerkschaften qua gekürztem Budget die unprekäre Arbeit ihrer eigenen Mitarbeiter_innen infrage stellen, kein Zuckerschlecken sein – aber das soll dem Gründungsenthusiasmus keinen Abbruch tun. Denn wie heißt es so schön beim heurigen Mayday? Noch zu warten ist Wahnsinn! l
Seit Jahrhunderten leben Menschen afrikanischer Herkunft im deutschen Sprachraum. Die meisten erforschten Lebensgeschichten sind jedoch die von Männern. Über das Leben der Frauen ist eher wenig bekannt, wie etwa über das von „Katherina“, so der Name einer Zeichnung einer schwarzen Frau des Malers Albrecht Dürer (um 1521 entstanden). Von der Renaissance an vergehen mehrere Jahrhunderte, bis Josephine Soliman im Dezember 1772 geboren wird. Über das einzige Kind des „Hofafrikaners“ Angelo Soliman ist nur wenig bekannt. Es gibt keine Information über ihre Kindheit, ihre Erziehung, ihre Schulbildung, und es bleibt mysteriös, woher sie die Kraft, Klugheit und Vehemenz nahm, um gegen die Ausstopfung und Ausstellung ihres toten Vaters vorzugehen (siehe an.schläge 04/11). Ihre Persönlichkeit inspirierte Belinda Kazeem und Claudia Unterweger zu einer vielbeachteten Videoinstallation, die in Österreich und auch in anderen Ländern gezeigt wurde. Entmutigendere Beispiele gibt es auch, und dazu muss das Schicksal Machbubas gezählt werden. Aus Abessinien stammend wird das etwa 10-jährige Mädchen auf einem Sklavenmarkt in Ägypten im 19. Jahrhundert an den 52-jährigen Fürst Pückler-Muskau verkauft. Als perfekte Gefährtin wird Machbuba an unterschiedlichen Orten der Welt, darunter Wien, vorgeführt. Sie verbinde die blinde Gehorsamkeit mit der Loyalität eines Hundes, schreibt der Fürst seiner Ehefrau. Nach ein paar Monaten in Wien erkrankt Machbuba an Tuberkulose und stirbt. Weit über 80 Jahre alt wurde Andrea Duala Bell. Die Tochter des afrokubanischen klassischen Pianisten José Manuel Jimenez, einem Freund Franz Liszts, heiratete mit 17 Jahren in ihrer Heimatstadt Hamburg Alexander Duala Bell, den Thronfolger des Hauses Duala (Kamerun). Als die Ehe scheitert, wird sie die Geliebte Joseph Roths und lebt mit ihm und ihren zwei Kindern in Berlin, später in Paris. Sie inspiriert Klaus Mann zur Juliette in seinem Schlüsselroman „Mephisto“. Vier Frauen, vier Schicksale, die wie viele andere mehr Aufmerksamkeit verdienen.
Lisa Bolyos ist antirassistische und feministische Aktivistin mit Basis in Wien.
Beate Hammond macht ihre Entdeckungen in Wien.
Dass die neu eingerichteten Beratungsstellen sich neben Arbeits- und Sozialrecht auch mit Abschiebungsschutz und Bleiberecht auseinandersetzen werden müssen, scheint klar zu sein. tung oder Lefö weiterempfohlen? Oder schafft die Anlaufstelle die Verbindung all dieser rechtlichen Ebenen in ihren Räumlichkeiten?
neuland
Deutschlands vorzuweisen, aber trotzdem kein Geld – „Da haben die schon mal gefragt, was ist da los?“
Mai 2011 an.schläge l 11
Prata om det! Der Fall Assange hat die Aufmerksamkeit auf das schwedische Sexualstrafrecht gelenkt. Andrea Heinz hat es sich genauer angesehen und festgestellt: Wichtiger als die Gesetzeslage ist allemal der gesellschaftliche Umgang mit sexueller Gewalt.
„Schlag zurück – für das Recht, dich zu verteidigen.“ Foto: Andrea Heinz
1 www.michaelmoore.com/ words/mike-friends-blog/ dear-government-of-sweden 2 Safer Sex in Schweden, ZEIT Online, 2.1.2011 3 Brottsbalken/Schwedisches Strafgesetzbuch Kapitel 6, §1 (Übersetzung: www.belleslettres.eu/artikel/assange-vergewaltigungschweden.php) 4 Brottsbalken 6, §1, Abs. 2 5 Was gilt in Schweden als Nötigung? FAZ.NET, 10.12.2010
12 l an.schläge Mai 2011
Eigentlich erregte der Wikileaks-Gründer Julian Assange ja beträchtliches mediales Interesse, weil er ein paar ziemlich geheime politische Interna ausgeplaudert hat. Seit er jedoch in Schweden, ausgerechnet jenem Land also, das immer noch als Paradies des sozial verträglichen Liberalismus gilt, der Vergewaltigung angeklagt wurde, scheint sich alles nur noch um ein unnötig strenges Gesetz in einem autoritären Staat zu drehen. Vergewaltigung werde hier genauso instrumentalisiert wie die Freiheit der Frau bei der Afghanistan-Invasion, zitiert Michael Moore Naomi Klein in seinem offenen Brief an Schweden. Und fordert die Regierung auf, sich doch lieber um die frei herumlaufenden Vergewaltiger im eigenen Land zu kümmern.1 Zu den Fakten im Fall Assange: Ihm werden sexuelle Nötigung in mehreren Fällen sowie minder schwere Vergewaltigung in einem Fall vorgeworfen. Er soll mit zwei Frauen gegen deren Willen ohne Kondom geschlafen haben, ebenfalls ohne Kondom soll er mit einer Frau Sex begonnen haben, während diese noch schlief.2 Im schwedischen Strafgesetzbuch wird Vergewaltigung
folgendermaßen definiert: „Wer einen Menschen durch Misshandlung oder sonstwie mit Gewalt oder durch Androhung von Verbrechen zum Geschlechtsverkehr oder dazu zwingt, eine andere sexuelle [körperliche] Handlung vorzunehmen oder an sich zu dulden, die im Hinblick auf die Art der Erniedrigung und die Umstände mit Geschlechtsverkehr zu vergleichen ist (...).“3 Spätes Nein? Besonderen Aufruhr verursachte eine Nachbesserung des schwedischen Sexualstrafrechtes, an der im Jahr 2005 u.a. die inzwischen emeritierte Strafrechtsprofessorin der Universität Stockholm, Madeleine Leijonhufvud, beteiligt war. Wer mit einer Person Geschlechtsverkehr oder eine dementsprechende Handlung vollzieht, obwohl sich die Person „durch Bewusstlosigkeit, Schlaf, Trunkenheit oder andere Drogeneinflüsse, Krankheit, Verletzung oder seelische Störung oder durch etwas anderes im Hinblick auf die Umstände in einem hilflosen Zustand befindet“, kann nun ebenfalls wegen Vergewaltigung belangt werden.4 Insbesondere auf diesen Absatz stützt sich der Glaube, in Schweden könnten
es sich die Frauen auch nach dem Sex noch anders überlegen, sollten sie sich etwa plötzlich unwohl damit fühlen. Von einem „Recht auf ein spätes Nein“ ist die Rede. Ähnliche Rechtslage. Sieht man sich die Gesetzeslage genauer an, wird deutlich: So sehr unterscheidet sich das schwedische gar nicht vom österreichischen oder deutschen Gesetz. Der Begriff der sexuellen Nötigung – im Schwedischen „olaga tvång“ – könnte zu Deutsch mit „widerrechtlichem Zwang“ übersetzt werden. Eine solche Nötigung könnte die Fortsetzung zunächst einvernehmlichen Geschlechtsverkehrs etwa nach dem Reißen des Kondoms darstellen.5 Im deutschen Strafgesetzbuch gilt als sexuelle Nötigung und Vergewaltigung, wenn „eine andere Person 1. mit Gewalt, 2. durch Drohung mit gegenwärtiger Gefahr für Leib oder Leben oder 3. unter Ausnutzung einer Lage, in der das Opfer der Einwirkung des Täters schutzlos ausgeliefert ist“ zu sexuellen Handlungen genötigt wird. Was genau eine solche schutzlose Lage darstellt, ist wiederum Auslegungssache und wohl eher Frage
schweden der Rechtspraxis als der Rechtslage an sich. Als besonders schwerer Fall gilt es u.a., wenn „der Täter mit dem Opfer den Beischlaf vollzieht oder ähnliche sexuelle Handlungen an dem Opfer vornimmt oder an sich von ihm vornehmen lässt, die dieses besonders erniedrigen, insbesondere, wenn sie mit einem Eindringen in den Körper verbunden sind (Vergewaltigung)“.6 Auch hier ist der entgegenstehende Wille des Opfers das entscheidende Kriterium. In Österreich gilt als Vergewaltigung, wenn „eine Person mit Gewalt, durch Entziehung der persönlichen Freiheit oder durch Drohung mit gegenwär-
Was auch immer zu den zahlreichen Anzeigen führt, die wenigsten enden mit einer Verurteilung. In weniger als 20 Prozent der Fälle kommt es überhaupt zu einer Anklage, nur etwas mehr als zehn Prozent führen letztlich zu einem Schuldspruch, stellt Ulrika Andersson, Rechtsprofessorin an der Universität von Lund, fest. Das Problem dabei sei die Beweislast. Die Gerichte verlangen unterstützende Beweise, die Zeugenschaft des Opfers alleine reicht nicht aus. Schließlich steht in den meisten Fällen Aussage gegen Aussage. Keine Rede also von Frauen, die es sich mal eben anders überlegt haben.
Schwedens Gesetzeslage ist also kaum strenger als die in Deutschland oder Österreich. Tatsache ist jedoch auch, dass in Schweden eklatant mehr Vergewaltigungen angezeigt werden als hierzulande. tiger Gefahr für Leib oder Leben“ zum Beischlaf oder Vergleichbarem genötigt wird.7 Unter „Geschlechtliche Nötigung“ findet sich hier folgende Definition: „Wer (…) eine Person mit Gewalt oder durch gefährliche Drohung zur Vornahme oder Duldung einer geschlechtlichen Handlung nötigt (...).“8 Viele Anzeigen, wenige Verurteilungen. Schwedens Gesetzeslage ist also kaum strenger als die in Deutschland oder Österreich. Tatsache ist jedoch auch, dass in Schweden eklatant mehr Vergewaltigungen angezeigt werden als hierzulande. 2009 waren es etwa 5.446 Anzeigen, die größte Steigerung war seit der Gesetzesänderung im Jahr 2005 feststellbar.9 Auf 100.000 EinwohnerInnen kommen im Schnitt 46,5 Anzeigen, in Österreich werden statistisch gesehen 8,5 Vergewaltigungen gemeldet.10 Manche erklären die Diskrepanz mit der lockeren schwedischen Sexualmoral, manche mit zu Unrecht erhobenen Vorwürfen, die wiederum erst die Gesetzeslage möglich mache. Weder noch, sagt Jonas Trolle, Kriminalinspektor in Stockholm, und erklärt die vermehrten Anzeigen mit einer besonderen „Sensibilität für die Rechte der Frau“ und einem anderen „Selbstbewusstsein“ der schwedischen Frauen.
Verschärfung oder Aufklärung? Madeleine Leijonhufvud, die bereits an der Gesetzesnovelle von 2005 beteiligt war, bezeichnet das schwedische Sexualstrafrecht als „lasch“ – zumindest im Vergleich zu der Gesetzeslage in angelsächsischen Ländern. Hier nämlich ist fehlende Zustimmung („consent“) seit Jahrzehnten Bestandteil des Straftatbestandes „Sexuelle Nötigung“. Auch in Schweden wird nun über eine entspre-
ie „Deite lzw ewa “ g rg Ve igun t
chende Verschärfung des Gesetzes nachgedacht, Leijonhufvud plädiert dafür. Doch auch hier würde sich die Frage nach den Beweisen stellen: In der Regel wird wieder Aussage gegen Aussage stehen. Ohne ein Geständnis des Täters wird kaum ein Beweis für fehlende Zustimmung zu finden sein. Ulrika Andersson ist ohnehin nicht der Meinung, dass die Beschaffenheit des Gesetzes ausschlaggebend ist. Der Umgang mit Sexualstraftaten und entsprechende Aufklärung, so ist sie überzeugt, sind hier wesentlich wichtiger. Einen wichtigen Schritt in Richtung Bewusstseinsbildung ist man in Schweden bereits gegangen. In der Debatte um den Assange-Fall berichtete die Journalistin Johanna Koljonen in der Tageszeitung „Dagens Nyheter“ über eigene verstörende sexuelle Erfahrungen: Ein älterer Mann hatte die 32-Jährige zu ungeschütztem Verkehr gedrängt. Indem sie diese Erfahrung öffentlich machte, brach Johanna Koljonen einen Damm. Immer mehr Frauen und auch Männer erzählten online von ungewollten Sexualkontakten, die nach geltendem Recht jedoch noch keinen Straftatbestand erfüllen. Mittlerweile entstand daraus die Website „Prataomdet.se“ (Redet darüber). Sie hat regen Zulauf.11 l
Wie es tatsächlich um den Umgang der schwedischen Gesellschaft mit Vergewaltigung bestellt ist, zeigt so drastisch wie schockierend der Fernsehfilm „Den andra våldtäkten / The second Rape“, der 2010 zum ersten Mal im schwedischen Fernsehen gezeigt wurde. Der Film der Autoren Hasse Johansson und Nicke Nordmark erzählt von zwei 14- und 17-jährigen Vergewaltigungsopfern in der nordschwedischen Kleinstadt Bjasta. Die Geschichte beginnt mit Gerüchten in der Schule und endet in einem Internet-Mob, der sich gegen die Mädchen stellt. Trotz existierender DNA-Beweise und einem Geständnis des Täters wird den Mädchen die Schuld an den Vergewaltigungen gegeben. Der Film er-
6 StGB §177,1, 177,2 7 StGB § 201,1 8 StGB § 202,1 9 Das Recht auf ein spätes Nein, sueddeutsche.de, 9.12.2010 10 http://diestandard.at/ 1242317004592/StudieVergewaltigung-bleibt-inOesterreich-meist-straffrei 11 Prataomdet.se
regte in der schwedischen Öffentlichkeit, bis hinauf zum Premierminister, großes Aufsehen und führte zu zahlreichen Artikeln und Nachforschungen über den Fall. Er wurde beim Prix Europe 2010 ausgezeichnet, die Begründung lautete: „Der Film erzählt, wie Klatsch und Gerüchte als Tatsachen betrachtet werden und die Opfer in der Folge zu Verfolgten werden. Es wird auch gezeigt, wie das Internet dazu beiträgt, bei der Hetzkampagne Öl ins Feuer zu gießen, und wie die Kirche und die Schule der beiden Mädchen deren Albtraum nur noch weiter verschlimmern.“ Auch einen angesehenen schwedischen Journalismuspreis erhielten die Macher 2010. Als Aufdecker des Jahres wurden sie dafür ausgezeichnet, „zu enthüllen, wie ein Opfer verfolgt wird, (…) zu zeigen, wie es Erwachsene versäumen, zu reagieren“. han
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an.riss international spanien/welt „Fuera los rosarios … … de nuestros ovarios!“ – „Nehmt eure Rosenkränze aus unseren Eierstöcken!“, lautete einer der Slogans, den die „Feministischen Kollektive Madrid“ in letzter Zeit öfters hören lassen. Am 10. März in der Kapelle einer Universität, danach bei Kundgebungen auf verschiedenen Plätzen der spanischen Hauptstadt. Eine, laut Polizei, „Atheisten-Prozession“ am vorösterlichen Gründonnerstag wurde verboten, nicht zuletzt, um den „guten Ruf Madrids als Reiseziel“ zu bewahren. Seit dem Ende der klerikalfaschistischen Diktatur Franco 1975 sei Spanien doch ein laizistischer Staat, in dem der Einfluss der katholischen Kirche beständig zurückgehe, sagen jene, die nicht verstehen wollen, worüber sich die jungen Frauen der „Feministischen Kollektive“ aufregen. Bei deren Aktionen geht es jedoch in erster Linie um eine katholische Ideologie, die nach wie vor stark verankert sei und in der v.a. Lesben als „unnatürlich“ gelten. Nach der Aktion in der Uni-Kapelle, bei der sich die Aktivistinnen teilweise entkleidet und geküsst hatten, waren die Reaktionen konservativer Medien und Blogs tatsächlich äußerst aggressiv. Auch zum International Day Against Homophobia and Transphobia (IDAHO) am 17. Mai wird es wieder Aktionen geben, denn Kirchen und Religionen haben weltweit großen Anteil an der anhaltenden Homophobie, die in 80 Staaten in Verbote homosexueller Handlungen mündet und auf die in sieben Staaten weiterhin die Todesstrafe steht. Am 17. Mai 1990 wurde Homosexualität von der Liste der psychischen Krankheiten der Weltgesundheitsorganisation (WHO) gestrichen. 2005 wurde der International Day ins Leben gerufen. sylk Berliner Zeitung (18.4.2011), www.feministas.org/madrid www.l-mag.de, www.homophobiaday.org, www.queeramnesty.ch
kanada „Because we‘ve had enough!“
belgien/frankreich „Ehrsamer Kampf für Frauenrechte“
Wer glaubt, vergewaltigte Frauen müssten sich inzwischen zumindest nicht mehr den Vorwurf gefallen lassen, sie seien aufgrund ihrer Bekleidung „selbst schuld“, wurde Ende Jänner in Toronto/Kanada eines Besseren belehrt. Dort gab ein Sprecher der Polizei Frauen den guten Rat, sie sollten es vermeiden, sich wie „sluts“ zu kleiden, um nicht zu Opfern sexueller Angriffe zu werden. Die kanadischen Feministinnen stiegen daraufhin auf die Barrikaden und initiierten den ersten „Slut Walk“. Zu diesem „Schlampen-Spaziergang“ am 3. April kamen an die 5.000 Menschen und machten die Demo so zum Medienereignis. Sexuelle Angriffe seien ohnehin schon ein wenig angezeigtes und selten geahndetes Verbrechen, durch Äußerungen wie diese seitens der Polizei bestehe die Gefahr, dass sich betroffene Frauen noch weniger trauen, eine Anzeige zu erstatten, so die Initiatorinnen des „Slut Walk Toronto“. Sexuelle Gewalt habe bekanntlich weder mit Kleidung noch mit Sex, sondern vielmehr mit Macht zu tun. Überdies werde die Bezeichnung „slut“, also „Schlampe“ oder „Hure“, hiermit wieder angeeignet, denn die Frauen ließen sich nicht auseinanderdividieren: Ob „Schlampe“ oder nicht, die Frauen von Toronto wollen sicher sein, dass die Polizei sexuelle Gewalt ernst nimmt. Die Entschuldigung, die umgehend vom Polizeipräsidenten ausgesprochen wurde, reiche bei weitem nicht aus. Bis in den Juni reichen die bisher angekündigten Termine für „Satellite Slut Walks“ in Kanada, den USA, aber auch in Europa, Australien und Neuseeland. Join it! sylk
Der Innenausschuss des belgischen Parlaments hat Ende März erneut dem Burka-Verbot zugestimmt, nun sind die Abgeordneten am Zug. Diese erneute Prozedur, die vor genau einem Jahr bereits durchlaufen wurde, war durch die Regierungsneubildung notwendig geworden. Die Befürworter des Burka-Verbots gaben als Motivation „den ehrsamen Kampf für mehr Frauenrechte“ an, ist in der flämischen Tageszeitung „De Morgen“ zu lesen. Das Verbot solle „ein kräftiges Signal gegen die Unterdrückung der Frau und für die Gleichberechtigung der Geschlechter“ sein. Dieselben Abgeordneten blockieren jedoch seit Monaten einen Gesetzesvorschlag für eine Frauenquote in Unternehmensvorständen. Seit Mitte April ist das Burka-Verbot in Frankreich in Kraft. Frauen, die eine unter das Gesetz fallende Form des Schleiers tragen, können von der Polizei aufgefordert werden, ihn abzulegen. Bei Nichtbefolgen droht eine Geldstrafe von 150 Euro. Während rechte Kreise z.B. in Spanien auf Frankreich regelrecht neidisch sind – so schreibt etwa die konservative Tageszeitung „La Razón“, in Spanien erlaube man sich ein Verbot wegen „Gutmütigkeit gegenüber Migranten und aus kitschigem Multikulturalismus“ nicht –, fragen sich durchaus konservative Medien in Großbritannien, wohin ein solches Verständnis von Laizismus noch führen wird. So schreibt etwa „The Times“: „Es ist ironisch, wenn man versucht, die europäischen Werte von Toleranz und sexueller Freiheit zu verteidigen, indem man Frauen in ihrer Freiheit beschneidet, sich nach ihren Wünschen zu kleiden.“ sylk
www.slutwalktoronto.com
www.eurotopics.net
14 l an.schläge Mai 2011
an.riss international in memoriam Anna-Stina Sundberg 1954–2011 Die Galionsfigur des schwedischen Feminismus, Anna-Stina Sundberg, ist am 3. Februar im Alter von nur 53 Jahren an einer Krebserkrankung gestorben. Sundberg widmete ihr ganzes Leben, das private und das öffentliche, der feministischen Bewegung, denn auch in einem Land des institutionalisierten Feminismus sind Frauen den Männern längst nicht gleichgestellt. Bereits Mitte der 1970er Jahre war Sundberg Mitglied der Lesbisk Front, einer Gruppe von Frauen, denen der Staatsfeminismus nicht genug war und die eine linksradikale Gegenströmung zur bürgerlichen Lesbenbewegung bildeten. Stina Sundbergs Bekanntheitsgrad nahm durch die politischen Ämter, die sie bekleidete, zu: Sie war sowohl Vorstandsabgeordnete der Feminiskiskt Initiative als auch deren Pressesprecherin und Parteichefin. Auch als erste lesbische Parteichefin Schwedens schrieb sich Sundberg in die politische Geschichte Schwedens ein. Weniger geschichtsträchtig, aber genauso wichtig war ihr soziales Engagement für Frauen aller Klassen, Ethnien und Altersstufen; sie lehrte außerdem an der Frauenvolkshochschule Göteborg und half aktiv in verschiedenen Frauenhäusern Schwedens. Stina Sundberg wird der schwedischen feministischen Bewegung sehr fehlen. miak
nordafrika/welt Sexuelle Gewalt – Schwester der Revolution? Im Zuge der revolutionären Umstürze und Bewegungen v.a. in Ägypten und Libyen wird sexuelle Gewalt gegen Frauen offenbar immer häufiger gezielt und strategisch gegen die jeweilige gegnerische Partei eingesetzt. So seien
bspw. am 9. März 19 Demonstrantinnen vom Tahrir-Platz in Kairo von Soldaten ins Ägyptische Museum verschleppt und stundenlang geschlagen und mit Elektroteasern misshandelt worden. Die Soldaten kündigten an, die Frauen wegen Prostitution anklagen zu wollen, und führten daraufhin „Jungfräulichkeitstests“ an den unverheirateten Frauen durch. In Tripolis/Libyen nutzte die 30-jährige Anwältin Eman al-Obaidi Ende März die Anwesenheit internationaler JournalistInnen in einem Hotel, um auf ihren Fall aufmerksam zu machen. Sie war nach eigenen Angaben bei einer Straßenkontrolle von Soldaten verhaftet, zwei Tage lang festgehalten, misshandelt und von 15 Männern vergewaltigt worden. Dann gelang ihr die Flucht. Während sie den JournalistInnen noch davon erzählte, griffen Zivilpolizisten ein, sogar eine Hotelangestellte half mit, die Frau mundtot zu machen, indem sie ihr vor laufenden Kameras einen Sack über den Kopf stülpte. Die Zivilpolizisten verschleppten al-Obaidi schließlich. Deren Mutter erklärte dem TV-Sender „Al-Jazeera“, man habe ihr Geld angeboten, um ihre Tochter von einer öffentlichen Anklage der Vergewaltigungen abzubringen. Die libysche Regierung erklärte, al-Obaidi wegen Rufmord an den Soldaten verklagen zu wollen. Laut Amnesty International und anderen beobachtenden Organisationen ist das kein Einzelfall. Auch Margot Wallström, Sonderbeauftragte des UN-Generalsekretariats zur Bekämpfung sexualisierter Gewalt in Konflikten, forderte die internationale Staatengemeinschaft Mitte April eindringlich auf, solche Verbrechen stärker zu verfolgen und zu bestrafen. Diese Form von Gewalt gegen Frauen sei weder kulturell bedingt noch sei sie ein individuelles Delikt, sondern werde systematisch eingesetzt, um den Gegner zu demütigen. Wallström betonte, dass sich Gesellschaften, in denen sexualisierte Gewalt Teil von bewaffneten Konflikten sei, dauerhaft brutalisieren. Sexualisierte Gewalt sei nämlich auch lange nach der Beendigung eines Konflikts das am meisten verbreitete Verbrechen. sylk http://derstandard.at, www.frauenrat.de
medienmix Frauenformen Dass die Körper von Frauen nach der Geburt zwar anders aussehen als vorher, aber eben immer noch schön sind, zeigt theshapeofamother.com. Bonnie, eine alleinerziehende Mutter, veröffentlicht auf ihrem Blog Fotos von echten Frauen ohne Personal Trainer und Photoshop, dafür mit Narben, Streifen und süßen Kindern. Die Berichte zeigen unkommentiert unterschiedlichste Erfahrungen der teilnehmenden Frauen. Die Bilder brechen mit immer noch bestehenden Tabus und tragen zu einem entspannteren Umgang mit dem eigenen Aussehen bei. fis
Tiermasken „Willst du, musst du, sollst du, darfst du arbeiten? Darfst du hier leben, kannst du überleben?“, fragt die Rapperin in einem Video, das zum Protest aufruft. Aktivist_innen mit Tiermasken nicken mit den Köpfen zu „Mayday, Mayday, scheiß auf Prekarisierung! Noch zu warten ist Wahnsinn“ und ziehen durch Wien. Bei der Parade der Prekären zum Tag der Arbeit wird prekär gekämpft und getanzt, statt prekär gearbeitet und gelebt. Anhören und mitmachen: youtube.com/ watch?v=iyTBIrSyFcw. Und natürlich am 1. Mai um 14 Uhr am Wiener Wallensteinplatz sein! fis
Männerbilder Die erste Zeitschrift, die sich in Bild und Text mit dem Lebensstil von Transmännern beschäftigt, ist Original Plumbing aus San Francisco. Motto der aktuellen Ausgabe #7: Grün – ob ökologisch oder vor Neid. Neben den artsy Fotos von Herausgeber Amos Mac kommen die Porträtierten in Interviews zu Wort. Außerdem stellen Essays und Schwerpunkte wie „Sexy Schuljungs“ oder „Hormoneinnahme“ die Bandbreite an Erfahrungen von FTM dar. Erscheint einmal im Quartal mit 56 Seiten, außerdem gibt es tägliche Blogs. originalplumbing.com liefert auch in die EU. fis Mai 2011 an.schläge l 15
Pink M.24 Chaffee. A tank wrapped in pink Ein Gefechtspanzer des Typs „M.24 Chaffee“, der im Zweiten Weltkrieg im Einsatz war, bildete die Grundlage für die künstlerische Arbeit von Marianne Jørgensen. Als Protest gegen die dänische (US-amerikanische, britische) Beteiligung am Irakkrieg wurde der Panzer von der Kanone bis zu den Raupen mit gestrickten und gehäkelten Quadraten aus pinkfarbenem Garn überzogen. Die mehr als 4.000 15x15 cm großen Quadrate wurden von zahlreichen Menschen beiderlei Geschlechts aus vielen europäischen Ländern und den USA gefertigt. Mobilisiert hatten Guerilla-Knitting-AktivistInnen wie etwa der Cast Off Knitting Club (www.castoff.info). Die Künstlerin Marianne Jørgensen über ihre Arbeit: „Pink funktioniert als eine Art Anti-Camouflage – es macht sichtbar, ganz egal wo. Ein in Pink verhüllter Panzer wird komplett entwaffnet und verliert jede Autorität.“ Im April 2006 stand der Panzer mehrere Tage vor dem „Nikolaj – Copenhagen Contemporary Art Center“, im Herzen von Kopenhagen. Vier bis fünf Freiwillige waren in dieser Zeit damit beschäftigt, die Quadrate zusammenzunähen und den Panzer zu bedecken. Der Prozess der Verhüllung wurde dokumentiert. Die Video-Dokumentation wurde danach auch im Nikolaj im Rahmen der Ausstellung „TIME“ gezeigt. Online ist sie zu sehen unter: www.marianneart.dk Die Aktion ist außerdem dokumentiert im soeben auf Deutsch erschienenen Band „Strick Graffiti. Kuscheliges für Mauern, Ampeln und Bäume“ von Mandy Moore und Leanne Prain, Droemer Knaur. Bildstrecke: Pink M.24 Chaffee © Marianne Jørgensen, Fotos: Barbara Katzin
thema: maskulinismus & militarismus
Rosarote Panzer Vor Soldatinnen in „rosaroten Panzern“ hat sich FDP-Politiker Rainer Brüderle gefürchtet, als am 1. Januar 2001 in Deutschland auch Frauen zum Dienst an der Waffe zugelassen wurden. Zehn Jahre später sind Frauen beim Militär in den meisten Staaten zwar Normalität, von direkten Kampfhandlungen bleiben sie allerdings oft weiterhin ausgeschlossen. Zum Wehrdienst verpflichtet sind sie überhaupt nur in einer Handvoll Ländern wie z.B. in Israel, Kuba, Côte d’Ivoire und Eritrea. In Österreich dienen Soldatinnen seit 1998 beim Bundesheer, von einer Wehrpflicht für Frauen war nach dem kurzen Vorstoß von Bundespräsident Heinz Fischer im letzten Jahr allerdings nichts mehr zu hören. Stattdessen wird auch hierzulande heftig über deren generelle Abschaffung diskutiert. Der Großteil aller EU- und NATO-Staaten hat inzwischen schon Berufsheere, und auch in Deutschland ist es nun beschlossene Sache: Die Wehrpflicht wird im Juli diesen Jahres ausgesetzt. Der Entscheidung für einen Zugang von Frauen zum Militär – und insbesondere die Erlaubnis des Waffengebrauchs – gingen nicht nur breite gesellschaftliche Debatten voraus, auch unter Feministinnen war und ist sie höchst umstritten. 1978 forderte Alice Schwarzer in der „Emma“ die konsequente Teilhabe von Frauen an allen Machtbereichen – also auch an militärischer Macht. Sibylle Plogstedt von der feministischen Zeitschrift „Courage“ plädierte stattdessen dafür, dass „Frauen bei den Abrüstungsverhandlungen vertreten sind. Denn dort brauchen wir Macht und Einfluss.“ Die „Courage“ befand sich mit dieser Position in Übereinstimmung mit weiten Teilen der überwiegend pazifistischen Frauenbewegung. Denn das Engagement für atomare Abrüstung und Weltfrieden war über viele Jahrzehnte ein Kernbereich von feministischem Aktivismus. Doch von „Frauen für den Frieden“ ist es über die „Mütter gegen den Krieg“ nicht mehr weit zur „friedfertigen Frau“, kritisieren die Befürworterinnen weiblicher Wehrhaftigkeit. Und genau dieses Klischee wurde von Männern jahrhundertelang bemüht, um das männliche Privileg der Waffenfähigkeit zu legitimieren, so ihre Argumentation. Weibliche Partizipation hingegen würde das Militär als patriarchalen Ort männlicher Initiation samt seiner männerbündischen Strukturen verändern. Doch ging mit dem Einzug von Frauen in die Kasernen tatsächlich eine Krise militärischer Männlichkeit einher? Und hat der feministische Antimilitarismus ausgedient?
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thema: maskulinismus & militarismus
„Seitdem die Mädchen da sind“ Gender Trouble beim Miltär: Die Soziologin Cordula Dittmer über Geschlechtsidentitäten und Geschlechterordnungen bei den deutschen Streitkräften. Ein Interview von Lea Susemichel an.schläge: Die Aussetzung der Wehrpflicht mit Juli 2011 in Deutschland scheint eher Resultat von neoliberaler Kosteneffizienz denn eine Antwort auf den Protest sozialer Bewegungen zu sein. Wieso hat der Antimilitarismus scheinbar so wenig bewirken können? Cordula Dittmer: Zunächst können wir in Deutschland seit dem Krieg im ehemaligen Jugoslawien einen Normalisierungsdiskurs beobachten, der maßgeblich durch das „Ja“ der Grünen zum Militäreinsatz bestimmt wurde. Seitdem gibt es keine großen Widerstände mehr in Politik und Öffentlichkeit gegen Militäreinsätze der Bundeswehr. Es ist natürlich schwierig auszumachen, ob der Antimilitarismus wirklich wenig bewirkt hat. Immerhin hält sich Deutschland immer noch – im Vergleich zu anderen Nationen – relativ zurück, wenn es um den Einsatz deutscher Soldaten im Ausland geht, siehe den aktuellen Libyeneinsatz zum Beispiel. Dennoch wäre es natürlich wünschenswert, wenn Kriegseinsätze kein Mittel der Politik sein müssten.
1 Cordula Dittmer: Gender Trouble in der Bundeswehr. Eine Studie zu Identitätskonstruktionen und Geschlechterordnungen unter besonderer Berücksichtigung von Auslandseinsätzen. Transcript Verlag 2009.
18 l an.schläge Mai 2011
Viele KritikerInnen fürchten, dass ein Berufsheer zum Sammelbecken für rechte Männer werden könnte. Wie schätzen Sie das ein? Ich denke, dass diese Angst gerechtfertigt ist, würde jedoch hinzufügen: für rechte Männer und Frauen. In meinen Interviews mit Soldatinnen zeigte sich, dass diese zum Teil sehr viel konservativere Einstellungen zum Soldatenberuf und den Aufgaben des Militärs hatten als die befragten Soldaten. Frauen können als Soldatinnen eine bestimmte Männlichkeit inszenieren, sie können Macht ausüben, die sie im zivilen Leben nicht haben. Für viele Frauen ist die Möglichkeit, an der Waffe ausgebildet zu werden, ein zentraler Grund, in die Bundeswehr einzusteigen. Jede Armee, die zur Berufsarmee umstrukturiert wird, muss sich die Frage stellen, wie sie attraktiver für gut ausgebildete und
liberale Menschen wird. Davon ist die Bundeswehr meiner Ansicht nach noch ziemlich weit entfernt.
Es gibt unter Feministinnen – grob gesagt – zwei Haltungen zur Wehrpflicht. Die eine ist: Frauen sollten in allen Belangen gleichberechtigt sein und deshalb natürlich auch Dienst an der Waffe leisten dürfen. Die andere ist eine pazifistisch-antimilitaristische Haltung, die für eine allgemeine Abschaffung der Wehrpflicht plädiert. Finden sich diese Positionen auch in den aktuellen akademischen Debatten, die sich mit Gender und Militär beschäftigen? In den akademischen Debatten gibt es meines Erachtens drei verschiedene Strömungen: Erstens diejenige, die davon ausgeht, dass das Militär eine jener besonderen Organisationen ist, in denen besondere Regeln und Ausnahmen gelten und in denen damit auch bestimmte Männlichkeiten und Weiblichkeiten
und Soldaten sehen: Einerseits wurde der Charakter des Militärs als Arbeitgeber betont, für den auch zivile Regeln gelten müssen, andererseits werden aber Ausnahmen geltend gemacht und Gleichstellungsprozesse erheblich beschnitten.
Ein Buch von Ihnen heißt „Gender Trouble in der Bundeswehr“1. Worin besteht der Trouble? Der Titel spielt auf das 1990 erschienene Buch „Gender Trouble“ (deutsch: „Das Unbehagen der Geschlechter“, 1991) von Judith Butler an, in dem sie sich der Frage widmet, wie biologisches und soziales Geschlecht zusammenhängen. Sie kommt darin zu dem Schluss, dass es keine Trennung zwischen diesen beiden Konzepten gibt, sondern soziales und biologisches Geschlecht gleichzeitig in der Interaktion hergestellt werden. Daraus folgt auch, dass Männlichkeit und Weiblichkeit als soziale Normen zu verstehen sind,
Frauen können als Soldatinnen eine bestimmte Männlichkeit inszenieren, sie können Macht ausüben, die sie im zivilen Leben nicht haben. dominieren. Frauen haben im Militär nach dieser Meinung keinen Platz, sie werden als störend für die Kampfkraft des Militärs empfunden. Zweitens eine liberale Strömung, die sich für die Öffnung und Gleichberechtigung der Streitkräfte für Frauen einsetzt und die damit auch ein Stück weit die Hoffnung verbindet, dass das Militär dadurch auch eine zivilere Organisation wird. Militärische Organisationen werden als Organisationen wie jede andere auch angesehen. Eine dritte Position sieht das Militär als janusköpfige Organisation, die sich je nach strategischer Ausrichtung mal als besondere, mal als Organisation wie jede andere auch darstellt. Das kann man sehr schön an der Debatte um das Gleichstellungsgesetz für Soldatinnen
die nicht zwangsweise nur von jeweils einem Geschlecht vollzogen werden können. In meiner Studie zur Integration von Frauen in die Bundeswehr zeigte sich, dass es im Militär verschiedene Männlichkeiten und Weiblichkeiten gibt, die die Soldatinnen und Soldaten strategisch für sich nutzen. Durch die Öffnung der gesamten Bundeswehr für Frauen – bis 2001 war es Frauen in der Bundeswehr nur erlaubt, im Sanitätsdienst und im Militärmusikdienst zu dienen – gibt es nun für beide Geschlechter mehr Spielräume, Geschlechtsidentitäten zu inszenieren. Auf der anderen Seite kommt es jedoch auch zu einer Verhärtung von Geschlechtsidentitäten, insbesondere im Auslandseinsatz.
thema: maskulinismus & militarismus
Foto: Barbara Katzin
Weibliche Identität wird nach wie vor als friedfertig und kampfuntauglich konstruiert. Lynndie England wurde nach Veröffentlichung der Folterbilder von Abu Ghraib hingegen dämonisiert und in den Medien als bestialische Irre inszeniert. Wie erklärt sich das? Das ist ja kein Widerspruch, sondern nur die Reaktion darauf, dass Lynndie England diese Vorstellung der friedfertigen Frau infrage gestellt hat. Da es im öffentlichen Diskurs nicht möglich ist, auch Frauen Grausamkeiten zuzugestehen, war die notwendige Konsequenz, sie als nicht „normal“ zu konstruieren. Es ist ja ein beliebtes Schema bei vielen Verbrechen, diese zu personalisieren und nicht als strukturelles Problem zu sehen, sondern als individuelles: schlechtes Elternhaus, Alkohol- und Drogenerfahrungen, Arbeitslosigkeit oder Ähnliches. Ein weiterer Aspekt war dabei auch, dass man damit die
männlichen Soldaten entlasten konnte und so die eigentlichen Helden dieses Krieges – die kämpfenden Männer – nicht infrage gestellt hat. Lynndie England kann man damit auch als eine Art Bauernopfer sehen.
Sie stellen Ihrem Buch das Zitat eines Kommandeurs voran: „Es ist viel fröhlicher geworden, seitdem die Mädchen da sind.“ Frauen in der Bundeswehr wirken zivilisierend und deeskalierend, heißt es. Stimmt das? Nein, das ist ironisch gemeint, stellt aber zugleich eine wichtige Argumentationsressource dar: Gerade für den Einsatz im Ausland im Kontakt mit der Zivilbevölkerung werden Frauen mit genau der Vorstellung, sie würden deeskalierend wirken, eingesetzt. Damit bestätigt man natürlich ein traditionelles Geschlechterbild und spricht den Soldatinnen damit auch ab, selbst Waffengewalt anwenden zu können,
oder dass auch Soldaten ebenso deeskalierend sein könnten. Natürlich mag es Situationen geben, in denen die Anwesenheit von Frauen für die Betroffenen weniger demütigend sein kann – man denke bspw. an den Einsatz in muslimischen Gesellschaften –, ich frage mich allerdings, ob das als Legitimation für zum Teil massive Verletzungen der Intimsphäre der betroffenen Zivilbevölkerung ausreicht.
Frauen dürfen inzwischen in immer mehr Staaten zum Militär. Doch das Ideal einer soldatischen Männlichkeit erstarkt gegenwärtig wieder, schreiben Sie. „Der Soldat als Kämpfer und das damit verbundene Männlichkeitsbild scheinen sukzessive auf die Bühne der internationalen Politik zurückzukehren.“ Wie ist das vereinbar? In dieser Frage steckt ebenso die Annahme, Frauen hätten tatsächlich eine zivilisierende Wirkung auf das Militär. Mai 2011 an.schläge l 19
lebenslauf auch feministinnen altern
Birgit Meinhard-Schiebel
Mutter Courage und ihre Kinder Bert Brechts Mutter Courage ist bis heute das Sinnbild für Frauen im Krieg. Kriege sind seit Jahrhunderten die Spielwiesen der tapferen Männlichkeit. Tapfere Frauen dürfen den Karren ziehen und versuchen, zu retten, was noch zu retten ist. Neuer Militarismus hat gelernt, sich der Frauen anders zu bedienen. Viele Armeen haben Frauen in ihre Dienste genommen, wohl wissend, dass sie Kompetenzen einbringen, die in modernen Kriegstechnologien wichtig sind. Multitasking, Konfliktmanagement, motorische Fähigkeiten, rasche Auffassungsgabe, Fleiß, hohe Stressresistenz – und als Korrektiv, um Männerträume nicht ins Uferlose wachsen zu lassen. Militarismus aber bekommt ein anderes Gesicht. Moderne Staaten sortieren ihre unproduktiven Heere aus, nicht der Wunsch nach Frieden und Eierkuchen ist der Hintergrund. Die Gründe dafür sind hohe Personalkosten, sinnloses, weil veraltetes Kriegsspielzeug und neue Kriegsformen. Moderne Waffen brauchen kein unzuverlässiges Bedienungspersonal, nur mehr Eliten, und die werden immer noch von den Männern gebildet. Nicht der Militarismus verschwindet, er ändert sein Gesicht, und im allerbesten Fall verliert er das Gesicht des Geschlechts. Wie aber Männer trotzdem zu willenlosen Befehlsempfängern machen, wenn die Schule dafür fehlt? Dazu werden sich Männer etwas einfallen lassen … Wenn Frauen etwas dazu beigetragen haben, den old fashioned Militarismus zu verändern, dann dadurch, dass sie den Söhnen beigebracht haben, dass Raubritter zu den Märchenfiguren gehören. Ihren Töchtern allerdings müssen sie neue Arbeitsplätze suchen gehen … Weil Burgfräuleins, die ihr Schloss und/oder ihre Tugend verteidigen, ebenfalls ins Märchenreich gehören. Frauen haben sehr rasch begriffen haben, dass die Übernahme von Männlichkeitsbildern aus Frauen keine besseren Männer macht. Nur bessere Erfüllungsgehilfinnen, die im Ernstfall sowohl beim Militär wie auch auf dem Arbeitsmarkt wieder auf der Strecke bleiben. Wenn es ihnen gelungen ist, keines ihrer Kinder in irgendeinen Krieg zu schicken und es dort zu verlieren, dann ist es gelungen, menschenfeindlichem Militarismus weibliche Intelligenz entgegenzusetzen. Bert Brecht müsste dann wohl eine zeitgemäße Mutter Courage schreiben … Birgit Meinhard-Schiebel hat u.a. die Facebook-Gruppe „Alter ist nichts für Feiglinge“ gegründet.
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Das bezweifele ich stark. Ich denke, dass Frauen, die sich in einem derartig männlich strukturierten Bereich langfristig durchsetzen, sich teilweise sehr viel männlicher verhalten (müssen), als man es vielleicht vermuten würde. In der gegenwärtigen politischen Situation ist der Kampf die zentrale Aufgabe von Soldaten, dies wird auch in der Bundeswehr mittlerweile offen kommuniziert. „Kämpfen können, um nicht kämpfen zu müssen“, dieses sehr defensive Soldatenbild des Kalten Kriegs existiert nicht mehr. Daran kann auch der immer noch geringe Frauenanteil in den Streitkräften nichts ändern.
die lange im Auslandseinsatz oder auf See sind, sodass sicher viele Vorfälle banalisiert werden.
Mit Präsident Obama gibt es seit letztem Jahr endlich ein Gesetz, das SoldatInnen in der US-Armee ein offenes Bekenntnis zu Homosexualität erlaubt. Wird das Ihrer Einschätzung nach auch etwas an der strukturellen Homophobie im Militär ändern? Jede Orientierung an zivilen Gesetzen, die auch für Angehörige der Streitkräfte gelten, ist erstmal durchweg positiv zu sehen. Man darf aber auch keine Wunder erwarten, natürlich lassen
In meiner Studie zur Integration von Frauen in die Bundeswehr zeigte sich, dass es im Militär verschiedene Männlichkeiten und Weiblichkeiten gibt, die die Soldatinnen und Soldaten strategisch für sich nutzen. Kürzlich wurde bekannt, dass jede fünfte Frau in der US-amerikanischen Air Force schon einmal Opfer sexueller Übergriffe wurde. Wie verbreitet ist sexuelle Gewalt beim Militär? Wie in anderen Bereichen auch, ist sexuelle Gewalt Teil der Organisation und viel weiter verbreitet, als es die angezeigten Fälle vermuten lassen. Sexuelle Gewalt wird immer dann angewendet, wenn die herrschende Gruppe sich in ihrer Macht bedroht fühlt. Durch sexuelle Gewalt können ins Wanken geratene Geschlechtsidentitäten wiederhergestellt werden. Es darf aber auch nicht vergessen werden, dass sexuelle Gewalt nicht nur von Männern gegen Frauen ausgeübt wird, sondern ebenso umgekehrt bzw. von Männern gegen Männer oder Frauen gegen Frauen. In der Bundeswehr fühlen sich die Soldatinnen relativ sicher, was sexuelle Gewalt angeht, es existiert allerdings ein ziemlich bedeutsamer Diskurs, der die Männer als potenzielle Opfer ungerechtfertigter Beschuldigungen von sexueller Gewalt stilisiert. Ein weiteres Problem ist auch, dass es für die Beteiligten oft schwer ist, zu unterscheiden, wo die Grenze zwischen „normaler Anmache“ und sexueller Belästigung/Gewalt zu ziehen ist. Es gibt ein großes Verständnis für die sexuellen Bedürfnisse von Männern,
sich über Jahrhunderte entstandene Strukturen nicht von heute auf morgen verändern. Auch gesamtgesellschaftlich ist Homosexualität ja immer noch nicht voll toleriert, ebensowenig wie Frauen in „Männerberufen“ selbstverständlich sind, wie die aktuellen Diskussionen um die Einführung einer Frauenquote in der Privatwirtschaft zeigen. Ich denke, da liegt noch eine Menge Arbeit vor uns, gegen diese Diskriminierungen, ob nun im Militär oder in der Gesellschaft im Allgemeinen, vorzugehen. l
Cordula Dittmer ist Soziologin, veröffentlichte zu Gender, Militär und Kriege, ist beteiligt am Forschungsprojekt „Geschlecht und Organisation am Beispiel der Bundeswehr“ der Deutschen Forschungsgemeinschaft und ist Promotionsstipendiatin der Deutschen Stiftung Friedensforschung.
Männlichkeit und Wehrbereitschaft
Die Wehrpflicht als Geschlechterpolitik. Von Uta Klein In die Frage der Wehrpflicht ist in Deutschland endlich Bewegung gekommen. Sie wird zwar nicht abgeschafft, aber immerhin ausgesetzt. Auch wenn wohl erst die Abschaffung der Wehrpflicht als Paradigmenwechsel bezeichnet werden könnte, ist die Aussetzung doch eine nicht zu unterschätzende Kurskorrektur. In der öffentlichen Diskussion – über die Wehrpflicht wird seit mehr als einem Jahrzehnt kontrovers diskutiert – bleiben die Geschlechterimplikationen ausgespart. Während durch die Öffnung der Streitkräfte für Frauen Geschlechterstereotype über Weiblichkeit aufgeweicht wurden, wird durch die Beibehaltung, die Nicht-Abschaffung der Wehrpflicht für Männer eine Veränderung der Stereotype über Männlichkeit verhindert. Gleichwohl ist auszuloten, wie sich eine Aussetzung bemerkbar machen könnte. Schule der Nation. Die Gleichsetzungen von Waffenfähigkeit, Kampfesmut und Männlichkeit einerseits und von Friedensfähigkeit und Weiblichkeit andererseits gehörten über Jahrhunderte hinweg zu den Merkmalen des europäischen Gesellschaftsdiskurses.1 Die Dichotomie „friedfertige Frau“ – „wehrhafter Mann“ stellt die Zuspitzung der
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19. Jahrhunderts, indem Frauen aus den entstehenden modernen Nationalarmeen – stehende Heere anstelle von Söldnerheeren – endgültig verdrängt waren. Die allgemeine Wehrpflicht für Männer wurde eingeführt und mit dem Bürgerstatus verknüpft. Staatsbürgerschaft und Landesverteidigung galten als zwei Seiten einer Medaille. Die Gewährung
Das Militär war eine, wenn nicht die zentrale Institution, die die Möglichkeit zur Herstellung von Männlichkeit bot. Es galt nicht nur als „Schule der Nation“, sondern auch als „Schule der Männlichkeit“. Polarisierung der Geschlechter im Zuge der geschlechtlichen Arbeitsteilung dar, die mit der Industrialisierung und der zentralisierten Warenproduktion eingesetzt und zur Trennung von Erwerbsarbeit und Familie, von öffentlicher und privater Sphäre geführt hatte. Eine entscheidende Zementierung dieser Dichotomie erfolgte im Laufe des
der Bürgerrechte im Nationalstaat war daran gebunden, Waffen tragen zu dürfen und den Staat verteidigen zu müssen. Die „ultimative“ staatsbürgerliche Pflicht, als Soldat sein Leben der Nation zu opfern, galt nicht für Frauen. Ihr Ausschluss aus/von politischen Rechten wurde mit ihrer vermeintlichen Nichtwaffenfähigkeit begründet. Damit zog
das Militär im 19. Jahrhundert „eine neue, symbolische und alltagsweltliche Trennlinie zwischen allen Frauen und allen Männern und markiert auf diese Weise die Bedeutung des Geschlechts als zentrales gesellschaftliches Organisationsprinzip“.2 Das Militär war eine, wenn nicht die zentrale Institution, die die Möglichkeit zur Herstellung von Männlichkeit bot. Es galt nicht nur als „Schule der Nation“, sondern auch als „Schule der Männlichkeit“. Die Erziehung im Militär sollte Männer zu richtigen Männern machen und damit zugleich die Männlichkeit der Nation sichern. Die Geschlechterdichotomie erhielt zusätzlich die Implikation, die bis heute wirkmächtig ist: Es etablierte sich ein Beschützermythos, nach dem die (vermeintlichen) Verteidiger männlich, die (vermeintlich) Beschützten dagegen weiblich sind.3 Männliches Waffenmonopol. Frauen wurden nach der Jahrhundertwende des 19./20. Jahrhunderts zwar bei
1 vgl. Frevert, Ute (1997): Das Militär als „Schule der Männlichkeit“. Erwartungen, Angebote, Erfahrungen im 19. Jahrhundert. In: Frevert, Ute (Hg.): Militär und Gesellschaft im 19. und 20. Jahrhundert. Stuttgart, S. 145–173; vgl. Davy, Jennifer A./Karen Hagemann/ Ute Kätzel (Hg.) (2005): Frieden-Gewalt-Geschlecht. Friedens- und Konfliktforschung als Geschlechterforschung. Reihe Frieden und Krieg. Beiträge zur Historischen Friedensforschung Band 5. Essen. 2 Frevert 1997: 13. Hier muss gleichwohl eingeschränkt werden: Nicht alle Männer waren einbezogen. Selbst als die unteren Klassen einbezogen wurden, galten nicht nur Frauen als abweichend von der Norm, sondern auch jüdische Männer. Sie galten als feminisiert, als deviant. Juden wie Frauen mangelte es in der offiziellen Lesart an konstitutionellen Fähigkeiten zur Ausübung des Heeresdienstes. Diese angebliche Untauglichkeit diente zur Verweigerung der völligen Gleichstellung sowohl der Juden als auch der Frauen.
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Foto: Barbara Katzin 3 vgl. Stiehm, Judith Hicks (1982): The Protected, the Protector, the Defender. In: Women's Studies International Forum 5, 3 / 4, S. 367–376. 4 vgl. Albrecht-Heide, Astrid (1990): Erziehung zur „Weiblichkeit“ durch Militär und Militarismus. In: Zubke, Friedhelm (Hg.): Politische Pädagogik. Beiträge zur Humanisierung der Gesellschaft. Weinheim, S. 345–357; vgl. Janshen, Doris (2001): Militärische Männerkultur in der Spannung zum Zivilen. Zur Konstitution der Geschlechterverhältnisse. In: Döge, Peter/Meuser, Michael (Hg.): Männlichkeit und soziale Ordnung. Neuere Beiträge zur Geschlechterordnung. Opladen, S.73-84. 5 vgl. Klein, Uta (1999): ‘Our Best Boys‘ – The Gendered Nature of CivilMilitary Relations in Israel. In: Men and Masculinities 2 (1), S. 47–65; vgl. Klein, Uta (2001a): Militär und Geschlecht in Israel. Frankfurt/M.; vgl. Klein, Uta (2001b): Wehrdienst in Israel. Seine Bedeutung für das Männlichkeitsverständnis. In: Döge/Meuser (Hg.), a.a.O., S. 85-104. 6 vgl. Theweleit, Klaus (1995): Das Land, das Ausland heißt. Essays, Reden, Interviews zu Politik und Kunst. München; vgl. Albrecht-Heide 1990. Zu Spezifika männlicher Sozialisation in der Gesellschaft und dem Phänomen der Verweiblichungsangst vgl. Böhnisch, Lothar/Funk, Heide (2002): Soziale Arbeit und Geschlecht. Theoretische und praktische Orientierungen. Weinheim/München
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Bedarf regelmäßig zum Kriegführen herangezogen, aber das Soldatentum, das Militärische, das Waffentragen galt als rein männlicher Bereich. Sowohl in der deutschen Wehrmacht als auch in der Roten Armee waren Frauen beteiligt. Fast eine halbe Million Frauen waren in der deutschen Wehrmacht vor allem im Fernmeldewesen, im technischen Dienst der Luftwaffe und in der Verwaltung tätig und wurden in Kampfhandlungen involviert, besaßen jedoch keinen Kombattantenstatus. Im öffentlichen Bewusstsein wurde das Militär als rein männliche Aufgabe betrachtet. Nach 1945 wurden dann in vielen Staaten Debatten um die Zusammensetzung und Form der Streitkräfte geführt. Seitdem ist zwar vieles über die angebliche Nicht-Eignung von Frauen für Kampf und Krieg geschrieben worden, jedoch nichts über die Frage, ob Männer prinzipiell, Männer als Gruppe, für den Wehrdienst geeignet sind. Die entsprechenden Abhandlungen zur Nichteignung von Frauen sind mit einer derart eifrigen Geschlechterideologie unterlegt, dass deutlich wird, wie wichtig die Aufrechterhaltung des männlichen Waffenmonopols war. Dies gilt für die gesellschaftlich-symbolische Ebene. Denn, so Pierre Bourdieu, ein wesentliches Merkmal der „männlichen Herrschaft“ ist das Teilungsprinzip, das menschliche Wesen in Männer und Frauen unterteilt und den ersteren die Spiele zuweist, „die einzig wert sind, gespielt zu werden“. Anders ausgedrückt: Die
Frau wird von den öffentlichen Plätzen ausgeschlossen, wo sich die Spiele abspielen, die „wie die der Politik oder des Krieges, gemeinhin als die ernstesten der menschlichen Existenz angesehen werden“ (ebd.). Generelle Ritterlichkeit. Der Militärdienst hält für Männer also identitätsstiftende Merkmale bereit: Die generelle Kampffähigkeit von Männern, ihre generelle körperliche Eignung, ihre generelle „Ritterlichkeit“ gegenüber Frauen werden hier suggeriert. Im Militär wird Männlichkeit sozialisiert4, der Wehrdienst kann als Übergangsritus zu Männlichkeit verstanden werden. Das gilt vor allem, wenn Frauen, wie in Deutschland, zahlenmäßig gering vertreten sind. Das gilt aber selbst in Israel, obwohl (jüdische) Frauen dort der Wehrpflicht unterliegen und zahlenmäßig Soldatinnen deutlich stärker präsent sind.5 Militärische Sozialisation ist mit Verweiblichungsangst verwoben wie männliche Sozialisation insgesamt mit Verweiblichungsangst verbunden ist.6 Vermeintlich weibliche Anteile müssen verdrängt werden, um wahrhaft männlich zu sein. Die Verweiblichungsangst verstärkt jene Elemente eines Männlichkeitsverständnisses, die auf einer (in unserer Kultur und Gesellschaft praktizierten) Abwertung des Weiblichen beruhen. Frauen werden vor allem als Objekte gesehen: Teile der Ausrüstung und ganze Waffensysteme werden mit weiblichen Namen versehen.7
Heterosexuelle, homosoziale Gemeinschaft. Offenbar besteht in der (fast) ausschließlich männlichen Gemeinschaft das starke Verlangen, keine „Unklarheit“ über die männliche (heterosexuelle) Geschlechtsidentität aufkommen zu lassen. So erklärt sich in Teilen der westlichen Streitkräfte die starke Homosexuellenfeindlichkeit. Damit soll hier nicht unterstellt werden, dass in den Streitkräften bewusst solche Zusammenhänge hergestellt werden. Es sollen vielmehr die vergeschlechtlichten dynamischen Prozesse angesprochen werden, die der militärischen Sozialisation unterliegen. In den Streitkräften existiert eine Organisationskultur, die eine bestimmte Form der Männlichkeit als hegemonial, als vorherrschend, vorgibt. Es geht zwar auch um Individuen, die in dieser Organisation sozialisiert werden, aber entscheidend ist, dass die Sozialisationsprozesse in dieser Institution, im Militär, auf eine hegemoniale Männlichkeit abzielen, sie aktiv produzieren. Für die Streitkräfte trifft besonders zu, dass Gruppenkohäsion eines der notwendigen und erfolgreichen Funktionsmerkmale ist, vorangetrieben durch Kameradschaft. Die Kameradschaftsideologie basiert auf männerbündischen Grundstrukturen. Nach wie vor ist es vorwiegend eine Männerwelt, eine homosoziale Gemeinschaft, die der Wehrpflichtige oder Soldat erlebt. Territorialkämpfe. Soldatinnen als neue Kameradinnen können dieses Gemeinschaftsgefühl bedrohen. Für die USA, in denen Frauen seit 1973 im Zuge der damaligen Umstellung auf eine Freiwilligenarmee rekrutiert werden, liegen dazu inzwischen erschreckende Erfahrungen sexueller Belästigungen bis hin zu sexuellen Übergriffen und Vergewaltigungen vor. In einer neuen Studie über die Lebenszeit-Prävalenz sexualisierter Gewalt gegenüber Soldatinnen der Luftwaffe in den USA berichtet fast die Hälfte der Befragten von Vergewaltigungen, sexuellen Übergriffen oder Belästigungen. Opfer einer Vergewaltigung wurden 28 Prozent der Soldatinnen und damit doppelt so viele wie in der Vergleichsgruppe aller US-Amerikanerinnen (13 Prozent).8 Das könnte damit zusammenhängen, dass das Militär – wie Zirngast schreibt – „von männlichen Soldaten ganz offen-
thema: maskulinismus & militarismus sichtlich als eine Art eigenes Territorium empfunden werden [kann], in dem Frauen Eindringlinge bzw. Störenfriede sind, die sich den Männern gewissermaßen ‚freiwillig‘ ausliefern“.9 Nun kann – trotz der Wehrpflicht – für Deutschland heute nicht mehr allgemein behauptet werden, dass Männer gesellschaftlich danach beurteilt werden, ob sie Wehrdienst geleistet haben oder nicht. Der Wehrdienst dient zwar für diejenigen, die ihn durchlaufen, als Initiation zu Männlichkeit, für den größten Teil der deutschen jungen Männer sind aber andere Initiationsverläufe an die Stelle des Wehrdienstes getreten. Der militärische Erfolg ist in der heutigen Zeit nicht mehr der Maßstab für Männlichkeit – anders als dies in Krisen- und Konfliktregionen und in Staaten, die in kriegerische Konflikte verwickelt sind, der Fall ist.10 Militärische Randaufgaben. Die allgemeine Wehrpflicht für Männer wurde in Deutschland erst 1956 eingeführt. Zuvor war ausschließlich über eine mögliche Beteiligung von Frauen diskutiert worden. Die Eignung von Männern im Allgemeinen für den Wehrdienst wurde stillschweigend vorausgesetzt. In der ersten Sitzung des Ausschusses für Rechtswesen und Verfassungsrecht (9. Februar 1954) zum Dienst von Frauen mit der Waffe ging es um die Frage, ob und wie Frauen von der Wehrpflicht ausgenommen werden können. Zur Begründung, dass die Ausnahme von Frauen aus der Wehrpflicht gleichermaßen gesellschaftlich wünschenswert wie „natürlich“ und selbstverständlich sei, wurden die entsprechenden Stereotype dieser Zeit angeführt. So äußerte die Abgeordnete Dr. Dr. h.c. Lüders (FDP): „Hier muss selbstverständlich dem funktionalen Unterschied zwischen Männern und Frauen Rechnung getragen werden. Wir können nicht gut Waffen führen. Sie verstehen, wenn sie nicht gerade Ärzte sind, nicht mit Babys umzugehen.“ In vielen Redebeiträgen wurde damit argumentiert, dass Frauen als Mütter von diesen Angelegenheiten fernzuhalten sind.11 Die Möglichkeit (eine Kann-Vorschrift) des Wehrdienstes für Männer und das Verbot des Waffendienstes für Frauen in Art. 12 des Grundgesetzes in der Fassung von 1956 entsprach der Ge-
schlechterdifferenzierung der westdeutschen Gesellschaft der Fünfziger- und Sechzigerjahre, die auf der Geschlechterideologie des 19. Jahrhunderts beruhte. Die Bundeswehr blieb wie andere Streitkräfte von dem gesellschaftlichen Wandel der Frauenrolle seit den 1970er Jahren nicht unberührt. Nachdem die US-Streitkräfte 1973 die Freiwilligenarmee einführten (u.a. als Reaktion auf Legitimationsprobleme nach dem Vietnamkrieg) und bestimmte Bereiche auch für Frauen öffneten, ließen in den folgenden Jahrzehnten mehr und mehr Streitkräfte Frauen zu.
Die Öffnung der Bundeswehr wurde erst durch ein Urteil des Europäischen Gerichtshofes (EuGH) 2000 erstritten.17 Dieser sah – beim vollständigen Ausschluss von Frauen vom Dienst mit der Waffe – eine Verletzung der Gleichbehandlungsrichtlinie gegeben. „Soziale Entwicklung“. Zweierlei ist für unseren Zusammenhang hier an den Ausführungen des EuGH wichtig. Zum einen begreift der EuGH die Bundeswehr und damit eine Streitkraft generell in Kategorien von Arbeitsplätzen und Berufsmöglichkeiten. Dies
Größere Debatten und Kontroversen gab es ausschließlich um die Frage der Öffnung der Kampfpositionen – aus Sicht der Geschlechterperspektive kein Zufall, handelt es sich hier doch um den Kern des Militärischen als exklusiv männliche Angelegenheit. Die Bundeswehr ließ Frauen zunächst bedingt zu.12 Sie durften ab 1975 als Ärztinnen im Sanitätsdienst arbeiten – wo im Übrigen zu der Zeit Engpässe bestanden.13 Später wurde auch das Musikkorps für Frauen geöffnet, beides Bereiche, die aus der militärischen Sicht „militärische Randaufgaben“ darstellen. Jedoch waren nicht alle Laufbahnen des Sanitäts- und Militärmusikdienstes geöffnet. Die Debatte um das Thema war damit nicht verstummt. Anfang der 1980er Jahre wurde von einer Kommission, die sich mit dem zukünftigen Personalbedarf der Bundeswehr befasste, vorgeschlagen, Frauen stärker in den (freiwilligen) waffenlosen Dienst einzubeziehen.14 Die Politik legte Art. 12a des Grundgesetzes jedoch weiterhin restriktiv aus, politische Parteien und andere gesellschaftliche Gruppen, auch innerhalb der Frauenbewegung, positionierten sich sehr unterschiedlich zur Frage des Militärdienstes von Frauen.15 Parallel ging in den meisten OECD-Mitgliedsstaaten der Prozess der Professionalisierung mit der Öffnung der Streitkräfte für Frauen einher, sowohl was die Zulassungszahlen als auch was die Einsatzbereiche anbelangt.16 So blieben Italien und Deutschland Schlusslichter der Entwicklung.
entspricht weitgehend der heutigen Einstellung der Bevölkerung zur Bundeswehr, die vornehmlich pragmatisch begründet ist. Es geht um ein öffentlichrechtliches Dienstverhältnis. Der EuGH wendet sich gegen ein Berufsverbot für Frauen. Zum anderen wird im Urteil mehrfach betont, dass Ungleichbehandlungen der Geschlechter regelmäßig zu überprüfen seien, ob sie der „sozialen Entwicklung“ noch entsprechen. Hier wird also deutlich auf geänderte Rollenvorstellungen von Mann und Frau in der Gesellschaft angespielt. Allerdings aus der Perspektive, dass ein genereller Ausschluss von Frauen vom Dienst mit der Waffe und die dahinterliegende Einstellung, dass ein solcher der Natur der Frau nicht entspreche, den Rollenvorstellungen heute nicht mehr zuwiderläuft. Der EuGH moniert nicht – dies war allerdings auch nicht die Frage –, dass Männer ohne Ausnahme wehrpflichtig sein können. Öffnung der Kampfpositionen. Das Urteil und die daraufhin vorgenommene komplette Öffnung der Bundeswehr wurden in der Bevölkerung ohne große Aufregung aufgenommen. Größere Debatten und Kontroversen gab es ausschließlich um die Frage der Öffnung der Kampfpositionen – aus Sicht der
7 Horst-Eberhard Richter (1982) war in der deutschsprachigen Literatur einer der ersten, der auf einen Zusammenhang zwischen männlicher Geschlechtsidentität und Kriegsphantasien hingewiesen hat. 8 Bostock, Deborah J./ James G. Daley (2007). Lifetime and Current Sexual Assault and Harassment Victimization Rates of Active-Duty United States Air Force Women. In: Violence against Women 13, S. 927-944; vgl. auch Katzenstein, Mary Fainsod/ Reppy, Judith (Hg.) (1999): Beyond Zero Tolerance. Discrimination in Military Culture. Lanham u.a. 9 Zirngast, Waltraud (1995): Frauen im Heer im internationalen Vergleich. Eine Studie im Auftrag des Bundesministeriums für Frauenangelegenheiten in Wien. Wien, S. 56. 10 Klein, Uta (2002): The Gender Perspective of CivilMilitary Relations in Israeli Society. In: Current Sociology, Volume 50, Number 5, S. 669-686. 11 vgl. Kraake, Swantje (1992). Frauen zur Bundeswehr – Analyse und Verlauf einer Diskussion. Frankfurt a.M. 12 Ich beziehe mich hier nicht auf die zivilen Bediensteten. 13 Kümmel, Gerhard/ Klein, Paul/Lohmann, Klaus (2001): Zwischen Differenz und Gleichheit. Die Öffnung der Bundeswehr für Frauen. In: Steinkamm, Armin A. (Hg.): Frauen im militärischen Waffendienst. Rechtliche, politische, soziologische und militärische Aspekte des Einsatzes von Frauen in Streitkräften unter besonderer Berücksichtigung der Deutschen Bundeswehr und des Österreichischen Bundesheeres. Baden-Baden, S. 435–487. 14 vgl. Kümmel/Klein/Lohmann 2001: 450 15 vgl. Kraake 1992 16 vgl. Zirngast 1995 17 vgl. Klein, Uta (2000): Zur Öffnung der Streitkräfte für Frauen. In: Dokumentation des Renner-Instituts. Wien, S. 1-13.
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thema: maskulinismus & militarismus Prozent aller Zeit- und Berufssoldaten aus.18 Damit ändert sich noch nicht die oben dargestellte männliche Organisationskultur. Für Soldatinnen ergibt sich eine sogenannte „Token-Problematik“, d.h. ihnen wird aufgrund eines hervorstechenden Merkmales (in diesem Fall Geschlechtszugehörigkeit) besondere Aufmerksamkeit zuteil, und sie werden über Stereotypisierung und Vorurteile wahrgenommen. Im Militär sind Frauen einem erhöhten Druck ausgesetzt, sich zu „beweisen“. Machen Einzelne Fehler, so wird das Versagen der Gruppe „Frauen“ angerechnet. Foto: Barbara Katzin
18 Kümmel, Gerhard (2008): Truppenbild mit Dame. Eine sozialwissenschaftliche Begleituntersuchung zur Integration von Frauen in die Bundeswehr. Hg. vom Sozialwissenschaftlichen Institut der Bundeswehr. Forschungsbericht 82, Strausberg 19 Kreisky, Eva (1995): Der Stoff, aus dem die Staaten sind. Zur männerbündischen Fundierung politischer Ordnung. In: Regina Becker-Schmidt, GudrunAxeli Knapp (Hg.): Das Geschlechterverhältnis als Gegenstand der Sozialwissenschaften. Frankfurt/M., New York, S. 85–124.
gs e i Kr raut b
Geschlechterperspektive kein Zufall, handelt es sich hier doch um den Kern des Militärischen als exklusiv männliche Angelegenheit. Mit der jetzigen Situation ist allerdings keine unproblematische Lage geschaffen worden. Denn auf der einen Seite ist zwar eine Voraussetzung einer gelingenden Integration damit gegeben, dass keine Bereiche für Frauen verschlossen sind. Andererseits zeigen sämtliche Erfahrungen anderer Streitkräfte, dass wegen der geringen Zahl von Soldatinnen (s.o.) Integrationsprobleme entstehen. In der Bundeswehr macht heute der Frauenanteil 6,5
Als Pionierleistung wird der Roman quer durch die Feuilletons gelobt. „Literarisches Neuland“ sei betreten, „der erste Kriegsroman“ geschrieben worden, „seit Frauen in der Bundeswehr zugelassen wurden“ (SZ). Dirk Kurbjuweit, der sich auch als „Spiegel“Journalist eingehend mit dem Krieg in Afghanistan beschäftigt hat und die deutsche Beteiligung letztlich für gerechtfertigt hält, erzählt darin die Geschichte einer Soldatin im Auslandseinsatz. Dass es sich dabei tatsächlich um eine weibliche Perspektive auf Krieg und Militär handelt, wie die Kritik lobt, daran lässt schon der Titel des Buches zweifeln. „Kriegsbraut“ meint nicht die Kämpferin, sondern die während eines Einsatzes vom männlichen Soldaten geehelichte Frau, abwertend wird so oft auch einfach der Aufriss beim Auslandseinsatz bezeichnet. Die Protagonistin
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Der Mann bleibt wehrhaft. Der Staat betreibt durch Gesetze, Formen und Inhalte der Politik eine politische Regulierung der Geschlechterdifferenz.19 Auch mit der Beibehaltung der Wehrpflicht für Männer machte der Staat Geschlechterpolitik und konservierte männerbündische Strukturen. Eine solche Ausrichtung der Geschlechterpolitik widerspricht den Grundzügen einer modernen Gesellschaft, in der bestimmte Funktionen nicht mehr an den Merkmalen Geschlechtszugehörigkeit, Schichtzugehörigkeit, Alter, kurz: an sozialen Rollen festgemacht werden sollten. Für den (modernen) Wehrdienst heißt das, die Individuen müssen unabhängig von der Geschlechtszugehörigkeit auf Eig-
Esther wird auch sonst vor allem durch ihre Beziehung zu Männern definiert. Für eine Karriere bei der Bundeswehr entscheidet sie sich, nachdem eine Affäre mit einem verheirateten Mann in die Hose gegangen war. Kaum in Afghanistan angekommen, bestimmt eine Liebesbeziehung zu einem afghanischen Lehrer ihren Alltag. Dass es vor allem Frauen sind, die an den erlebten Kriegsgräueln und moralischen Dilemmata zerbrechen, ist das nächste Klischee, das Kurbjuweit ausschweifend bedient. Feministische Fragestellungen richtet er nicht an die maskulinistischmisogyne Organisationsstruktur des Militärs, sondern arbeitet sie stattdessen auf altbekannte Weise am Motiv der Burka ab. Eine Lovestory am Hindukusch. les
Dirk Kurbjuweit: Kriegsbraut Rowohlt 2011, 20,60 Euro
nung überprüft werden, wobei freilich die Eignungskriterien herausgearbeitet werden müssten. In der Frage der Einbeziehung von Frauen in die Streitkräfte hat eine Modernisierung stattgefunden. Seit den 1950er Jahren ist ein Paradigmenwechsel feststellbar: Einschränkungen, Beschränkungen für Frauen werden in der breiten (auch politischen) Öffentlichkeit nicht mehr mit Vermutungen über eine vermeintliche Natur der Frau diskutiert. Im Vordergrund stehen – vorangetrieben von ökonomischen Erfordernissen – Werte wie Gleichberechtigung, Gleichstellung, Chancengleichheit. In der Dichotomie ‚friedfertige Frau‘ – ‚wehrhafter Mann‘ ist dadurch eine Seite der Geschlechterstereotype aufgeweicht: das der friedfertigen Frau. Durch die Wehrpflicht für Männer blieb die andere Seite der Geschlechterstereotype unangetastet. Es ist lange überfällig, dass, wie jetzt geplant, die Wehrpflicht ausgesetzt wird. Sie wird indes nicht abgeschafft, dafür wäre eine Änderung des Grundgesetzes nötig. Verfassungsrechtlich bleibt die Geschlechterungleichheit bestehen. Angesichts der Anteile von Soldatinnen und Soldaten ist es zu erwarten, dass die Bundeswehr noch lange eine extrem geschlechtersegregierte Institution bleiben wird. l Uta Klein, Soziologin, ist Professorin für Gender und Diversity Studies an der Christian-Albrechts-Universität Kiel. Zuvor u.a. Gastdozentin an der hebräischen Universität Jerusalem; Aigner-RollettGastprofessorin für Geschlechterforschung an der Uni Graz (2000); Dozentin in Tallinn/Estland (2008). Sie hat u.a. zu Genderfragen im Israel-Palästina-Konflikt gearbeitet, zu Militär und Geschlecht in Israel habilitiert und war Mitglied der UNESCO-ExpertInnenkommission Culture of Peace/Male Roles and Masculinities.
an.sprüche
Passkontrolle
Der Kulturpass soll im Rahmen der Aktion „Hunger auf Kunst und Kultur“ sozial benachteiligten Menschen freien Eintritt in Kultureinrichtungen ermöglichen. Zwei sehr unterschiedliche Erfahrungsberichte von den Passinhaberinnen Leela und Traude Lehner.
Illustration: Bianca Tschaikner
Seit fast zwei Jahren bin ich Besitzerin eines Kulturpasses. Als Mensch mit finanziellen Engpässen von meinem „Recht auf Kunst & Kultur“, wie es auf der Homepage heißt, Gebrauch zu machen, ist jedoch nicht immer einfach und noch seltener angenehm. So gehört neben einer eingehenden Musterung – ich erfülle wohl nicht das Stereotyp einer sozialbedürftigen Frau – standardmäßig die scharfe Kontrolle eines Lichtbildausweises dazu. Bereits als ich das erste Mal den Kulturpass nutzen wollte, wurde mir mitgeteilt, dass dies wegen des verbreiteten Missbrauchs in dieser Einrichtung nicht mehr möglich sei – Inhaber_innen hätten ihre Freikarten vor der Tür weiterverkauft, aus ihren „Privilegien Profit geschlagen“. Missbrauch zu betreiben wurde auch einer Freundin von mir, ebenfalls Kulturpassbesitzerin, vorgeworfen. Sie wurde von einem Kinoinhaber dabei „ertappt“, einen Studi-Ausweis in ihrer Brieftasche mit sich zu tragen. Aus welchen Gründen auch immer sind Studierende, unabhängig von ihrer finanziellen Lage, nicht kulturpassberechtigt. Als sie den Besitzer darauf aufmerksam machte, dass der Ausweis längst abgelaufen sei, war er sich nicht zu blöd, das Datum zu kontrollieren und sie nach dem Besuch des Films, als sie ihre Getränke zahlte, erneut zu belästigen: „Geld für Bier haben Sie also schon, für die Kinokarte nicht?“ Wer sich Kultur nicht leisten kann, darf wohl auch kein Bier trinken. Spezielle Erlebnisse durfte ich wiederum bei Festivals oder Spezialfilmvorführungen machen. So beispielsweise bei den „Queer Film Nights“. Gemeinsam mit Freundinnen wollte ich mir einen Film anschauen. Als ich eine Karte haben wollte, hieß es jedoch, ich müsste warten bis kurz vor Beginn, wenn dann noch welche übrig wären, könnte ich eine haben. So musste ich zuerst die Abfertigung der ersten Klasse von Kinogästen abwarten. Mein schönstes Erlebnis bleibt jedoch, dass ich bei „This Human World“ – Internationales Filmfestival der Menschenrechte (sic!) keine Karte bekommen hab – Festivals sind von der Kulturpassaktion ausgeschlossen. Leela ist autonome Feministin und geht gerne ins Kino und Theater.
Als Mindestsicherungbezieherin und Verkäuferin der Wiener Straßenzeitung „Augustin“ habe ich natürlich seit Jahren den Kulturpass, doch erst seit einem Jahr nutze ich ihn auch richtig. Im Herbst 2009 sprach mich Monika Wagner, die Initiatorin des Kulturpasses, bei einer Veranstaltung der Armutskonferenz an. Sie hatte die Idee einer regelmäßigen Rubrik im „Augustin“, die von BenutzerInnen des Passes geschrieben werden sollte. Ich sprach daraufhin mit unseren Redakteuren, die von diesem Vorschlag begeistert waren, und seit April 2010 schreibe ich nun mit fünf anderen Personen in regelmäßigen Abständen für diese Serie namens „Kulturpassage“. Meine Erfahrungen sind fast ausschließlich positiver Natur. In den angeführten Museen gibt es überhaupt keine Probleme, man kann jederzeit hingehen und wird überall genauso zuvorkommend und freundlich behandelt wie die zahlenden BesucherInnen. Ebenso auch in den meisten Theatern, wobei es ratsam ist, einige Tage vorher anzurufen, um Karten reservieren zu lassen. Lobend hervorheben möchte ich besonders das Volks-, das TAGTheater und das Schauspielhaus. Schwierigkeiten gab es bis jetzt nur bei den Vereinigten Bühnen, da nützt weder ein Anruf noch ein frühzeitiges Erscheinen bei Kassenöffnung – und das Personal ist äußerst unfreundlich. Da ich eine sehr böse „Kulturpassage“ über einen dieser unerfreulichen Besuche geschrieben habe, die auch an den Direktor weitergeleitet wurde, hat dieser uns versichert, dass so etwas nicht mehr vorkommen wird. Ich werde mich demnächst davon überzeugen, ob er sich an dieses Versprechen gehalten hat. Bei den Kabarettbühnen wiederum sind nur bestimmte Aufführungen für KulturpassbezieherInnen zu sehen. Und schade finde ich, dass sich nur so wenige Kinos an dieser Initiative beteiligen. Zum Schluss noch eine Bitte: Treiben Sie keinen Missbrauch mit Ihrem Kulturpass, indem Sie ihn etwa an andere weitergeben. In der Vergangenheit sind aufgrund solcher Vorkommnisse schon einige gute und wichtige Häuser wie die Volksoper oder das Top-Kino von ihrem Angebot zurückgetreten. Traude Lehner ist Kulturpass-Besitzerin und schreibt eine regelmäßige Kolumne in der Wiener Straßenzeitung „Augustin“.
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zeitausgleich
arbeitsfragen in allen
lebenslagen
Text: Mieze Medusa, Illustration: Nadine Kappacher
nachruf Edith Saurer, 20.8.1942 – 5.4.2011 Sie hat für Frauen und Gerechtigkeit gekämpft und ist gegen Diskriminierung eingetreten: Die Historikerin Edith Saurer, die im April nach langer, schwerer Krankheit verstarb. Durch ihr Engagement wurde die feministische Geschichtswissenschaft in Österreich nachhaltig gefördert: Saurer gründete mit Kolleginnen die Fachzeitschrift „L'Homme. Europäische Zeitschrift für feministische Geschichtswissenschaften“, initiierte und leitete die Forschungsplattform „Neuverortung der Frauen- und Geschlechtergeschichte im veränderten europäischen Kontext“ an der Universität Wien und setzte sich für die Etablierung der Gender Studies ein. In den 1970er Jahren gestaltete Saurer die Gleichbehandlungsgesetzgebung mit, in den 1990er Jahren war sie Mitgründerin der „Sammlung Frauennachlässe“, einem europaweit einzigartigen Archiv. Wissenschaft war für Saurer stets auch Gesellschaftspolitik. Ihr Engagement wird fehlen. be
Tipps für die Wildnis
http://diestandard.at, www.univie.ac.at/Geschichte/Neuverortung-Geschlechtergeschichte
Wie haben wir uns gefeiert. Und mit was? Mit Recht. Irgendwie war im März 2011 jede_r Feminist_in. 100 Jahre Frauentag war so präsent, dass mir erst zwei Monate später auffällt, wie wenig medialen Nachhall die größte Frauendemo seit Jahren eigentlich hatte. Das nächste Mal geh ich zur Opernballdemo. Da brauchst du nur eine Handvoll Leute und bist schon in den Medien. Aber egal. Das ist eh typisch herstory, es gibt ja wahrlich Wichtigeres: Burli von der EAV kommt unverhofft zu neuen Ehren, deren Leadsänger wuchteldruckst zurzeit bei den Dancing Stars im Hinterzimmer. Gratulieren wir Frau Weichselbraun zur Moderation auf der Hauptbühne des glatten ORF-Parketts. Freuen wir uns mit Alfons Haider darüber, dass er den Toleranzbildungsauftrag des ORF im paargetanzten Alleingang schupft. Verschwenden wir aber trotzdem nicht unsere Zeit vor dem Fernseher. Machen wir uns nichts vor: Es gibt Wichtigeres. Und weil wir, was uns wichtig ist, üblicherweise im Prekariat machen – auch das übrigens ist typisch herstory –, erledigen wir das uns so Wichtige mit einer hochspezialisierten Form der Augengleichgewichtsstörung: Ein Auge schielt auf den Kontostand, ein anderes auf die verschiedenen Deadlines, seltener gelingt uns ein Seitenblick auf die Selbstverwirklichung, so gut wie nie bemerken wir, wenn wir gerade Freizeit haben. Wir grabenkämpfen uns durch einen To-Do-Listen-Dschungel. Und weil wir das jetzt schon eine ganze Weile tun, haben wir ein paar Tipps für die Wildnis:
Diskriminierung am Arbeitsplatz aufgrund des Geschlechts dürfte beim größten privaten Arbeitgeber der Welt, dem US-amerikanischen Einzelhandelskonzern Wal-Mart, auf der Tagesordnung stehen. Vor kurzem haben beim Obersten Gericht der USA die Anhörungen zu einer Sammelklage von über einer Million Frauen, die seit 1998 für Wal-Mart arbeiteten oder noch arbeiten, begonnen. Die Vorwürfe lauten u.a., dass der Konzern seinen weiblichen Angestellten ganze 15 Prozent weniger Gehalt als seinen männlichen Angestellten bezahlt habe – für jeweils dieselben Jobs. Auch bei Beförderungen seien Frauen benachteiligt bzw. übergangen worden. Ein Wal-Mart-Vizepräsident hat sich durch seine Aussage, dass eine weibliche Mitarbeiterin des Konzerns „eine Familie großziehen und in der Küche bleiben soll“, statt eine Karriere anzustreben, besonders hervorgetan. Ein Urteil zur größten zivilrechtlichen Diskriminierungssammelklage in der US-amerikanischen Geschichte wird im Juni 2011 erwartet. Entscheiden wird sich dabei auch, ob eine Sammelklage in diesem Fall zielführend ist oder ob die anklagenden Frauen ihre Interessen doch einzeln vertreten werden müssen, um Gerechtigkeit zu erlangen. bicou
• Straight Edge ist echt eine Option, wenn ein Kater deinen Zeitplan endgültig kippt. • Über die Stränge schlagen empfiehlt sich trotzdem immer wieder. • Vorurteile wegpacken. Es gibt Menschen mit Raiffeisen-Anstecker am Trachtensakko-Revers, die Günter Brus so richtig gut finden. Oder dich. • Bausparen. Weil wir nie wissen, wann wir Kredit brauchen, aber immer wissen, wer ihn uns dann nicht gibt. • Buchhaltung & Steuererklärung übers Jahr verteilt updaten. Na ja. • Margaret Atwood lesen. Weil wir von ihr lernen können. Und abschreiben. Stichwort: Wilderness tips.
Wie viele Frauen braucht es, um patriarchale Firmenstrukturen aufzubrechen? Mindestens drei. Das fanden norwegische und italienische Forscher_innen heraus, die sich mit der Frage beschäftigten, ab wann Frauen in einzelnen Unternehmen in der Wirtschaft zur „kritischen Masse“ werden, also gehört werden und für Veränderungen in ihrem Sinne sorgen können. Weil sich Frauen in Vorständen nach wie vor in der Minderheit befinden, wurden 317 norwegische Firmen auf innovative Geschäftspraktiken untersucht und dabei Unterschiede bei variierender Anzahl von Frauen im Vorstand ausgewertet. Das Ergebnis: Erst wenn mindestens drei Frauen aktiv sind, passt sich die Minderheit nicht mehr einer „männlichen“ Unternehmenskultur an, sondern vertritt vehementer eigene Positionen. In einer anderen Studie erforschten Wissenschafter_innen der niederländischen Universität Groningen stereotype Zuschreibungen des klassischen Managers. Dazu wurden 3.000 Angestellte verschiedenster Unterneh-
Mieze Medusa liebt Literatur, Rap und Poetry Slam und lebt ihr Leben danach. www.miezemedusa.com Nadine Kappacher gibt es da www.salon-nadine.at und dort http://meerweh.tumblr.com.
26 l an.schläge Mai 2011
diskriminierung 1 Million Frauen klagen Wal-Mart
www.womensenews.org, http://diestandard.at
studien Mein Boss ist eine Frau
an.riss arbeit wissenschaft men zu ihrem Idealtyp eines Managers befragt. Das Resultat zeigt einen Zusammenhang von bestimmten Stereotypisierungen und dem Geschlecht der/des eigenen Vorgesetzten. So weicht bei Angestellten, die eine Frau zur Chefin haben, das Bild des maskulinistischen, souveränen und zielgerichteten Managers eher auf. Dadurch zeigt sich einmal mehr, dass Frauen in höheren Positionen neue Vorbilder schaffen. vers http://diestandard.at, www.springerlink.com/content/y3458105hg3l8332/fulltext.pdf (Manager-Studie)
Wortwahl und Untersuchungsmethoden von Forscher_innen. Denn meistens werden „Fortpflanzungskosten“ nur bei Weibchen untersucht – Männchen haben diese aber auch. Ebenso lassen sich im Vokabular von Forscher_innen Geschlechterstereotype ausmachen. Geschlechtervorstellungen von Forscher_innen fließen also stark in die jeweiligen Ergebnisse ein. Die Biologinnen plädieren für eine „objektivere“ Forschung. Eine ähnliche Erkenntnis findet sich auch in einer anderen aktuellen Publikation: Jennifer Petersen und Janet Hyde (Universität Wisconsin-Madison) wandten sich dem menschlichen Sexualverhalten zu. Denn anders als lange gedacht, unterscheiden sich Männer und Frauen in ihrer Sexualität nur wenig bis gar nicht, wie die Psychologinnen feststellten – eher existieren die Unterschiede innerhalb der Geschlechter als zwischen ihnen. Auch hier wirken sich Vorstellungen von Geschlecht und einem „adäquaten“ Sexualverhalten negativ aus: Wenn die Einstellung bzw. das Verhalten einer Person vom gängigen Stereotyp abweicht, muss diese mit gesellschaftlichen Sanktionen rechnen. In diesem Sinn: Nieder mit den Stereotypen! be Green, Kristina Karlsson, Madjidian, Josefin A.: „Active males, reactive females: stereotypic sex roles in sexual conflict research?“ in Animal Behaviour 81 (2011), 901-907 Petersen, Jennifer L., Hyde, Janet Shibley: „Gender Differences in Sexual Attitudes and Behaviors: A Review of Meta-Analytic Results and Large Datasets“ in Journal of Sex Research 48 (2011), 149-165
studie Arbeitssituation von Frauen in den Medien
biologie/psychologie Sex: Doing Gender in der Wissenschaft Weibliche Tiere sind in ihrem Sexualverhalten passiv, männliche aktiv? Mit diesem heute immer noch gelehrten Denken räumen nun Kristina Karlsson Green und Josefin Madjidian auf. Die Biologinnen der Universität Lund untersuchten, inwieweit Geschlechtervorstellungen von Forscher_innen die „Theorie des sexuellen Konfliktes“ beeinflussen – die erste Studie auf diesem Gebiet. Um sich reproduzieren zu können, würden sich der Theorie nach Weibchen und Männchen stark in ihren Verhaltensweisen unterscheiden. Green und Madjidian analysierten die relevante Literatur und stellten fest: Nicht das Geschlecht der Tiere macht den Unterschied aus, sondern
Frauen sind in Top-Positionen im Medienbereich unterrepräsentiert. Weltweit schaffen es durchschnittlich nur 27 Prozent Frauen in die Führungsetagen von Zeitungen, Fernseh- oder Radiosendern. Diese Erkenntnis des „Global Report on Status of Women in News Media“ überrascht nicht. „Zum ersten Mal gibt es wissenschaftlich fundierte Beweise, die ein realistisches Bild davon zeichnen, mit welchen Herausforderungen Frauen, die in der Medienbranche arbeiten, täglich konfrontiert sind“, kommentiert Liza Gross von der „International Women’s Media Foundation“ dieses Ergebnis. In der vom globalen Netzwerk für Medienfrauen herausgegebenen Studie wurde die Situation von Frauen in 500 Medien-Unternehmen aus fast 60 Ländern untersucht. In Asien haben weibliche Führungskräfte Seltenheitswert, in arabischen Ländern kommt es häufig zu Diskriminierungen. Auch in Europa zeigt sich ein differenziertes Bild: In Nordeuropa sind Frauen und Männer, auch in den Top-Positionen, fast gleichauf. In Bulgarien muss man Journalisten gar mit der Lupe suchen, allerdings ist der Journalistinnen-Beruf auch ein eher schlecht bezahlter. Durch die Redaktionsräume Westeuropas hingegen ziehen sich Gläserne Decken: Ins höhere Management oder in Entscheidungspositionen schaffen es hier nur wenige Frauen. kaiv www.iwmf.org
Veranstaltungen Vortragsreihe: „Jenseits der Geschlechtergrenzen“, Hamburg, Mi 19-21.00, http://agqueerstudies.de/programm/programm/ Veranstaltungsreihe: „>Queer< zwischen Theorie und Partymotto?”, Berlin, bis 24.7., http://queerinbewegung.blogsport.eu/ Tagung: „Rough girls? Körperkonstruktionen und kulturelle Praktiken im ‚FrauenFußball’“, Freiburg, 19.-21.5. www.sportwissenschaft.de/fileadmin/pdf/tagungen2011/2011_Geschlechterforschung_Tagung_Frauenfussball.pdf Workshopreihe: „Wirtschaft bewegt Frauen“, Wien, 27.5., 18.6., 10-17.00, Anmeldung: netzwerkerin@chello.at Kongress: „Jenseits des Wachstums?!“, Berlin, 20.-22.5., www.jenseits-des-wachstums.de Konferenz: „In and Out of Sexual Democracies“, Rom, 28.-29.5., www.facciamobreccia.org/content/view/516/136 Ringvorlesung: „Reproduktion und Kontrolle – Schwangerschaftsabbruch und Fristenregelung in Österreich“, Wien, Di 18-21.00, www.oeh.univie.ac.at/arbeitsbereiche/vorsitz/ringvorlesung-reproduktion-und-kontrolle.html Mai 2011 an.schläge l 27
kindergarten
Werkbank, E-Gitarre und rote Nägel Im geschlechtssensiblen Kindergarten gibt es keine Puppen- und Bauecke, sondern das ganze Programm für alle. Von Lea Susemichel
Häufig sind es nicht die Geschlechtsmerkmale, die Kinder im Vorschulalter zeichnen. Viel wichtiger in diesem Alter: der Bauchnabel.
www.fun-and-care.at
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„Mein Papa rasiert sich, damit es beim Kuscheln nicht kratzt“, steht auf einem Plakat aus bunter Pappe. Direkt darunter: „Mein Papa rasiert sich die Achseln, damit er nicht stinkt.“ Das Pappschild hängt in einem Wiener Kindergarten und fasst die Ergebnisse eines „Bubentags“ zusammen, bei dem es um das Thema Körperpflege ging. Und weil es ein geschlechtssensibler Kindergarten ist, lernen die Buben hier eben auch, dass es bei der Körperrasur keine strikten Geschlechtergrenzen geben muss. Oder entdecken, dass ein Bad ein sinnliches Vergnügen sein kann und Duschgel z.B. nach Apfel, Kokosnuss oder „scharfem Zuckerl“ riecht. Einmal in der Woche gibt es im „fun & care“-Kindergarten im 15. Wiener Gemeindebezirk sogenannte geschlechtshomogene Gruppen, in denen Jungs und Mädchen jeweils unter sich sind, um Dinge auszuprobieren, die für ihr Geschlecht immer noch eher untypisch sind. Die Jungs pflegen dann eben zum Beispiel ihren Körper und trainieren beim Riechen und Spüren ihre sensitiven Fähigkeiten. Oder sie spielen mit Herbstlaub, malen nach Musik oder mit Kreide auf der Straße. Die Mädchen fahren derweil Skateboard und üben E-Gitarre. Oder machen einen Ausflug ins Naturhistorische Museum, um sich dort Wassertropfen unterm Mikroskop anzuschauen. Den ganzen Topf. „Geschlechtssensible Pädagogik bedeutet, die Kinder nicht dem Geschlecht nach, sondern individuell zu fördern, und allen Kindern den ganzen Topf an Möglichkeiten anzubieten“, erklärt die Leiterin Sandra Haas. Das bedeutet, dass es dasselbe Programm unterschiedslos für beide Geschlechter gibt. „Natürlich schlage ich keinem Mädchen die Puppe aus der
Hand und entreiße keinem Buben das Auto“, so Haas, „aber wenn wir beispielsweise ein Technikangebot machen und wieder nur die Buben hinstürmen, greifen wir schon steuernd ein und ermuntern die Mädchen bzw. beginnen erst mal mit ihnen.“ Für deren Technikbegeisterung wird überhaupt viel getan: Es gibt eine Werkbank mit echtem Werkzeug, und regelmäßig wird diverser Elektromüll gemeinsam zerlegt. Auch Kristina Botka, die seit über drei Jahren als Pädagogin bei fun & care angestellt ist, hat dabei die Erfahrung gemacht, dass die nach Geschlecht getrennten Gruppen zwischendurch wichtig sind und es nicht genügt, „einen Workshop anzubieten und zu schauen, wer kommt“. Im Nu säße dann nämlich eine rosarote Mädchenrunde um den Maltisch und mache, „was sie in der
Vorstellungen zum richtigen Rollenverhalten der Geschlechter leider trotzdem auch an der Tür zum geschlechtssensiblen Kindergarten nicht Halt. Dass Jungs mal in einen Rock schlüpfen, gelingt deshalb trotz bunt bestückter Verkleidungskiste eher selten, und auch „Farbtage“, an denen alle Kinder einheitlich zum Beispiel im gelben Shirt kommen sollen, helfen nur vorübergehend gegen die monochrome Geschlechtertrennung, die schon Kinder im Krippenalter dazu bringt, bestimmte Kleidungsstücke entschieden abzulehnen. Wichtig sei es, den Mädchen aber zumindest zu zeigen, dass sie auch in Zartrosé im Matsch wühlen und sich richtig dreckig machen dürfen, so Botka. Und auch Sandra Haas ist der Ansicht, dass es vor allem darum gehe, Mädchen zu vermitteln, dass sie stark, selbstbewusst und selbstbestimmt sein dürfen – auch im
Wenn ein Kind erkrankt, wird zuerst der Vater verständigt und gebeten, es abzuholen. Fehlt Wäsche, wendet man sich ebenfalls an ihn. Welt draußen gelernt hat: feinmotorisch arbeiten und – möglichst leise – schöne Dinge tun“. Deswegen werden die Malsachen für eine Woche auch einmal ganz weggeräumt, ein andermal alle Konstruktionsmaterialien wie Legosteine. Das Spielzeug ist sowieso mobil und darf vermischt werden, die klassische Puppen- und Bauecke anderer Kindergärten fehlt völlig. Es wird auf geschlechtergerechte Sprache geachtet, in den Bilderbüchern rettet die Prinzessin den Prinzen vor dem Drachen, und die Geschichten erzählen auch mal von Kindern mit zwei Mamas. Doch im Verbund mit Hello Kitty- und Hannah Montana-Outfit machen rigide
Blümchenkleid und mit Glitzerhaarspange. Den Buben hingegen müsse immer wieder klargemacht werden, dass sie nicht genauso mutig und cool wie Spiderman sein müssen. Hilflosigkeit zulassen und zugeben ist oft schon für ganz kleine Jungs ein Problem, weshalb das Sprechen über Gefühle eine große Rolle spielt. Auch weil männliche Kinder häufig einen viel kleineren Wortschatz haben, um Emotionen auszudrücken. Während mit Mädchen also eine Fotoserie geschossen wird, für die sie ihre wütendsten Gesichter machen sollen, lernen in Gesprächsrunden vor allem Buben, die eigenen Stimmungen genau zu benennen.
kindergarten Role-Models. Dass sie hierfür männliche Vorbilder haben, ist eine wichtige Säule geschlechtsensibler Pädagogik. Bei fun & care ist es deshalb alltäglich, dass ein männliches Role-Model die Mahlzeiten vorbereitet, wickelt, tröstet und beim Handarbeiten hilft. Die Personalpolitik sieht vor, dass das Zweierteam mit BetreuerIn und PädagogIn jeder Gruppe aus einem Mann und einer Frau besteht. Da es aber so wenige ausgebildete Männer gibt – nur zwei Prozent der SchülerInnen der Bildungsanstalten für Kindergartenpädagogik (BAKIPs) sind männlich, viele Absolventen üben den Beruf aufgrund der schlechten Arbeitsbedingungen
erklärt Tinhofer. Wenn ein Kind erkrankt, wird zuerst der Vater verständigt und gebeten, es abzuholen. Fehlt Wäsche, wendet man sich ebenfalls an ihn. Kristina Botka: „Natürlich kommt es dabei vor, dass wir die Antwort erhalten: ‚Ich werde es meiner Frau sagen …‘“ Obwohl sich viele Eltern zumindest sehr interessiert an dem Konzept zeigen, gebe es aber auch immer wieder Abwehrhaltungen, erzählt Sandra Haas. Wenn dann beispielsweise auf einem Fragebogen angekreuzt wird, „dass dem Sohn im Fasching die Fingernägel bitte nicht lackiert werden sollen, fragen wir aber nach, ob er an Allergien leidet oder
Die Mädchen fahren derweil Skateboard und üben E-Gitarre. Oder machen einen Ausflug ins Naturhistorische Museum, um sich dort Wassertropfen unterm Mikroskop anzuschauen. dann aber gar nicht aus –, lässt sich das allerdings nicht durchgängig realisieren. Denn kompetent und feministisch sensibilisiert sollen sie schließlich auch sein: „Nur des Geschlechts wegen stelle ich einen Mann nicht ein“, so Haas. Vorbilder haben die Kinder jedoch nicht nur im Kindergarten, sondern vor allem auch zu Hause. Eine weitere wichtige pädagogische Säule ist deshalb die Elternarbeit. Zumal der geschlechtssensible Schwerpunkt nur für einen kleinen Prozentsatz der Eltern der ausschlaggebende Grund war, ihr Kind in diesen Kindergarten zu schicken. „Oft ist es einfach der nächstgelegene“, sagt die Pädagogin Barbara Tinhofer, die ebenfalls seit 2008 im 15. Bezirk arbeitet. Manche Eltern hätten sich jedoch auch sehr bewusst für diesen Kindergarten entschieden, nachdem sie sich zuvor andere angesehen haben und dort mit vielen Dingen nicht einverstanden waren, so Tinhofer. Mütter und Väter werden über Projekte mittels Aushängen und Wandzeitungen informiert sowie immer wieder auch in Aktivitäten einbezogen. Außerdem werden die Frauen alljährlich zum „Werktag“, die Männer hingegen zum „Backtag“ oder zwischendurch auch mal für Näharbeiten eingeladen. Grundsätzlich würden Väter kontinuierlich in die Verantwortung genommen,
die Entscheidung einen anderen Grund hat“. Oft gelinge es durch solches Nachbohren, Widerstände zu überwinden, und auch manche Buben selbst zeigen nach anfänglicher Skepsis schließlich doch ganz stolz ihre roten Nägel. Schlecht bezahlte Schwerstarbeit. Auch wenn vieles anders ist bei fun & care: An die Richtlinien zu Gruppengröße und Personalschlüssel muss man sich auch hier halten. Pro Krippengruppe (Eineinhalb- bis Dreijährige) sind es 15, in den anderen Gruppen je 25 Kinder, die von nur zwei Personen betreut werden. Eine davon muss pädagogisch ausgebildet sein, die andere arbeitet als BetreuerIn und ist quasi Hilfskraft. Mehr Personal und kleinere Gruppen gehörten deshalb überall zu den wichtigsten Forderungen von KindergartenpädagogInnen, sagt Barbara Tinhofer. Emanzipatorische Pädagogik lasse sich bei dieser Anzahl schwer verwirklichen, kritisiert auch Botka. „Ich kann bei 25 Kindern nicht auf die individuellen Bedürfnisse jedes einzelnen eingehen.“ Mehr Vorbereitungszeit wäre außerdem wichtig. Derzeit sind es vier Stunden von vierzig, in denen dann auch noch die Wochenprotokolle und Evaluationen erledigt werden müssen. Die Forderung nach mehr Lohn komme oft erst zum
Schluss, obwohl der Job miserabel bezahlt ist und es nicht einmal einen Kollektivvertrag gibt. In Österreich sei die Berufsgruppe für die Gewerkschaft offensichtlich nicht wichtig genug, so Tinhofer. Anders in Deutschland, wo die Gewerkschaft sogar Studien finanzierte, mit denen nachgewiesen wurde, dass die Tätigkeit – etwa hinsichtlich der Lärmbelastung – die Kriterien von Schwerstarbeit erfüllt. Auch die Ausbildung gibt Anlass zu Kritik, insbesondere was Gendersensibilität anbelangt. „Ich kann die Stunden während meiner gesamten Ausbildungsjahre an einer Hand abzählen, in denen Geschlecht ein Thema war. Und dann ging es meist darum, dass Buben ruhig auch mal mit Puppen spielen dürfen“, erinnert sich Botka. Claudia Schneider vom Verein EFEU1 war gemeinsam mit der ersten Leiterin von fun & care für die gendersensible Qualifizierung des Personals vor der Eröffnung 1999 zuständig. Gemeinsam haben die beiden außerdem eine Gender-Expertise für den aktuellen Lehrplan der BAKIPs verfasst2. Schneider hält geschlechtssensible Pädagogik bereits im Kleinkindalter für elementar wichtig, u.a. „weil sie gegen Diskriminierungen wirkt und die persönlichen Entwicklungspotenziale des Kindes unabhängig vom Geschlecht fördert“. Inzwischen sei einiges in den Lehrplan implementiert worden. Kristina Botka kritisiert jedoch, dass explizit emanzipatorische Lehrinhalte weiterhin rar seien. Für die Umsetzung einer weiteren wichtigen Forderung sollte sich das jedenfalls dringend ändern. „Denn alle Kindergärten sollten geschlechtssensibel sein“, verlangt Barbara Tinhofer. l
1 EFEU. Verein zur Erarbeitung feministischer Erziehungs- und Unterrichtsmodelle, www.efeu.or.at 2 Claudia Schneider ist außerdem Autorin eines Leitfadens für LehrerInnen zum Thema geschlechtssensible Kindergartenpädagogik. Online unter: www.bmukk.gv.at/medienpool/15545/leitfaden_ bakip_09.pdf
Mai 2011 an.schläge l 29
men
It’s all about visibility JD Samson und Michael O’Neill von der Band MEN über die neue Platte, queere Ikonen und die Frage, ob sich mit Pop Politik machen lässt. Ein Interview von Irmi Wutscher
Tami Hart, JD Samson und Michael O’Neill – die aktuelle Besetzung der Band MEN, Foto: Allison Michael Orenstein
„Who am I to feel so free.“ Der eingängige Song, dessen Titel MEN lange Zeit auch als Slogan diente und bei ihren Konzerten auf einem Transparent auf der Bühne hing, findet sich nun auch auf ihrem Debütalbum. Nach zwei Jahren des intensiven Tourens hat die Band MEN am 1. Februar 2011 endlich „Talk about body“ veröffentlicht. Darauf sind viele Songs, die schon zuvor live gespielt wurden. Das 2007 gegründete Projekt MEN will mit Dance-Musik politische Inhalte transportieren. Zum Beispiel hat mit ihrem neuen Song „Credit Card Babies“ die Frage nach dem Zugang zur Reproduktion für queere Personen Eingang in die Popwelt gefunden. „Is it really so hard to make a new heart?“, fragt sich JD Samson hier und verweist darauf, dass man als lesbische Person entweder viel Geld für Samenbänke oder Adoptionen auf der Seite haben oder auf schwule Freunde zurückgreifen muss.
an.schläge: Ihr tourt gerade mit einer neuen Platte – das Projekt MEN gibt es aber schon seit einigen Jahren. Warum hat das so lange gedauert? 30 l an.schläge Mai 2011
JD Samson: Wir waren die ganze Zeit auf Tour – einerseits um Geld für die Platte zusammenzubekommen, andererseits weil wir die großartige Gelegenheit hatten, mit Bands wie Gossip oder Peaches gemeinsam zu spielen. Wir waren immer ein paar Wochen auf Tour, dann haben wir ein paar Songs eingespielt, dann waren wir wieder ein bisschen touren und dann wieder aufnehmen. Das Album war letzten Juni fertig, aber wir haben es noch ein wenig zurückgehalten und auf den richtigen Zeitpunkt gewartet, um es rauszuschicken.
Gibt es viel Neues auf dem Album zu hören oder sind das Songs, die man schon von den Konzerten kennt? Michael O’Neill: Das meiste sind Sachen, die man schon auf den Konzerten gehört hat. Aber es gibt auch ein paar neue Tracks, die gerade eigentlich unsere Lieblingstracks sind … Auch weil wir ein paar neue Dinge ausprobiert haben. Zum Beispiel der Song „If you want something“: Das ist ein eher housy-jam-psychedelic Song, der sich sehr von dem unterscheidet, was wir sonst live gemacht haben.
Für einen Song habt ihr auch mit Anthony Hegarty von „Anthony and the Johnsons“ zusammengearbeitet. Wie kam das zustande? JD Samson: Le Tigre hat rund um das Jahr 2000 einige Male mit Anthony zusammengearbeitet. Er hat vor allem in New York ein paarmal für uns Shows eröffnet. Seitdem kennen wir uns. Mich hat er schon immer sehr inspiriert mit seiner Musik und mit dem, was er macht. Daher war es uns einfach wichtig, dass er mit uns für den Song „Who am I to feel so free“ zusammenarbeitet. Und anstatt nur einen ganz normalen Remix mit ihm aufzunehmen, haben wir beschlossen, den Song ganz neu einzuspielen. Er hat dabei die Vocals beigesteuert, dadurch ist der Song noch einmal anders geworden. Insgesamt war das eine sehr gute Idee. Wir sind sehr zufrieden mit der neuen Version. Anthony ist ja mittlerweile zu einer Ikone der queeren Bewegung geworden. Würdet ihr euch selbst als queere Ikonen bezeichnen? Michael O’Neill: Ich glaube nicht, zumindest noch nicht. Vielleicht irgend-
men wann … Ich glaube aber, dass JD eine queere Ikone ist – ich dagegen bin nur ein Gitarrist (lacht).
JD, du hast ja „JDs Lesbian Calendar“ gemacht. Eigentlich ein ziemliches Mainstream-Vehikel, um sich selbst abzubilden. JD Samson: Zu der Zeit, als ich den Kalender gemacht habe (2003, Anm.), habe ich mich überhaupt nicht als Ikone gefühlt. Deswegen fand ich es interessant, diese Kunstform zu verwenden, um so zu tun, als wäre ich eine Ikone. Und dann hat mich der Kalender tatsächlich zur Ikone gemacht, was komisch war. Die Idee war aber grundsätzlich, ein sehr zugängliches Medium wie so einen Kalender im Mainstream-Style zu verwenden und es dann mit Pin-Up-
und Ginger Brooks Takahashi das Kunst/Performance Kollektiv MEN daraus gemacht. Ausgehend vom Riot Grrrl Movement über Ladyfest usw. – wo steht ihr jetzt? JD Samson: Ich würde sagen, Riot Grrrl hat eher als politische Bewegung angefangen und war weniger ein musikalisches Genre. Die Musik ist daraus eher hervorgegangen. Zu Anfang war Riot Grrrl vor allem ein Ort, an dem Frauen zusammenkommen, ihre Geschichten teilen und zurückschlagen konnten. Und natürlich viel Neues lernen. Viele Leute sehen Riot Grrrl heute als Musikstil, das ist es auch irgendwie mit der Zeit geworden, aber ursprünglich waren es einfach Feministinnen, die gemeinsam Punkrock machten. Jetzt leben wir in einer völlig anderen
„Die Idee war, ein sehr zugängliches Medium wie so einen Kalender im Mainstream-Style zu verwenden und es dann mit Pin-Up-Bildern einer Butch zu ‚queeren‘.“ (JD Samson) Bildern einer Butch zu „queeren“. Und dass diese Bilder dann tatsächlich 365 Tage an der Wand hängen und somit mehr Butch-Sichtbarkeit kreieren. Das fand ich interessant an diesem Projekt, darum hab ich den Kalender gemacht.
Es gab eine Zeit lang, vor allem auch durch die TV-Serie „L-Word“, diesen Begriff vom Lesbian Chic – fühlst du dich dem zugehörig, oder überhaupt nicht? JD Samson: Ich kenne viele Leute, die bei „L-Word“ mitgespielt bzw. die an dieser Sendung mitgearbeitet haben. Die Serie repräsentiert einfach nur einen winzigen Teil lesbischen Lebens in Los Angeles. Also ich persönlich glaube nicht, dass mein Leben so ist. Aber ich finde es gut, dass es irgendeine lesbische Sichtbarkeit in der Welt, vor allem im Fernsehen gibt. Daher: Was auch immer es ist, ist gut! MEN kann ja auf eine lange queerfeministische Historie zurückblicken: JD, du warst Teil von Le Tigre, dann habt ihr gemeinsam mit Johanna Fateman (auch Le Tigre) als DJaneund Producerinnen-Team angefangen. Schließlich haben du, Michael O‘Neill
Zeit, wo uns das Internet in einer ganz anderen Art geformt hat, vor allem was unsere politischen Bewegungen betrifft. Heute finden wir uns als Teil von vielen sehr unterschiedlichen politischen Communities wieder. Innerhalb der Queer Community gibt es mittlerweile so viele verschiedene Untergruppen: die Trans-Community, die Schwulen- und Lesben-Community, die feministische Community etc. Es gibt also viele, viele einzelne Gruppen, und sie alle haben eigene Festivals etc. Wir als MEN sind aber auch einfach nur gern Teil der Musik-Community dieser Welt …
Michael O’Neill: Na ja, ich wäre jetzt nicht unglücklich (lacht). Es wäre schon cool, wenn unsere Songs im Radio gespielt werden und die Leute über die Dinge nachdenken würden, die wir darin ansprechen, auf dem Weg zu ihren Anwalt-Bürojobs.
Glaubt ihr, dass man mit Pop Politik machen kann? Oder dass man mit Partys feiern ein politische Statement abgeben kann? JD Samson: Natürlich kann man das! Das Genre Pop fordert politisches Handeln heraus! Beim Tanzen geht es um Bewegung! Es geht darum, deinen Körper zu bewegen, dabei verletzlich zu sein. Und das ist jede politische Bewegung, jedes Wachsen innerhalb einer Community auch. Es geht immer um den Flow, um Körper, die verletzlich sind, es geht um Sicherheit und alle diese Sachen. Pop ist also das perfekte Genre, um das zu tun, was wir tun. Auch die Zugänglichkeit der Musik ist eine Sache, die es uns leichter macht, Leute in unser politisches Bewusstsein hereinzuholen. Und das ist das, was meiner Meinung nach wirklich wichtig ist! l Das Projekt MEN wurde 2007 von den beiden ehemaligen LeTigre-Mitgliedern JD Samson und Johanna Fateman als DJane- und Producerinnen-Duo gegründet. Nach einiger Zeit begannen die beiden aber auch wieder, eigene Songs zu schreiben, und infolgedessen wurde MEN mit JD Samsons Nebenprojekt „Hirsute“ zusammengelegt. Auf Tour bestand MEN nun aus JD gemeinsam mit Michael O’Neill und Ginger Brooks Takahashi, ihres Zeichens Mitglied des queerfeminstischen Performance-Kollektivs LTTR. Seit Februar 2011 hat Tami Hart Ginger Brooks Takahashi ersetzt.
Versucht ihr als Band mit queeren Strategien den Mainstream zu erobern? Michael O’Neill: Wir haben eigentlich nicht sehr viele Strategien für irgendwas. Wir machen einfach Musik, die uns gefällt, uns inspiriert. Und die handelt von Sachen, die uns beschäftigen. Das ist die persönliche Strategie, einfach unsere Leben zu leben. Aber würde es euch gefallen, im Mainstream-Pop vertreten zu sein, wie das zum Beispiel Gossip geschafft haben?
Links: www.myspace.com/men www.letigreworld.com/ sweepstakes/html_site/fact/ jdfacts.html
Mai 2011 an.schläge l 31
an.riss kultur theater Mexikos Mythos Malinche
Foto: Isolde Loock VORSTADTPISTE, 1993/ Text Arthur Rimbaud © VG Bild-Kunst, Bonn 2011, Foto: Bettina Brach
ausstellung Zurück zur Normalität In der aktuellen Ausstellung von Isolde Loock „der traum denkt nie an sich“ im Neuen Museum Weserburg in Bremen bilden gefundene Materialien die Grundlage der unterschiedlichen Arbeiten. Die in Görlitz geborene und in Bremen und Los Angeles lebende Künstlerin erfindet nichts Neues, sondern erschafft Dinge neu, indem sie beispielsweise vorhandene Publikationen künstlerisch bearbeitet. So verbindet sie Hochglanzbroschüren von Jil Sander, Tapetenmusterbücher, Röntgenaufnahmen, Kunstkataloge, Fenster und Spiegel, Zeitungen oder Literaturzeitschriften mit eigenen oder literarischen Texten. Die handbeschriebenen oder bestempelten Werke bewirken eine Entzauberung des Dargestellten. Im Falle von Modezeitschriften holt sie auf diese Weise das von vielen Unerreichte, Erträumte oder Ersehnte in die Normalität zurück und entlarvt die Scheinwelt der Werbung. svh bis 21.8., Isolde Loock: der traum denkt nie an sich. Neues Museum Weserburg, D-28199 Bremen, Teerhof 20, Di–Fr 10–18.00, Do 10–21.00, Sa/So 11–18.00. T. +49/421/598 390, mail@ weserburg.de, www.nmwb.de
festschrift Was immer wir sind 1910 wurde in Wien die erste Künstlerinnenvereinigung Österreichs, die Vereinigung bildender Künstlerinnen Österreichs (VBKÖ), gegründet. Zum Hundertjährigen gibt es nun eine Festschrift. Sie löst die VBKÖ-Forderungen nach verstärkter Thematisierung der Begriffe NS-Regime, bildende Kunst, Künstlerinnen, Institutionen, Organisationen, Mit-/Täterinnenschaften, Gedächtnis und Erinnerung ein. Im ersten der drei Kapitel, „Bewegungspolitiken. Die Revolution ist länger als wir glauben“, behandeln international vergleichende Beiträge die „diskontinuierliche Geschichte von Frauen-Bewegungen, Frauen-Räumen, Frauen-Geschichten“ (Elke Krasny). Das zweite Kapitel „Tatsysteme konfrontieren“ thematisiert den massiven Kontinuitätsbruch, den das Jahr 1938 für die Entwicklung der künstlerischen Frauenbewegung bedeutete. Das letzte Kapitel schließlich nennt sich „Was Immer Wir Sind“. An der Festschrift mitgewirkt haben u.a. Hamra Abbas, Hyun Jin Cho, VALIE EXPORT, Veronika Kocher, Rudolfine Lackner und Julia Wieger. han Rudolfine Lackner (Hg.in): 100 Jahre VBKÖ Festschrift, VBKÖ: Wien 2011. www.vbkoe.org
32 l an.schläge Mai 2011
Die Aztekin Malinche ist die wohl kontroverseste Randfigur in der Geschichte der spanischen Konquista in Mexiko. Die freie Theatergruppe Fake[to]Pretend aus München erzählt in der deutsch-spanischen Produktion „Malinche“ diese Geschichte neu. Als Übersetzerin und Geliebte des Eroberers Hernán Cortés soll Malinche zur Kolonisierung Mexikos beigetragen haben und wurde deshalb lange Zeit als „Volksverräterin“ gehasst. Inzwischen hat sich ihr Bild verändert: Ihr wird, so Fake[to]Pretend, „mit ihrem Zwischenstatus innerhalb verschiedener Kulturen, Sprachen und Geschlechterrollen eine Vorreiterposition zugeschrieben“. Diese Widersprüchlichkeiten in Malinches Geschichte und ihrer Rezeption sind Ausgangspunkt des Theaterstücks, das im Stil des politischen Essaytheaters mit Originalquellen und Fiktion, mit Projektionen und elektronischen Klangräumen sowie mit ungewöhnlichen Übersetzungsverfahren und Perspektivenwechsel arbeitet. Entwickelt wurde das Stück von Benno Heisel, Daphne Ebner und Simone Niehoff, Daphne Ebner (auch als an.schläge-Autorin bekannt) führt Regie. bicou/sylk 12., 14., 15., 16.5., 20.00, Fake[to]Pretend: Malinche. Prinzregententheater, Akademietheater-Ost, D-81675 München, Prinzregentenplatz 12. Karten über www.staatstheater-tickets.bayern.de oder unter T. +49/89/218 519 20. 11,50 Euro. Malinche in deiner Stadt? Wir suchen noch Spielmöglichkeiten in anderen Städten! Wir freuen uns über Hinweise, Kontakte, Einladungen … Pressekontakt und Information: presse@faketopretend.de, www.faketopretend.de
Auszeichnung Dem widersprüchlichen Weltinhalt zu Leibe rücken Am 20. Mai wird der Literaturwissenschaftlerin und Schriftstellerin Ruth Klüger der Theodor Kramer Preis für Schreiben im Widerstand und Exil verliehen. Klüger überlebte als Kind mehrere KZs und begann bereits während dieser Zeit, Gedichte zu schreiben. 1947 emigrierte sie in die USA. Zuletzt erschien von ihr „Was Frauen schreiben“ (2010). Die Theodor Kramer Gesellschaft will mit ihrem Preis „ein Zeichen setzen, dass in Österreich nicht alles in eine Richtung verläuft, dass dies ein Land mit seinem Widerspruch ist und im Widerspruch und Ringen mit sich selbst auch weiterschreitet“. In der Zuerkennung der Auszeichnung an Ruth Klüger werden die Vielfalt der Formen und der Kenntnisreichtum gerühmt, mit denen Klüger „dem so widersprüchlichen Weltinhalt zu Leibe rückt, (…) im Wissen um die Differenz und das Unrecht zwischen den Geschlechtern, multiperspektivisch, (…) immer den Zusammenhang suchend mit dem Gang der menschlichen Dinge“. Auf die Verleihung des Preises in Krems folgen Gespräche und Lesungen mit der Autorin in Linz, Salzburg und Wien. han 20.5., 19.30, Unabhängiges Literaturhaus Niederösterreich, Krems; 23.5., 19.30, AdalbertStifter-Haus, Linz; 24.5., 20.00, Literaturhaus Salzburg; 29.5., 18.00, Psychosoziales Zentrum ESRA, Wien. www.theodorkramer.at
100 jahre frauentag Frauen-Strickkunst entsorgt Im Rahmen der Kunstaktion KnitHerStory wurde zur Jubiläumsdemo am 19. März der Wiener Ring „bestrickt“: Aus Wolle und Garn schufen die Künstlerinnen bunte Statements und eroberten damit ein Stück öffentlichen Raum. Die Kunstaktion als Begleitung zur großen Frauendemo war eigentlich bis 26. März genehmigt, aber bereits am Tag nach der Demo
leben mit kindern wurde ein Großteil der Kunstwerke von der Straßenreinigung der Stadt Wien entfernt. Nicht nur die Künstlerinnen waren erbost darüber, wie hier mit Frauenkunst umgegangen wurde. Eine der „Strickistinnen“, Elisabeth Klatzer, forderte in einem Protestbrief an Bürgermeister Michael Häupl die „sofortige und lückenlose Aufklärung und im Falle der tatsächlichen Zerstörung die volle Entschädigung“. Es folgten zahlreiche Protestschreiben an den Bürgermeister sowie Frauenstadträtin Sandra Frauenberger, deren Büro sich nun Anfang April schriftlich bei allen Protestbrief-Schreiber_innen entschuldigte. Bilder der bunten Strickkunst sind zumindest auf der Website noch zu bewundern. GaH http://knitherstory.com
heim spiel
ladyfeste Feste Feiern Zur Feier des 100-Jahr-Jubiläums des Frauentages findet 2011 zum ersten Mal auch im steirischen Graz ein Ladyfest statt. Das organisierende Plenum hat sich mit Themen wie Heterosexismus, Sexualität, (sexualisierte) Gewalt an Mädchen und Frauen, feministische Politik und D.I.Y.-Kultur auseinandergesetzt, entsprechend wird es am ersten Tag Workshops zu (gesellschaftskritischen) Themen, am zweiten Tag Workshops nach dem Motto „D.I.Y./Mach’s dir selbst“ geben. An Musik und Partys wird es ebenfalls nicht fehlen. Auch das Ladyfest im deutschen Münster sieht sich als unkommerzielles feministisches D.I.Y.-Festival, das insbesondere die in vielen Bereichen unterrepräsentierten FrauenLesbenTrans (*) ansprechen will. Party machen hier u.a. Sookee, El Cassette und Krikela. han 13.-15.5., Ladyfest Münster, http://ladyfestms.blogsport.de 27.-28.5., Ladyfest Graz, http://ladyfest-graz.info
Dies & Das Ausschreibung I: „schreiben zwischen den kulturen“ 2011: Literaturwettbewerb zur Förderung der Literatur von AutorInnen, die eine andere Muttersprache als die deutsche haben und in deutscher Sprache schreiben. Einsendeschluss: Prosa, Lyrik, Drama: 10. Mai 2011; Schulprojekte, Jugendtexte: 30. Juni 2011. Einsendungen an: Exil, Kennwort „exil-literaturpreise“, Stiftgasse 8, 1070 Wien. verein.exil@inode.at. Details unter www.zentrumexil.at Ausschreibung II: JULIT:))) ist der säkular humanistische junge Literaturpreis für Lesben und Schwule. Das Motto für den JULIT:))) 2012: „Ich wünsche mir eine lesbische Tochter“ oder wahlweise: „Ich wünsche mir einen schwulen Sohn“. Teilnahmebedingungen unter www. julit-preis.de. Aufruf: Die Berlin Femme Mafia, ein Zine, präsentiert feminine Stimmen über Sexismus in der queeren Szene und sucht dafür Beiträge. Deadline ist der 23. Mai 2011, mehr Info unter http://berlinfemmemafia.blogspot.com
Verena Turcsanyi
FAQ Pflegekinder Es gibt gewisse Fragen, die ich oft, um nicht zu sagen ständig, höre, seit ich ein Pflegekind habe. Am häufigsten wird gefragt: „Wie lange bleibt sie bei euch“ bzw. „Habt ihr nicht Angst, dass sie wieder wegkommt?“ Nein, ich habe keine Angst, denn das passiert praktisch nie und wenn, dann sind das Fälle, die von vornherein unsicher oder besonders kompliziert sind. Laut Statistik passiert es seltener als in einem von tausend Fällen, dass ein Kind in die Ursprungsfamilie zurückkehrt. Ganz selten liegt es auch an der Pflegefamilie, dass ein Pflegeverhältnis scheitert. Meine Partnerin und ich sehen uns auch nicht als Ersatzfamilie oder Familie auf Zeit, wir sind jetzt Eltern und bleiben es auch. Nach Kontrollen durch das Jugendamt werde ich auch öfters gefragt, aber diese finden eigentlich selten statt. Wenn einmal ein Kind da ist, gibt es ca. einmal im Jahr einen Hausbesuch und mehr nicht. Das Jugendamt erlebe ich dabei mehr unterstützend als kontrollierend, das kommt aber natürlich auch auf die zuständige Sozialarbeiterin an – wir hatten bisher immer Glück. Besuchskontakte mit den leiblichen Eltern finden meistens im Jugendamt statt, die Frequenz kann stark variieren, aber einmal im Monat ist der Durchschnitt. In Wien können auch lesbische und schwule Paare Pflegekinder aufnehmen, was manche Leute erstaunt zur Kenntnis nehmen, wenn ich davon erzähle. Für mich und meine Freundin war dies die einzige Möglichkeit, ein Kind zu haben, für das wir beide auch offiziell zuständig sind. Pflegeeltern werden ständig gesucht, es gibt viel zu wenige. Vor allem für die Kinder, die bereits über drei Jahre alt sind, ist es schwierig einen Platz zu finden, da die meisten sich ein Baby wünschen. Informationen gibt es beim Referat für Adoption und Pflege (RAP) oder bei mir. E-Mails an redaktion@anschlaege.at werden an mich weitergeleitet. Verena Turcsanyi ist Pflegemutter und wünscht sich bessere Zeitungsartikel über das Thema Pflegekinder.
Mai 2011 an.schläge l 33
sookee
Kein Frieden für die Normalität Gleich zwei Gigs – einmal in der Schenke und einmal im EKH – spielte die Berliner Rapperin Sookee vor wenigen Wochen in Wien. Mit Kati Morawek sprach sie über „Quing“, Sprachpolitik und die orgiastische Vereinigung von HipHop und Feminismus. an.schläge: Du lebst in Berlin und rappst
www.sookee.de
34 l an.schläge Mai 2011
auf Deutsch. In einem Blog-Eintrag schreibst du unter der Überschrift „how to be a german“ ironisch: „Immer wieder wird das Deutschsprachige exemplarisch gebraucht. (…) Diese Beobachtung zwang mich quasi als Trotzreaktion dazu, endlich die türkische Sprache zu erlernen.“ Was bedeutet es für dich, wenn in Deutschland auf Deutsch gerappt wird? Wie siehst du deine eigene Position? Sookee: Was es anderen Rapper_innen bedeutet, kann ich nicht sagen. Ich mag da keine Beurteilung abgeben. Ich kann nur von mir reden. Der Text, auf den du verweist, erklärt in Teilen ganz gut, weshalb ich meine Probleme mit „Deutschsein“ habe. Nichtsdestotrotz ist Deutsch nun mal meine Muttersprache, ich bin mit ihr aufgewachsen, habe erst in der Schule Englisch und Französisch gelernt und bin meilenweit davon entfernt, mich in diesen Sprachen artikulieren zu können wie ein_e native speaker_in. Die deutsche Sprache ist mein kommunikatives Zuhause, mir ist Sprache neben anderen Kommunikationsformen sehr wichtig. Ich fühle mich wahnsinnig unwohl, wenn ich nicht in der Lage bin, das, was in mir wabert, möglichst präzise zum Ausdruck bringen zu können. Das führt mich immer wieder dazu, in allererster Linie auf Deutsch zu sprechen, zu schreiben, zu rappen. Das ist wohl die pragmatische Begründung, die aber auch ästhetischessenzielle Faktoren hat. Zudem finde ich es zuweilen anmaßend, andere Sprachen oder Sprechweisen zu gebrauchen. Ich hätte das Gefühl mir etwas anzueignen, ohne dass es eine Form von Autorisierung gibt. Ich berichte in meinen Texten ja auch nicht davon, wie es ist, als migrantische Person in Deutschland zu leben. Ich könnte etwa nur darüber schreiben, wie es sich für andere Menschen anfühlt, die mir davon berichtet haben.
Foto: Springstoff
Ich hab als weiße Person schon damit genug zu tun, zu reflektieren, wie ich mich innerhalb einer Schwarzen Subkultur als weiße Frau positioniere, da muss ich nicht auch noch auf Albumlänge die Sprache marginalisierter Gruppen adaptieren. Die englische Sprache ist ein Kompromiss, weil ich mich neben dem Deutschen in ihr am besten auskenne. Aber einige Versuche haben gezeigt, dass es auf Tracks doch sehr kartoffelig klingt. Ansonsten hab ich zuweilen auf Bühnen und in einem Video ein bisschen mit der deutschen Gebärdensprache hantiert. Aber hier ging es mir eher darum, dem Publikum ins Bewusstsein zu holen, dass es auch nichtlautsprachliche Sprachen gibt.
Dein Blog-Eintrag lautet weiter: „Leute, lernt diese Sprache! (türkisch, Anm.) Sie ist ausgesprochen regelmäßig, birgt wunderschöne Bilder und soll endlich ihr politisches Potenzial in diesem Land entfalten dürfen.“ Wann dürfen wir auch türkische Raps von dir erwarten? Soweit bin ich wahrlich nicht. Es gab auch ein heftiges Zeitproblem, meine Kurse durchgängig zu besuchen. Seit einer Weile bin ich so sehr mit bildungspolitischer Lohnarbeit und meinem subkulturellen Gewirbel beschäftigt, dass ich die aktive Lernerei erst mal ruhen lassen muss. Aber es ist ein feines Gefühl, dieser Sprache zumindest durch Grundkenntnisse Würdigung entgegen-
sookee zubringen. Ganze Texte wird es aus den genannten Gründen aber nicht geben.
Eine weitere Frage zur Sprache im HipHop – als Beispiel die Resignifizierung des Wortes „Bitch“, das zunächst „Hündin“ bedeutete, doch durch die jahrzehntelange sprachliche Praxis vor allem im HipHop zu einem der abwertendsten englischen Begriffe für Frauen wurde. Es gelang aber etlichen Protagonist_innen, u.a. in HipHop und Riot Grrrl, diesen Begriff positiv (wieder)anzueignen. Was wäre hier deiner Meinung nach im deutschsprachigen Raum möglich? Welche Worte könnten „wir“ uns wieder aneignen? Ich habe die Frage nach den Möglichkeiten von Resignifizierungen auch auf meinem Blog diskutiert. Kein einfaches Unterfangen, dennoch notwendig,
den Begriff „Queer(feminist) Rap“ und erlöse mich damit von dem diffamierenden Wort „FrauenRap“.
Was hältst du denn generell von einer Übersetzung von Worten aus dem US-Kontext in den europäischen, ja deutschsprachigen? Was passiert hier, wenn etwa „Fuck“ in „Ficken“ übersetzt wird? Bei deinem Gig in Wien hast du großteils das Wort „fick…“ ausgelassen. Ich finde es spannend, ab und an in den englischsprachigen Raum zu linsen und zu checken, welche Umgänge mit Sprache dort stattfinden und welche Resignifizierungsversuche erfolgreich sind. Der Begriff „ficken“ klingt in meinem Ohr sehr viel härter als die englische Variante. Ich ärgere mich ein bisschen, dass ich auf dem „Quing“-Album diesen Begriff als zerstörerische Aggression
Ich hab als weiße Person schon damit genug zu tun, zu reflektieren, wie ich mich innerhalb einer Schwarzen Subkultur als weiße Frau positioniere, da muss ich nicht auch noch auf Albumlänge die Sprache marginalisierter Gruppen adaptieren. um dominante Meinungshoheiten zu destabilisieren. Der „Bitch“-Begriff ist ein gutes Beispiel. Ich habe ihn in Texten auch immer wieder genannt, zwar nicht als Selbstbezeichnung, aber mit unterstützenden Hinweisen, dass ich es vollkommen legitim finde, wenn Menschen diesen Begriff emanzipatorisch auf sich anwenden. Zunächst finde ich es gut, den Feminismus-Begriff wieder zu aktualisieren. Viele Leute, die eigentlich feministisch aktiv sind, haben große Berührungsängste damit, weil das öffentliche, medial geprägte Bewusstsein im Zusammenhang mit Feminismus immer noch von Kämpfen aus den Siebziger- und Achtzigerjahren redet. Diese waren und sind sehr wichtig, aber in den letzten zwanzig Jahren hat sich einfach eine Menge getan. Dies zu transportieren ist mir ein großes Anliegen. Ansonsten halte ich es für eine gute Idee, neue Begriffe zu schaffen und zu etablieren. Beispielsweise verwende ich
(„Quing ist gegen Nazis und fickt ihre Lügen“) gebraucht hab. Aus diesem Grund umgehe ich ihn mittlerweile auch live oder ersetze ihn durch „beißen“ oder „fauchen“. Ich hab keine Lust mehr, dazu beizutragen, dass Sexualität etwa mit gewaltförmiger Penetration und Unterwerfung assoziiert wird. Diese Problematik wird auch Thema meines nächsten Albums sein.
Du hast eben einen Begriff erwähnt, der auch Titel deines vorletzten Albums ist: „Quing“ – weder Queen noch King und doch gleichzeitig Queen und King. Kannst du dieses Konzept ein wenig ausführen? Als ich den Begriff für mich entwickelt habe, war ich noch sehr viel stärker in der „regulären“ Berliner HipHopSzene unterwegs. „Quing“ war hier der Wunsch, stereotype Bilder von „Frauen“ und „Männern“ zu irritieren. „Quing“ ist nicht der Versuch, „Männlichkeit“ und „Weiblichkeit“ versöhn-
lich zu verbinden und ein „in between“ zu schaffen. Vielmehr verstehe ich „Quing“ als ein „Jenseits-von“. Letztlich trägt „Quing“ meine Hoffnung, ein emanzipatorisches subkulturelles Movement zu initiieren. „Quing“ richtet sich gegen Herrschaft, Nation und jegliche Form von unterdrückender Normativität, vor allem in Bezug auf geschlechtliche und sexuelle Identität. Alle, die sich damit aufrichtig identifizieren können, sind eingeladen „Quing“ auf sich anzuwenden und mitzumischen.
2008 hast Du im Rahmen des Festivals „We B*Gyrlz“ an einer Podiumsdiskussion unter anderen mit Alice Schwarzer teilgenommen, bei der es um HipHop und Feminismus ging. Der Vorwurf gegenüber Kulturen des HipHop, per se sexistisch zu sein – und zwar mit Vorliebe von weißen, bürgerlichen Positionen aus formuliert –, ist ja schon steinalt. Sollte eine potenzielle Freund_innenschaft zwischen HipHop und Feminismus in die Wege geleitet bzw. vertieft werden? Wo gäbe es hier Möglichkeiten zum Dating oder gar zum Verlieben? Die Podiumsdiskussion war nicht einfach, weil da fünf Frauen auf dem Podium saßen, die sehr unterschiedliche Zugänge zu diesem Begriff haben. Aber davon abgesehen: Ich empfehle, dass das Konzept wieder selbstbewusst Anwendung finden sollte. Vor allem zähle ich hier auch innerhalb der HipHopSzene und anderen subkulturell-politischen Gruppen auf Unterstützung durch männlich sozialisierte Personen. Das wäre ein gutes Zeichen. Ich wirble so viel ich nur kann, um euch dann alle zu einer wunderbaren konsensuellen Orgie einzuladen. l Kati Morawek ist Künstlerin und Kulturvermittlerin.
Mai 2011 an.schläge l 35
tura satana
Leave her to heaven* Der ikonische Auftritt von Tura Satana als Varla in „Faster, Pussycat! Kill! Kill!“ ist für die Ewigkeit. Ein Nachruf von Elisabeth Streit
Aufblende: Schwarzbild. Wir sehen nur die Tonspur im Bild und hören: „Ladies and Gentlemen, welcome to violence.“ Die weiteren Sätze der Einführung beschreiben die Formen von Gewalt, ihre perfiden Arten der Verkleidung und ihre perfekte Tarnung. Genauer gesagt, geht es um die Angst vor der unverstandenen, unheimlichen, schlimmer noch: der befreiten und selbstbestimmten weiblichen Libido. Überall könne sie, als weibliches Wesen getarnt, unerkannt unter uns weilen, warnt die Stimme. Mittlerweile hat sich das ganze Bild mit Tonspuren gefüllt, die beim Klang der männlichen Stimme vor sich hin vibrieren. Aber wer sind diese Frauen? Die eigene Sekretärin könnte das Unheil in sich tragen, die Sprechstundenhilfe beim Arzt, und selbst in diesen Go-GoTänzerinnen könne besagte „Gewalt“ schlummern. Die aufgeregt zitternden Tonspuren verschwinden, und wir sind mitten in einem Nachtclub, in dem sich drei Frauen, zwei schwarzhaarig und eine blond, zur Beatmusik und den immer frenetischer werdenden Schreien der Männer: „Go baby, go“ bewegen.
* Der Titel ist dem gleichnamigen Film von John M. Stahl (USA 1945) entwendet. 1 R: Russ Meyer (USA 1966) 2 US-amerikanischer Stummfilmkomiker und Regisseur 3 R: John Ireland, Edward Sampson (USA 1955). Ein Car-Racer-Film: Remake USA 2001 4 R: Russ Meyer (USA 1965) 5 US-amerikanischer Underground- und TrashfilmRegisseur
36 l an.schläge Mai 2011
On the Road. Das ist der fulminant geschnittene Auftakt von „Faster, Pussycat! Kill! Kill!“1, herrlich schmierig, in weinerlich-bigottem Tonfall von John Furlong, einem Stammschauspieler von Russ Meyer, gesprochen. Die Close-ups von den immer verzerrteren Männergesichtern hin zu den Close-ups der Busen und schwingenden Unterleibern der Tänzerinnen münden in das Bild einer im Auto sitzenden Frau. Wir erkennen sie als eine der Tänzerinnen wieder, die – welch herrlich erfrischendes Bild für den weiblichen Orgasmus – während einer rasanten Autofahrt den Kopf lauthals lachend in den Nacken fallen lässt. Das ist der erste Eindruck, den wir von Tura Satana (als Varla in der Hauptrolle) in ihrem berühmtesten Film bekommen. Er handelt von drei Frauen, Varla, Rosie und Billie, in schnellen Autos „on
Tura Satana in „Faster, Pussycat! Kill! Kill!“
the road“ und ihrer sehr eigenwilligen, politisch herrlich unkorrekten Interpretation eines freien, wilden Lebens. Es wird die einzige Regiearbeit Satanas mit Russ Meyer bleiben, der für sie hier einen ikonischen Auftritt geschaffen hat, als wäre er für die Ewigkeit gemacht. Tura Satana wird als Tura Luna Pascual Yamaguchi am 10. Juli 1938 in Hokkaido¯/Japan geboren. Der Vater ist ein japanisch-philippinischer Stummfilmdarsteller, die Mutter eine amerikanische Zirkusartistin mit indigenen-irischen Wurzeln. Nach dem 2. Weltkrieg wird die Familie in einem kalifornischen Lager interniert und dann nach Chicago übersiedelt. Früh lernt Satana die Härten des Lebens kennen, denn Menschen mit asiatischer Herkunft sind im Amerika der späten 1940er Jahre nicht gern gesehen und ständigen Attacken und Demütigungen ausgesetzt. Als Jugendliche wird sie von fünf Männern vergewaltigt, die nie für ihre Tat zur Rechenschaft gezogen werden. Der Richter sieht in ihr die Hauptschuldige und lässt sie in eine Besserungsanstalt einweisen. Wieder zurück gründet sie eine Mädchengang, damit ihr und anderen jungen Frauen so etwas nie mehr wieder passieren kann. Um sich besser verteidigen zu können, lernt sie Aikido und Karate.
Into the Movies. Noch minderjährig geht sie nach Los Angeles, verdient ihr erstes eigenes Geld als Bademodenmodell und posiert nackt für Harald Lloyd2, der (angeblich) nichts von ihrer Minderjährigkeit wusste. Zumindest erkennt er Satanas starke Ausstrahlung und empfiehlt ihr, zum Film zu gehen. Während ihrer Zeit als Fotomodell bekommt sie eine schwere Kosmetikallergie und kehrt daraufhin nach Chicago zurück. Sie beginnt als Tänzerin, arbeitet später fürs Fernsehen und gibt als Suzette Wong an der Seite von Shirley McLaine und Jack Lemmon in dem Streifen „Irma la Douce“ (USA 1963) von Billy Wilder ihr Leinwanddebüt. Zwischendurch soll sie auch noch einen Heiratsantrag von Elvis Presley abgelehnt haben. Angry Women. Als 1966 der Film „Faster, Pussycat! Kill! Kill!“ in den USA in die Kinos kommt, attestiert das Branchenblatt „Variety“ dem Regisseur und dem Kameramann zwar ein nicht zu übersehendes Talent und lobt den ungewöhnlichen Schnitt, misst den schauspielerischen Leistungen der Frauen aber so gut wie keine Bedeutung bei. Entgegen den herkömmlichen Darstellungen von Frauen im Kino steht dieser Film in seiner Erzählweise dem zehn Jahre zuvor gedrehten „The Fast and the Furious“3 nahe. Auch hier handelt es
sich um Figuren beiderlei Geschlechts, die aus Konventionen auszubrechen beginnen und die Abweichung von der Norm um jeden Preis suchen. Der 1965 von Meyer fertiggestellte „Motor Psycho“4 nimmt das „Frauen als Rächerinnen“-Motiv bereits vorweg. Die Erzählung des Films kreist um eine Männer-Motorrad-Gang, die auf ihrem Weg Morde und Vergewaltigungen begeht, aber von zwei mutigen Frauen schlussendlich zur Strecke gebracht wird. Tura Satanas Darstellung der selbstbewussten, kämpfenden und brutalen Varla lässt gängige Frauenbilder weit hinter sich: Sie ist stets hauteng in schwarz gekleidet und stellt ihre üppige Oberweite tief dekolletiert zur Schau. Ihre fordernde Sexualität, ihre Aggression versteckt sie nicht hinter ihrer üppigen Weiblichkeit. Sie ist
Varla kann als popkulturelles RoleModel für unzählige Filme, u.a. für die stumme Thana (Zoë Lund) in „Ms.45“ von Abel Ferrara (USA 1981), gesehen werden. Zu diesem Zeitpunkt hatte Tura Satana schon lange keine Filme mehr gedreht. 1973 überlebte sie einen Mordanschlag durch einen ehemaligen Liebhaber, nach einem schweren Autounfall 1981 war sie lange Zeit im Spital, und in den 1990ern kehrte sie sporadisch auf die Leinwand zurück. Sie konnte an die Darstellung der Varla nie mehr anknüpfen, fand aber doch noch eine späte Würdigung und wunderbare Entsprechung durch die Stunt-Frau und Schauspielerin Zoë Bell als Zoë the Cat in Quentin Tarantinos Grindhouse-Projekt „Death Proof“. In Tarantinos Film gerät ein Frauentrio an Stuntman Mike (Kurt Russell), der im Laufe des Films nicht nur einen notorischen Frauenhass
Das Trio in „Faster, Pussycat! Kill! Kill!“ kämpft sich mit schier unermüdlichem Körpereinsatz durch ein bigottes, verlogenes, sexuell verklemmtes, rassistisches und zutiefst misogynes Amerika. ihre beste Waffe. Das Trio in „Faster, Pussycat! Kill! Kill!“ kämpft sich mit schier unermüdlichem Körpereinsatz durch ein bigottes, verlogenes, sexuell verklemmtes, rassistisches und zutiefst misogynes Amerika. Beklemmend und unangenehm sind die Begegnungen von Varla, Rosie und Billie mit drei Söhnen und deren Vater im Rollstuhl (die Frauen wollen eigentlich nur das Geld des Alten) auf einer Ranch im Nirgendwo, auf der der Film endet und die Frauen zugrundegehen. Riot Lady. Später galt der Film als Kultklassiker, doch an den Kinokassen in den 1960ern war er ein totaler Flop. Zu brutal und zu selbstsicher waren die dargestellten Frauen, und von den lesbischen Untertönen, dem eifersüchtigen Verhalten Rosies Varla gegenüber, war das Publikum nicht sonderlich angetan. Der eigentliche Siegeszug begann erst durch die Fürsprache John Waters5 in den 1980er Jahren, woraufhin der Film als Re-Release in den europäischen Arthouse-Kinos zu sehen war.
an den Tag legt, sondern auch ein Serienkiller ist. Bevor sie ihn zur Strecke bringen, testet Zoë einen Wagen und legt sich bei hoher Geschwindigkeit auf die Kühlerhaube des Dodge Challenger. Wie sie sich dabei im Fahrtwind genüsslich räkelt und windet, lässt uns unwillkürlich an das Autorennen mit den lachenden Gesichtern der drei GoGo-Tänzerinnen und ihren im Wind wehenden Haaren am Anfang von „Faster, Pussycat! Kill! Kill!“ denken. In zahlreichen Interviews erwähnte Tura Satana immer wieder Russ Meyers Qualitäten als Mensch und Regisseur, der ihr die Möglichkeit gab, sich wenigstens im Film an „den Männern“ und dem an ihr begangenen Verbrechen zu rächen. Diese wunderbare, in Gesprächen stets gut gelaunte Riot Lady ist am 4. Februar 2011 in Reno/Nevada gestorben. l Elisabeth Streit ist Bibliothekarin und Filmvermittlerin im Österreichischen Filmmuseum und Mitarbeiterin bei kinoki/Verein für audiovisuelle Selbstbestimmung.
lesbennest the fabulous life of a queer femme in action
denice
Funnel of Love A couple of weeks ago a girl sent me some interview questions to help her out with an assignement for university. One of the questions was: „How would you define lesbian sexuality?“, to which I of course answered something politically-correct queer and was very professional. A few years back I would have given a profoundly generalizing speech about „wommyn lovin' wommyn and the sweetness of their skin“ – but now I can't seem to find my „Mammoth Book of Lesbian Erotica“ anymore. I haven't even READ any lesbian erotica about exploring slippery love tunnels since 2005. Before anyone screams out loud now: I know that sexuality and sex are not the same thing. But that was what kept popping up in my head. And since I have already bashed the stereotype lezzzbian with wrist watches, Jodie Foster and bad taste in music in this column before, I will now give you my brainstorm on the Sapphic Matress Mambo: (Warning: Totally Prejudiced!) Soft.soft.soft.SOFT! rolling around on the bed, melting into each other’s arms. Leg-humping until you get bruises, which you can claim came from football practice. You'll go first. And then I go. Penetration or non-penetration? Yes, no? Ok, no! O.M.G. I'm so confused, does she like that or is she just being polite? Please DON'T hump while I'm going down on you, you are breaking my nose! TITTIES. Rolling around on the bed again. Scissor Sister. Oops… sorry. Foot in your face. Kiss kiss kiss, taste of salty waters, the ocean. Poetic. (And kind of weird; did I just kiss my own pussy?) Am I doing it right? Is she coming? „I want us to come at the same time.“ WHAT? Stressstressstress. Impossible. Should I fake it? No! That's non-feminist. Reply: „It's ok, I can't come that easily.“ (But obviously she can. How the fuck does she DO that??) Hours of gliding around on each other like two bars of soap in a shower (since everything is so soft and hairless). MAGIC. And after a quick break, you are ready to go at it again. That is, of course, only until L.B.D* hits you and she would rather read an Ariadne Krimi before giving you her „bussi bussi, Gute Nacht“. Denice thinks that *Lesbian Bed Death can happen to couples of all genders. Even the GayBoys. She also recommends everyone read the lyrics to "Funnel of Love" and giggle a bit.
Mai 2011 an.schläge l 37
an.lesen
Das Frauenleben und seine Geißeln Nach ihrem etwas selbstverliebten letzten Werk „Die zitternde Frau“ sorgt Siri Hustvedts neuester Roman „Der Sommer ohne Männer“ für leichtfüßige und dennoch intellektuell gesättigte Unterhaltung. Der Titel jedoch trügt: Die Männer sind überall. Eine Rezension von Andrea Heinz.
Es ist eine etwas andere Art von schwerstem anzunehmendem Unfall, der sich Siri Hustvedt in ihrem neuen Roman widmet: Nach dreißig Ehejahren wird Mia Fredricksen, rotgelockte Dichterin, von ihrem Mann, Neurowissenschaftler Boris, verlassen. Schuld ist dessen französische Kollegin mit dem „signifikanten Busen“, die im weiteren Verlauf nur noch „Pause“ genannt wird. Denn eine solche Ehepause ist es, die Boris unter Einfluss der Französin einlegen möchte. Eine sehr banale Geschichte also, passend zum schlichten Titel. Mia landet kurzzeitig in der Psychiatrie, um sich dann in ihren Heimatort Bonden zurückzuziehen, in die sichere Nähe der Mutter. Ein klassisches Schema: Regression zurück in den Mutterleib, zumindest metaphorisch. Der echte Mutterleib befindet sich in einem Seniorenheim, und seine Besitzerin verhandelt dort mit vier engen Freundinnen das Leben: die „fünf Schwäne“, wie Mia sie nennt. Dazu kommen die „sieben Hexen von Bonden“, pubertierende (und sich mobbende) Gören, die Mia im Schreiben unterrichtet. Und schließlich ist da noch die junge Nachbarin Lola, zwei Kinder, cholerischer Ehemann. Kunstvoll verwebt Hustvedt diese Handlungsstränge zu einem Gemälde: Das Frauenleben und seine Geißeln in den drei Lebensstadien. Jugend: das eigene Geschlecht, das andere Geschlecht und der eigene Körper. Erwachsenenalter: das andere Geschlecht und der eigene Körper. Hohes Alter: der eigene Körper (Männer erreichen bekanntlich nicht immer das betagte Alter ihrer Angetrauten). Physisch tritt das andere Geschlecht nicht auf, omnipräsent ist es dennoch. 38 l an.schläge Mai 2011
In E-Mails und Anrufen machen sich die Männer bemerkbar, in Gesprächen und Erinnerungen der Frauen tauchen sie auf. Neben den Gedichtfetzen, die IchErzählerin Mia in die lose Folge ihrer Eindrücke und Erlebnisse einstreut, fallen die Namen mehr oder minder bekannter männlicher Dichter und Denker. D.H. Lawrence, Hume, Leibniz, Heisenberg. Dem gegenüber stehen Emily Dickinson und Jane Austen, deren „Persuasion“ die „Schwäne“ in ihrem Buchclub besprechen. Darüber streut Mia feministische Theorien und Überlegungen zum Geschlechterverhältnis, beginnt eine Art Sex-Autobiografie und wütet immer wieder über ihren Ehemann. War nicht sie es, die seine Texte redigiert hat, ihn mit Kant, Hegel und Hume versorgt hat? Hätte sie nicht zumindest die Widmung „ohne den beidseitigen präfrontalen Cortex meiner Frau Mia Fredricksen würde es dieses Buch nicht geben“ verdient? Siri Hustvedt weiß nur zu gut um die Krankheit von Literaturwissenschaft und -kritik, die in jeder Hauptfigur, zumal in der von einer Frau geschaffenen Hauptfigur, den/die AutorIn sehen möchte. Mia ist Dichterin und hat einen PhD in vergleichender Literaturwissenschaft, sie lebt in Brooklyn, ist seit 30 Jahren mit ihrem intellektuellen Star-Ehemann zusammen, sie stammt aus einem Ort in Minnesota … Der Parallelen zu Siri Hustvedt sind viele. „Alle meine Bücher spielen an intimen Schauplätzen“, sagt sie dazu lapidar, und: „Es gibt keine Grenzen der Imagination.“ Mit ihrem letzten Buch „Die zitternde Frau. Eine Geschichte meiner Nerven“ konnte Hustvedt nicht überzeugen. „Der Sommer ohne Männer“ wirkt daneben
Foto: Marion Ettlinger
wie eine beschwingte Strandlektüre. Der Unterschied, so Hustvedt in einem Interview, zwischen Komödie und Tragödie sei oft nur der, dass am Ende entweder versöhnt oder gestorben wird. Hier wird gelitten, geschimpft und verdammt, immer aber auch verstanden, verhandelt und versöhnt. Selbstironie und Witz machen die Dramen um zerbrochene Beziehungen, missbrauchtes Vertrauen und vorübergehenden Wahnsinn zu leicht verdaulicher Kost, auch die philosophischen und feministischen Überlegungen bringen keine größeren Erschütterungen mit sich. Verfasst in sympathischem Plauderton, ist „Der Sommer ohne Männer“ genau die richtige Schonkost für jene, die sich eine Auszeit von hohen intellektuellen Sphären gönnen wollen, ohne deshalb gleich unterfordert zu werden. Das richtige für einen Sommer mit-ohne Männer, in dem man sich mal wieder auf die Suche nach der goldenen Mitte im Verhältnis der Geschlechter machen kann. l Siri Hustvedt: Der Sommer ohne Männer Rowohlt 2011, 20,60 Euro
an.lesen Erklärungsnot l 1973 ist
es, sie findet sich in einem Zustand wieder, den sie nicht wirklich fassen kann, und das an einem Ort, an dem ihr niemand sagt, was mit ihr getan wird und warum. Nichts ist passiert, und doch ist etwas passiert, das sie auf „die andere Seite“ gebracht hat, in ein Zimmer in einer Klinik mit Fixierungsgurten, Personal in Weiß und anderen Menschen, die genauso wie sie einfach irgendwo sitzen oder stehen. Vor dem Mittagessen wird ihr Konfitüre in den Mund geschoben, immer wieder werden ihr Spritzen gegeben. Sie weiß, dass irgendwas anders gewesen ist, bevor sie in die Klinik kam, dass sich das Leben zuvor anders angefühlt hat, aber sie weiß nicht, wie sie zu diesem Gefühl wieder zurückkommen kann. Erst als ihr jemand begegnet, „der versuchte, eine Person zu sein“, findet sie zu einem neuen (Tages-)Rhythmus. Ghislaine Dunant hat einen Roman geschrieben, der durch seine Sprache genau das vermittelt, was die Situation der Protagonistin ist: eine Depression, durchlebt in den Psychiatriemauern der 1970er Jahre. Die Sprachlosigkeit des Klinikpersonals und die damit einhergehende Verzweiflung der IchFigur sind dabei so deutlich formuliert, dass der Leserin oft selbst die Luft wegbleibt. Der Rhythmus, in dem Dunant schreibt, ist jedoch so hervorragend, das man sich dem Fluss der Gedanken kaum entziehen kann: „… ich war nicht krank, ich konnte aufstehen, herumlaufen, hören, was man mir sagte, tun, was man mir sagte. Ich hatte kein Fieber. Mein Leben hatte keinen Sinn, das war es. Mein Leben hatte keinen Sinn, das schnürte mir die Kehle zu, das ließ mein Herz rasen, meinen Körper glühen, meinen Mund austrocknen, das ließ mich nicht schlafen.“ Bettina Enzenhofer Ghislaine Dunant: Ein Zusammenbruch Rotpunktverlag 2011, 17,50 Euro
Doppelt politisch l Hele-
ne Lange (1848–1930) und Gertrud Bäumer (1873–1954) gingen 1899 in Berlin einen „fraulichen Lebensbund“ ein, der bis zum Tod von Lange 1930 währte. Als sie sich kennenlernten, hatte die Lehrerin Helene Lange bereits erfolgreich für eine qualitativ bessere Berufsausbildung für Lehrerinnen und damit auch für einen besseren
Mädchenunterricht gekämpft. Gertrud Bäumer, die aus rein finanziellen Gründen ebenfalls Lehrerin geworden war, biss sich sogar durch ein Hochschulstudium, das für Frauen damals nur ausnahmsweise möglich war. Beide stammten aus „gutem Hause“ und gelten als wichtige Vertreterinnen der deutschen bürgerlichen Frauenbewegung. Sie wirkten als Publizistinnen und als zwei der ersten Berufspolitikerinnen der Weimarer Republik. Die Doppelbiografie, die hier in einer korrigierten und erweiterten Neuauflage vorliegt, ist die erste, die die Lebensund Arbeitsgemeinschaft von Lange und Bäumer nicht auf die zwei Flügel, gemäßigt und radikal, der bürgerlichen Frauenbewegung bezieht und damit beschränkt. Stattdessen werden die beiden Biografien in der Dynamik, den Differenzen und Gemeinsamkeiten der ersten Frauenbewegung verortet. Spannend geschrieben eröffnet dieses Buch einen fundierten Einblick in eine zentrale Episode der jüngeren Frauengeschichte. Sylvia Köchl Angelika Schaser: Helene Lange und Gertrud Bäumer. Eine politische Lebensgemeinschaft Böhlau 2010 (1. Aufl. 2000), 46,20 Euro
Performanz und Performance l
Geschlecht wird performativ erzeugt und reproduziert. Von der Performanz wiederum ist es nicht mehr weit zur Performance und damit zum Theater. Im November 2008 fand in Bremen die internationale FrideL (Frauen in der Literaturwissenschaft)Tagung „Geschlechter Spiel Räume“ statt. Der Band „Geschlechter-Szene“ entstand im Anschluss daran und will den Fokus von den großen Spielräumen auf die kleinteiligen Szenen verlagern. Auf die Szenen der Theaterstücke des österreichischen Alt-Grantlers Thomas Bernhard etwa. Verena Ronge weist in ihrem Aufsatz „(Ge)Schlecht maskiert?“ nach, dass hier nicht nur die Frauen – ganz à la Irigaray – Maskerade betreiben müssen, sondern auch die Männer. Andere Beiträge widmen sich den Männlichkeitskonstruktionen in Goethes „Faust“ oder „queeren Possen“ wie dem Ladyfest. Hochspannende Literatur- und Gesellschaftswissenschaft. Andrea Heinz
Der Sturz l Es fliegen
schon mal Teller, Gläser und auch Messer, wenn Mimoun Driouch sich in seiner Ehre angekratzt fühlt oder auch einfach nur einen schlechten Tag hatte. Mithilfe zahlloser, oft undurchschaubarer Regeln regiert er seine Familie und hält sie in einem dauerhaften Ausnahmezustand. Ein eigenständiges Leben jenseits der väterlichen Tyrannei scheint unmöglich, aber die einzige Tochter wagt den Ausbruch. Wie dieser Kampf ausgeht, schildert Najat El Hachmi in ihrem Roman „Der letzte Patriarch“ (der im März in deutscher Übersetzung im WagenbachVerlag erschienen ist). Dieses autobiografisch angelegte Familienporträt über drei Generationen erzählt neben einer Geschichte der Gewalt in einem geradezu belustigten Tonfall auch von der Migration von Marokko nach Spanien. Ein Tonfall, der auch das Verstörende und Heftige einfangen kann. Sehr eindringlich schildert El Hachmi, wie die gesamte Familie die Launen des Tyrannen, seine jähzornigen Anfälle und seine Doppelmoral erträgt, sie sogar entschuldigt und so seinen Wahnsinn legitimiert. Diese feinen familiären Mechanismen werden im ersten Teil aus der Perspektive des Vaters nacherzählt. Der zweite Teil ist in der Ich-Form aus Sicht der Tochter geschrieben, die zwischen Zuneigung und Angst schwankt. In einem familiären Tabu-
Franziska Bergmann, Antonia Eder, Irina Gradinari (Hg.): Geschlechter-Szene. Repräsentationen von Gender in Literatur, Film, Performance und Theater. Fördergemeinschaft wissenschaftlicher Publikationen von Frauen (FwpF) 2010. 24,90 Euro Mai 2011 an.schläge l 39
an.lesen bruch findet sie schließlich ihren Ausweg und stürzt den Patriarchen. Kendra Eckhorst Najat El Hachmi: Der Letzte Patriarch Wagenbach-Verlag 2011, 22,90 Euro
Differenzierte Anerkennung l
bonustrack: Clara Luzia
Wer das Denken von Luce Irigaray schätzt, wird dieses Buch lieben. Wer die Autorin nicht kennt oder – in Verkennung ihrer Verdienste für die feministischen Theoriebildung – ablehnt, wird sich mit der Lektüre schwer tun. Schon der Sprachgestus erfordert ein Sich-Einlassen auf ein Schreiben, das, philosophisch durchtränkt, keinem wissenschaftlichem Habitus entspringt und dem verpflichtet scheint, was das Anliegen ist und was das Schwierigste überhaupt darstellt: den/die Andere/n in seiner/ ihrer unendlichen Alterität zu respektieren und sich auf die Anderen einlassen, ohne sich zu verlieren. Das abendländische Denken und die westliche Ökonomie (= die heutige Globalisierung) ist eine sich alles aneignende Veranstaltung des männlichen Subjekts, die die Welt uni-formt, Frauen und Fremde bis in die Sprache hinein auf sich selbst abbildet und somit gleichermaßen ein- und ausschließt. Irigaray möchte dieser hierarchischen Logik eine horizontale Transzendenz entgegensetzen, die Differenz und Verbindung,
also Mit/Teilung (einer anderen Welt), denken lässt. Aufgabe unserer Zeit ist es, eine Subjektivität auszuarbeiten, die sich vom Austausch „nur unter Gleichen und im Inneren einer einzigen Tradition“ verabschiedet. Birge Krondorfer Luce Irigaray: Welt teilen. Verlag Karl Alber 2010, 15,50 Euro
Und herrlich ist das Leben l
Gemeinsam mit ihrem besten Freund, dem Lila Hund (Lila Hund, weil er lila ist), mit Lola Lästig, deren Springmaus Charly, Mama und Papa Lustig, Mama Lästig, Großtante Eulalia und Prinzessin Klein Klara durchstreift Lilo Lustig die Jahreszeiten. Für jeden Monat steht eine Geschichte, in der sich das Mädchen mit dem roten Lockenkopf einiges einfallen lässt, um die täglichen Herausforderungen in ihrer Kinderwelt zu bewältigen. So kreiert sie – trotz strahlend blauem Himmel – mit Kissen, Spaghettitopf und Regentanz ein Sommergewitter, schminkt sich mit Spinat das Gesicht, um als toller Froschkönig zur Faschingsparty zu gehen, ernennt Papa Lustig kurzerhand zu ihrem Popostar, weil Lola Lästig auch einen hat, verlegt Afrika in ihr Lilo-Lustig-Zimmer, um einem erschöpften Vogel die Heimreise zu verkürzen und bemüht sich – leider vergebens – um eine Zahnlücke,
damit sie endlich erwachsen wird. Und um der Phantasie keine Grenzen zu setzen, folgt auf jede Geschichte eine kleine Fortsetzung in Form einer Traumsequenz. Beim Vorlesen kann allerdings so mancher zungenbrecherische Satz schon mal zum Problem werden. Fast schon eine sprachakrobatische Herausforderung, aber dafür eine erfreuliche Abwechslung im gelegentlich recht monotonen Vorlesealltag. Und bei den Illustrationen gibt es auch einiges zum Schauen. Svenja Häfner Norbert Haloubek, Kirsten Höcker: Lilo Lustig. Vorlesegeschichten Planet Girl Verlag 2011, 12,90 Euro
Q&A
Die Veröffentlichung einer neuen Platte bedeutet immer auch, für Rede und Antwort zur Verfügung stehen – nicht zu müssen, aber immerhin zu sollen. Es ist wieder einmal ein zweischneidiges Schwert, denn zum einen ist es natürlich schön, wenn sich jemand für das neue Werk interessiert, zum anderen jedoch muss ich mancherlei sonderbare Fragen über mich ergehen lassen. Welche Relevanz die Antworten auf die Fragen „warst du ein braves Kind “, „welche Obstsorten magst du am liebsten“ oder „findest du Österreich schön“ im Kontext meines Musikmachens nun wirklich haben, erschließt sich mir nicht, auch bezweifle ich stark, dass es da draußen Menschen gibt, denen mit diesen Informationen tatsächlich geholfen ist. Aber da
muss ich durch. Und so manche/r LeserIn/HörerIn dann wohl auch. Retten kann ich mich in solchen Situationen, indem ich zeitgleich in meinem Kopf ein Parallelinterview gebe, in dem all meine Traumfragen gestellt werden, auf die ich entsprechende Traumantworten gebe, die vor Witz, Charme und Intelligenz nur so sprühen und alle entzückt zurücklassen. „Huuuhhhuu! Hallo! Frau Luzia, noch da? Ich fragte, welchen Sport Sie in Ihrer Freizeit am liebsten verüben?“ – Au weh!
Clara Humpel betreibt seit 2006 ihr Plattenlabel Asinella Records, macht selbst unter ihren Vornamen Clara Luzia Musik und veröffentlichte dieser Tage ihr neues Album „Falling into place“. Illustration: Lina Walde, http://evaundeva.blogspot.com
40 l an.schläge Mai 2011
an.klang
Sympathische Klingonin Im Mai lässt es sich hervorragend mit Gitarrenbreitwänden im Rücken oder souligen Vibes in den Beinen schwelgen. Von Sonja Eismann
„Wah Wah Wah, Oh Oh, You know I am your man“, singt Janine Rostron aka Planningtorock auf ihrer neuen Platte W (DFA/Cooperative Music/Universal) in einer dumpf verzerrten Schwulststimme, die dunkel an den Glam des dicken Elvis denken lässt. Mehr bräuchte die in Berlin lebende Britin, die ihr zweites Album auf dem hippen New Yorker DFA-Label veröffentlicht, eigentlich gar nicht, um ihren Status als übercoole Chefexzentrikerin endgültig unter Beweis zu stellen. Doch es kommt noch besser: Die zwölf Stücke, die sich gegenseitig an Weirdness übertrumpfen und dabei, wie so wenig neue Musik, wirklich „neu“ und dabei doch unheimlich zeitlos klingen, sind alle in dieser künstlich runtergepitchten Bombast-Stimme gesungen, die weder männlich noch weiblich klingt. Sondern eher – vielleicht klingonisch? Das würde zu ihrem neuen PerformanceOutfit passen. Statt der früher bei ihren Auftritten beliebten überdrehten Masken und Hüte hat sie sich jetzt eine Art Klingonen-Nase ausgedacht, die auf allen neuen Fotos in ihrem Gesicht klebt und ihrem Aussehen etwas so Archaisches wie Futuristisches, vor allem aber Übergeschlechtliches gibt. Ihre Musik ist ganz klar Kunst, ohne mit ihrer konzeptuellen Durchdachtheit anzugeben oder gar zu nerven. Einen gewissen Hang zur Exzentrik lässt auch das – ebenfalls zweite – neue Album von Cherry Sunkist erkennen, die sich hiermit als eine der interessantesten österreichischen Musikerinnen etabliert. Doch wo Planningtorock auf opernhafte, immer an der Grenze zur Ironie kratzende Theatralik setzt, erforscht diae Oberösterreicherin Karin Fisslthaler eher das Potenzial des Destruktiven. Mit verzerrter Gitarre und Stimme will Cherry Sunkist nach eigenem Bekunden keine
poptaugliche Musik machen, ohne dabei Angst vor den drei großen Buchstaben zu haben. So dürfen sich immer wieder auch vermeintlich gefällig-liebliche Bleeps und Vocals zwischen düster verrauschte Soundscapes und bedrohlichen Gesang à la frühe PJ Harvey einschleichen und hinterhältiges Mitsumm-Potenzial entfalten. Ihr Album, das mit seinem Titel „Projection Screens“(Comfort Zone/ Trost) die gesellschaftliche Verfasstheit von Inszenierungen natürlich auch auf einer Gender-Ebene reflektiert, klingt so über weite Strecken wie ein mit Samples bastardisierter, zerdehnter Female Elektro-Rock'n'Roll – und ist damit sein ganz eigenes Genre. Dass No Joy ein eigenes Genre begründet hätten, lässt sich nun wirklich nicht sagen – dazu sind sie viel zu sehr in den noisig-sphärischen Shoegaze-Sound der späten 1980er und frühen 1990er verliebt. Allein der Bandname – keine Freude – weist überdeutlich auf ihre Affinität zur Weltabgewandtheit der bei Konzerten introvertiert auf ihre Schuhe starrenden Bands hin. Doch dass es hier zwei Frauen sind, Laura Lloyd und Jasamine White-Gluz aus Montreal, die sich im klar männerdominierten Feld ihrer Liebe zu fransigen Feedbackschleifen und melancholischem Dream Pop hingeben, ist auf jeden Fall bemerkenswert. Noch bemerkenswerter ist allerdings ihre Interpretation des so ollen wie dollen Genres auf ihrem ersten Longplayer Ghost Blonde (Mexican Summer/Cooperative Music): No Joy setzen auf nach vorne reitenden Breitwandsound mit zurückgenommenem bis edel jauchzendem Doppelgesang. Das wirkt nicht nur wunderbar schwelgerisch, sondern kann sich in ausgelassenen Momenten sogar bis zur gitarrenseligen Euphorie steigern. Lots of Joy also!
Cherry Sunkist
Gute Vibes lässt die Neuseeländerin Ladi6 gleich en masse verströmen – wie könnte es auch anders sein, wenn ein Album den emanzipatorischen Titel The Liberation of ... (Eskapaden Musik / Soulfood) trägt? Sorgfältig gepflegte Zäune zwischen HipHop- und (Nu) Soul-Beeten haben die Sängerin mit samoanischen Roots, die bürgerlich Karoline Tamati heißt, noch nie sonderlich interessiert, und so ist auch ihre neue Platte wieder eher als liebevolles Abrüsten der Abgrenzungen zu verstehen. Ladi6 hybridisiert Elemente aus HipHop, R'n'B, Soul und Neosoul, Pop und sogar Swing zu ihrem ganz eigenen Groove. Das funktioniert – wer einmal Ladi6 zuerst in der Pose der Rhymes spittenden Rapperin und dann als smoothe Electro-Boogie-Queen gehört hat, hat daran keinen Zweifel mehr. l
Links: www.myspace.com/ planningtorock www.myspace.com/ cherrysunkistmusic www.myspace.com/nojoy http://ladi6.com
Mai 2011 an.schläge l 41
an.sehen
Raus ins Kino! Viel Sehenswertes und Erfreuliches bringt das queere Filmfestival identities 2011 für Jenny Unger.
Necar Zadegan (li.) als Elena und Traci Dinwiddie als Peyton in „Elena Undone“, Foto: „identities 2011. Queer Film Festival“
Wie eine kleine Terrierhündin auf ihren Knochen freut sich eine auf ein Filmfestival, und das, obwohl sie regelmäßig, na fast immer, im Kino schläft. Doch dieses Filmfestival ist nicht irgendeins, sondern das Queer Film Festival „identities“. Auslandsaufenthalte werden verschoben, Menschen von Übersee eingeflogen, Arbeit auf Eis gelegt. „identities“ bedeutet Urlaub in Wien. Den Anfang machte das Filmfestival mit einer filmischen IdentityTour (trans-X) 1994 im Wiener Filmcasino. Gut, da war ich noch in der Schule und weit weg vom Filmcasino. Aber schon Ende der 1990er streunte ich im Frühsommer um eben jenes Kino, schnupperte die besondere Luft , denn schon damals war „identities“ ein Festival und nicht bloß Film und Kino: also Unterhaltung und Aufregung und Spannung und aufgezwirbelte Stimmung und ganz viel los. Ein „Fixpunkt für die Community“, heißt es im Pressetext. Noch ist es ein Geheimnis, aber ein Festivalcafé ums Eck vom Filmcasino wird heuer wohl auch ein Fixpunkt werden. Fett und zuckrig vielleicht, schick auf jeden Fall (www.fettundzucker.at). Anfang Juni, genauer gesagt von 2. bis 12. Juni, wird das Queer Cinema wieder in Wien zu Hause 42 l an.schläge Mai 2011
sein. Zehn Tage. Rund hundert internationale Produktionen. Drei Kinos. Premieren. Alte und neue Preise. Große und kleine Namen. Gender- und Identitätsvielfalt natürlich inbegriffen. Sehen werden wir auch einen legendären Filmkuss. Spektakuläre drei Minuten und 24 Sekunden dauert er. In Elena Undone wird mit diesem Kuss Elenas bisheriges Leben „undone“. Sie, Mutter und Frau eines homophoben Pfarrers, und Peyton, eine offen lesbisch lebende Autorin, treffen sich zufällig auf einer Veranstaltung. Sie sind komplett gegensätzlich, aber die Funken sprühen. Zwei Publikumspreise, beim Fresno Reel Pride Filmfestival und beim Tampa International Gay & Lesbian Filmfestival, hat der klassischaltmodische Lesbenfilm mit Happy End schon abgestaubt. Autorin und Regisseurin ist übrigens Nicole Conn, die mit „Claire of the Moon“ (1992) bekannt wurde. Aufregend dürfte der WG-Psychothriller und Debütfilm der Französin Sophie Laloy Je te mangerais / You will be mine werden. Marie, eine Musikstudentin, zieht aus finanziellen Gründen zu Emma, einer Freundin aus Kindheitstagen. Sie haben sich Jahre nicht gesehen, aber schnell lebt ihre Freundinnenschaft wieder auf. Die geheimnisvolle Emma fasziniert Marie,
und als Emma Marie Avancen macht, lässt sich Marie darauf ein. Eine Leidenschaft entsteht, die in einer Hölle aus Nähe und Distanz mündet. Die eine verschlingt die andere: Emma kontrolliert Maries Leben, Marie spielt ihre sexuelle Macht aus und demütigt die andere. „Ist dies nun eine Liebesgeschichte? Vielleicht. Jedenfalls aber keine einfache Coming-Out-Geschichte oder eine unglückliche lesbische Love-Story.“ (www.artechock.de) Wer es laut, heiß, kreativ und explizit haben mag, schaut sich die Österreich-Premiere von Too Much Pussy! an, eine Doku über die Sexperformerinnen „feminist sluts“ der „Queer X show“ auf ihrer wilden Europatournee 2009. Und die, die noch mehr zu KunstQueer-Feminismus-Pornografie wissen wollen, besuchen den Blog der Filmemacherin Emilie Jouvet (www.emiliejouvet.com). Von den Macherinnen des vielfach preisgekrönten Films „The Brandon Teena Story“ (1998), Susan Muska und Gréta Ólafsdóttir, gibt es auch wieder vielfach preisgekröntes zu sehen: Edie & Thea: A Very Long Engagement ist eine Doku über eine lesbisches Paar, das 2007 nach 42 Jahren Beziehung in Kanada heiratet. Ihre gemeinsame Geschichte beginnt im New York der 1960er Jahre, vor Stonewall. Mit
alten Fotografien, Filmen und Interviews wird das Paar porträtiert, das lange für die gesellschaftliche Anerkennung ihrer Lebensgemeinschaft gekämpft hat. Sex, Drugs und Rock’n’Roll kurz vor Punk gibt’s in The Runaways, einem Musikfilm über vier minderjährige Mädchen, die Mitte der 1970er Jahre die Rockszene in Los Angeles aufmischten. Besonderes Highlight: Kristen Stewart von „Twilight“ als Joan Jett! Ein spätes Coming-Out hat die Lehrerin Eva im tschechischen Film Soukromé pasti: Jiná láska / A Different Kind of Love, was ihr bisher wohlgeordnetes heterosexuelles Leben ziemlich durcheinander bringt. Aber jetzt genug der Worte: Raus, raus, raus ins Kino – und gute Projektion! l
http://festival.identities.at/
an.künden Redaktionsschluss Termine 06/11: 10.05.2011 termine@anschlaege.at
fest musik 5.5–7.5., Krems Donaufestival Krems, mit Laurie Anderson, Lydia Lunch, Ladytron, Candelilla u.a., Tickets: Wochenpass: € 88/ erm. 80, Tagesticket zw. € 44 u.33/ erm. 40 u. 30 Diverse Veranstaltungsorte, 3500 Krems, Programm und Infos unter 02732/ 90 80 30 und donaufestival.at 12.5., 19.00, Graz „10 Jahre GenderWerkstätte“ mit Live-Musik und Buffet, Eintritt frei Café Galileo, 8010 Graz, Lessingstraße 25 (Campus der Alten Technik), www.genderwerkstaette.at 26.5., 19–22.00, Wien „Recomposed. Songs zum Frauentag zwischen Elektronika, Spoken Word und Singer/Songwriter-Melodien“ mit Chra, Mieze Medusa und Stefanie Sourial Österreichisches Museum für Volkskunde, 1080 Wien, Laudongasse 15-19 , T. 01/ 4068905, www.volkskundemuseum.at, 100-jahre-frauentag.at ab 27.5. 20.30, Wien „The Puzzled Wife“ (Das Mädchen aus der verlorenen Form) – Tanzstück, Gastspiel Teatro Barocco, Text u. Regie: Bernd R. Bienert, TänzerInnen: Martina Haager, Kira von Zierotin, Karl Schreiner KosmosTheater, 1070 Wien, Siebensterngasse 42, T. 01/ 523 12 26, www.kosmostheater.at 27.5., 20.00, Wien Ensemble Namenlos: „Frauenlieder“ – das multikulturelle Ensemble, bestehend aus 8 Frauen, präsentiert von Frauen geschriebene Lieder aus Ost und West, im Anschluss Djane Ani Sargfabrik – Verein für integrative Lebensgestaltung, 1140 Wien, Goldschlagstraße 169, T. 01/ 988 98 111, www.sargfabrik.at 27.5.–28.5., Graz Ladyfest Graz mit Workshops, Vorträgen und Konzertabend im LOFT Programm und Veranstaltungsorte unter infograz.at
28.5., 20.00, Salzburg ARGE fest „30 Jahre ARGE Rainberg“ mit Clara Luzia, Costo Rico, the merry poppins, Nigrita & The Mellowbeats, Tickets: € 16/ 14/ 8 ARGEkultur Salzburg, 5020 Salzburg, Ulrike-Gschwandtner-Straße 5, T. 0662/ 848 784 11, www.argekultur.at 28.5., 14–22.00, Wien Südwind Straßenfest 2011, internationales Begegnen und Feiern, Konzerte, Tombola, Workshops, Konzert: Maghreb Vibrations und Doctor Krapula Uni Campus Altes AKH, 1. Hof, 1090 Wien, www.suedwind.at/strassenfest 31.5., 20.00, Wien Lydia Lunch & Philippe Petit „In Comfort EP” MAK – Museum für angewandte Kunst, Säulenhalle, 1010 Wien, Stubenring 5, T. 01/ 711 360, www.mak.at
film ab 6.5., Österreich „Schwarzkopf“ (A 2011), Regie: Arman Riahi, mit Nazar (öst. Rapper) u.a. www.austrianfilm.at/schwarzkopf 15.5., 12.00, Wien „Tamara Drewe“ (englische OmU) (GB 1010) Regie: Stephen Frears, Gemma Arterton, Roger Allam u.a., Karten: € 12.50/ 7 (mit/ ohne Frühstück) Reservierung für Filmfrühstück erbeten! Votivkino, 1090 Wien, Währinger Straße 12, T. 01/ 317 53 71, www.votivkino.at 2.–12.6, Wien „identities“ – queer film festival, das lesbischwule Filmfestival in Wien diverse Veranstaltungsorte, Infos und Programm unter www.festival.identities.at div. Termine, Österreich „Brand“(A/D 2010), Regie: Thomas Roth, mit Josef Bierbichler, Angela Gregovich, Erika Deutinger, Manuel Rubey, Denis Moschitto, Heribert Sasse div. Termine, Österreich „Die Vaterlosen“ (A 2011), Regie: Maria Kreutzer, mit Andreas Kiendl, Andrea Wenzl, Emily Cox, u.a. www.dievaterlosen.at
bühne 3.,5.,7.,11.,13.u.14.5., 20.00, Wien „Das Budapest Verhör“ von Thomas Desi nach Texten von Sándor Marái, Florimond Duke und Katalin Kárady, mit der wiederaufgefundenen Filmmusik zu „Tödlicher Frühling“ Tickets: € 18/ erm. 12 Theater Nestroyhof Hamakom, 1020 Wien, Nestroyplatz 1,T. 01/ 8900 314 www.hamakom.at 4.u.5.5., 20.00, Wien „Unruhige Zeiten“ – Gastspiel der Fleischerei, Performance und Installation nach dem Briefwechsel von Ingeborg Bachmann und Paul Celan mit Gaby Aldor und Doron Tavory, anschließend Wein und Brot, um Anmeldung wird gebeten MUSA – Museum der Sammlung zeitgenössischer Kunst, 1010 Wien, Felderstraße 6-8, gleich neben dem Rathaus, www.experimentaltheater.at 10.u.11.5., 20.00, Wien Ivana Müller: „60 Minutes of Opportunism“ – Theaterperformance, österreichische Erstaufführung, eine Produktion von I´M COMPANY, Tickets: € 13/ erm.7 brut – Konzerthaus, 1010 Wien, Karlsplatz 5, T. 01/ 587 87 74, www.brut-wien.at 13.5., 20.00, Wien Andrea Händler: „Das Schweigen der Händler“ – das Erfolgsprogramm zum allerletzten Mal ARGEkultur, Saal, 5020 Salzburg, Ulrike-Gschwandtner-Straße 5, T. 0662/ 848 784, www.argekultur.at 15., 16.- 21.5, 19.30, Wien „the Desdemona project“ (OmU) Koproduktion Wiener Festwochen u.a., Text: Toni Morrison, Musik: Rokia Traoré, Inszinierung: Peter Sellars Theater Akzent, 1040 Wien, Theresianumgasse 18, T. 01/ 501 65 33 06, www.akzent.at 19.5., 20.00, St.Pölten Eva Maria Marold: „Working Mom“ – Kabarett, Tickets: € 25 Bühne im Hof, 3100 St. Pölten, Linzer Straße 18, T. 02742/ 35 22 91, www.bih.at 20.5., 20.00, Wien „Enfemmes Terribles“ mit Barbara Hartl, Barbara Goesch und Irene Besenbäck, Tickets: € 12, Reservierung unter enfemmes.terribles@gmx.at Sargfabrik – Verein für integrative Lebensgestaltung, 1140 Wien, Gold-
schlagstraße 169, T. 01/ 988 98 111, www.sargfabrik.at 21.5., 19.00, Grafenbach Frauen.Arbeit. Theater der Erinnerungen, ein Projekt von SOG. THEATER im Rahmen des Viertelfestivals Niederösterreich, freier Eintritt Kastanienhof, 2632 Grafenbach, E. Gruberstraße 28, T. 02622/ 870 31, www.sog-theater.co 23.5., 10.30 u. 18.30; 24.5., 18.30, Wien „Umfazi (Die Frau)“ – Tanztheater mit Musik, Gastspiel der Performancegruppe um Sandra Ndebele aus Simbabwe, Tickets: € 14/ erm.8 DSCHUNGEL WIEN – Theater für junges Publikum, Museumsquartier, 1010 Wien, Museumsplatz 1, 1070 Wien, T. 01/ 522 07 20 19, alle Termine und externe Veranstaltungsorte unter www.dschungelwien.at ab 24.5., 18.30, Wien „Mädchenräume Mädchenträume“ Stationentheater, Schauspiel mit Live Musik, Tickets: € 7.50/ 5 DSCHUNGEL WIEN – Theater für junges Publikum, Museumsquartier, 1010 Wien, Museumsplatz 1, T. 01/ 522 07 20 19, alle Termine und externe Veranstaltungsorte unter www.dschungelwien.at
seminar workshop 5.5. 14–21.00, 6.5. 10–18.00, Wien „Von Gender und anderen Hindernissen“ Ein einführender Workshop zu Feminismus und Antisexismus, Anmeldung erbeten: kritischebildung@ riseup.net Amerlinghaus, 1070 Wien, Stiftgasse 8, T. 01/ 523 64 75, www.kritischebildungsarbeit.blogspot.de 6.5., 9–17.00, Graz „Gender Walk – Lernen in Bewegung“ Geschlecht als soziale Konstruktion im öffentlichen Raum, Kosten: € 120 Treffpunkt: ESC Graz, 8010 Graz, Jakoministraße 16, Infos und Anmeldung: www.genderwerkstaette.at 27.–28.5., St. Wolfgang Zukunftsforum Oberösterreich „Frauen gestalten Zukunft“ mit Jutta Allmendinger, Elfriede Hammerl, Richard David Precht u.a. SCALARIA Eventresort, 5360 St. Wolfgang, See 1, Zimmerreservierung unter 06138/ 2525 13, Infos unter www.frauenforum-salzkammergut.at
2.– 5.6., Zülpich Überregionales Treffen des Netzwerks Lesben und Buddhismus, Workshops, Plenum, Meditation, usw. Frauenbildungshaus Zülpich, PrälatFranken-Straße 22, 53909 Zülpich 15.–18.8., Wiener Neustadt „Girls Rock Camp NÖ“ – einwöchiges Musikcamp für Mädchen/ junge Frauen von 16–21, Anmeldung bis 31.5. Jugend- und Kulturhaus Triebwerk, 2700 Wiener Neustadt, Neunkirchnerstraße 65b, nähere Infos zu Programm und Anmeldung unter www.girlsrock.at
vortrag diskussion 2.5., 18.30, Wien Susanne Blumesberger: „Tapfere Mädel – treue Kameradinnen“ Mädchenbücher aus der Zeit des Nationalsozialismus Institut für Wissenschaft und Kunst, 1090 Wien, Berggasse 17, T. 01/ 317 43 42, univie.ac.at/iwk 17.5., 19.00, Wien „Alte Hüte? Beauvoir, Irigaray und Butler neu lesen“ – Vortrag und Diskussion mit Silvia Stoller, Moderation: Margit Hauser, Unkostenbeitrag: € 2.90 STICHWORT – Archiv der Frauen und Lesbenbewegung, 1040 Wien, Gusshausstraße 20/ 1A+B, T. 01/ 812 98 86, www.stichwort.or.at 19.5., 18.00, Wien „Körperpolitiken – Wie selbstbestimmt ist die Frau von heute?“ Podiumsdiskussion der SPÖ Frauen Österreichisches Museum für Volkskunde, 1080 Wien, Laudongasse 15-19, T. 01/ 4068 905, www.volkskundemuseum.at jeden ersten Montag im Monat, 19.00, Linz Frauen-Kultur-Café: „Diskuthek“ – eine Diplomarbeit aus dem Feministischen Grundstudium (Rosa Mayreder College) wird vorgestellt, anschließende Diskussion Autonomes FRAUENzentrum Linz, Starhembergstraße 10/ 2. Stock, Ecke Mozartstraße, T. 0732 602200
ausstellung 2.–6.5., 14–19.00, Wien Sofia Groscinski: head in the closet Kunstraum Bernsteiner, 1020 Wien, Schiffamtsgasse 11, T. 0664/ 307 709, www.friendsandart.at
Mai 2011 an.schläge l 43
an.künden schreibzz wias rezz! „Morgenschtean“, die österreichische Dialektzeitschrift, bietet zeitgenössischen Dialektautorinnen mit der Spezialausgabe „Frauenschtean“ eine besondere Plattform. Frauen können und sollen darin „die Goschn aufreißen“ – darum wird auch bei der Präsentation kräftig gelesen, gerappt und performed! Die Autorinnen kommen aus allen Winkeln, Generationen und Genres, mit dabei Kabarettistin Tanja Ghetto, Allroundkünstlerin Mieze Medusa u.v.m
opening Am 11. Mai, pünktlich zum „Frauenarchivetag“ feiert STICHWORT, das Archiv der Frauen- und Lesbenbewegung, die Eröffnung der neuen Räumlichkeiten. Nach gebührender Festrede von STICHWORT-Mitbegründerin Hanna Hacker werden zehn frauenpolitische Texte aus vier Jahrzehnten von Poetry-Slammerin Nadja Bucher zum Besten gegeben. Für Frauen und Transgenders! 11.5., ab 17.30, STICHWORT, 1040 Wien, Gusshausstraße 20/ 1A+B, www.stichwort.or.at ab 7.5., 15.00, Wachau „STRUKTUR & ORGANISMUS“ eine Ausstellungsreihe in einem Marillengarten in der Wachau, mit Arbeiten von Max Frey, Tue Greenfort, Rita Vitorelli und Petrit Halillaj. Ein Projekt von art:phalanx in Kooperation mit der Regionalinitiative Wachau 2010plus Marillenhof – Destillerie Klausl, 3622 Mühldorf bei Spitz a.d. Donau, Ötz 16, Infos unter 02713/ 8225 oder info@marillenhof.at bis 8.5., Herford „That´s me – Fotografische SelbstBilder“, über 100 Fotoarbeiten von Cindy Shermann, VALIE EXPORT,
Elke Krystufek, Aino Kannisto u.v.m. MARTa Herford Museum, 32052 Herford, Goebenstraße 4-10, Di–So und Feiertage 11–18.00, T. (0049) 522 199 44 300, www.marta-herford.info ab 12.5, Wien „ReCoCo: Life under Representational Regimes“ Sammlung von Rudi Mayer mit Werken von Baz Arad & Miki Kratsman, Ariella Azoulay, Lisa Biedlingmayer u.a., Eintritt frei Kunsthalle Exnergasse, 1090 Wien, Währinger Straße 59, 2. Stiege, 1. Stock, Di–Fr 13–18.00, Sa 11–14.00, T. 01/ 401 21 41, kunsthalleexnergasse.wuk.at
31.5., 20.00, Theater Brett, 1060 Wien, Münzwardeingasse 2, Eintritt: frei, Spenden erwünscht bis 29.5., Wien Trude Fleischmann: Der selbstbewusste Blick Wien Museum, 1040 Wien, Karlsplatz, Di–So & Feiertag 10–18.00, T. 01/ 505 87 470, www.wienmuseum.at bis 23.6., Berlin-Neukölln „Frauen in der internationalen Arbeiterbewegung“ Bilderreihe, Eintritt frei Galerie Olga Benario, 12043 BerlinNeukölln, Richardstraße 104, T. (0049) 680 59 387, www.galerie-olga-benario.de bis 30.6., Wien FESTE.KÄMPFE. 100 Jahre Frauentag. Bild-, Ton- und Filmdokumente zur wechselvollen Geschichte des Frauentags Österreichisches Museum für Volkskunde, 1080 Wien, Laudongasse 15–19, Di–So 10–17.00, Montag geschlossen außer an Feiertagen, T. 01/ 406 89 05, www.volkskundemuseum.at bis 7.8., Bremen Zilla Leutenegger: „More than this“ Zeichnungen, Objekte, Videoinstallationen werden zu raumgreifenden Installationen
Ordnung muss sein? Magistra Moser beschließt, Putzfrau Branka einzustellen, doch diese ist ganz anders, als die Magistra sie haben will. Die Tragikkomödie „Wie Branka sich nach oben putzte“ „zeigt uns auf grauenhaft unterhaltsame Art, welch winzige Wegstrecken uns alle vom Faschismus trennen“. Richard Schuhs Text und Aslı Kıslals Inzinierung bilden ein Hybrid aus Farce, Zauberstück und Sozialreportage. Premiere: 16.5., 20.00, weitere Termine: 18.– 21.5., 20.00, 3raum-Anatomietheater, 1030 Wien, Beatrixgasse 11, eine Produktion von daskunst, Karten: €16/ erm. 12, Reservierung unter 0650/ 323 33 77, 3raum.or.at 44 l an.schläge Mai 2011
Weserburg I, Museum für moderne Kunst, 28199 Bremen, Teerhof 20, Di, Mi, Fr 10–18.00, Do 10–21.00, Sa u.So 11–18.00, T. (0049) 421/ 59839 70, www.weserburg.at bis 15.11., Hainburg „MODELLS – das perfekte Profil“ eine LED-Installation von Nicole Pruckermayer und Elisabeth Schimana an der Außenfassade des Hotels „Altes Kloster“ und der „Insight Turm“ erlauben einen Blick hinter die Systematiken der „Google-Suchmaschinerie“ Kulturfabrik Hainburg, 2410 Hainburg/ Donau, Kulturplatz 1/ Donaulände 33, www.insight-turm.ima.or.at
lesung 4.5., 19.00, Wien Valerie Fritsch: „Die VerkörperungEN“ Debütroman, Lesung im Rahmen der Reihe Textvorstellungen, Redaktion und Moderation: Friedrich Hahn Alte Schmiede – Kunstverein Wien, Werkstatt, 1010 Wien, Schönlaterngasse 9, T. 01/ 512 83 29, www.alte-schmiede.at 11.u.12.5., 19.00, Wien „Literatur und Revolution: Am Beispiel Roque Dalton“ Konzept und Moderation von Erich Hackl und Tina Leisch. Referate, Lesungen und Gespräche, zweisprachig: spanisch-deutsch Alte Schmiede – Kunstverein Wien, Literarisches Quartier, 1010 Wien, Schönlaterngasse 9, T. 01/ 512 83 29, www.alte-schmiede.at 13.5., 18.00, Wien Preisverleihung und Buchpräsentation „Wir rufen auf! Penner, Fleischwölfe und arbeitsscheues Gesindel“, Texte des 2. Literaturpreises „Der Duft des Doppelpunkts“ zum Thema Arbeitswelt und Sprache Lesesaal der AK Bibliothek Wien, Prinz-Eugen-Straße 20-22, 1040 Wien, info@literaturblog-duftender-doppelpunkt.at, www.literaturblog-duftenderdoppelpunkt.at/litpreis 26.5., 20.00, Salzburg Jutta Dithfurt: Szenische Lesung aus ihrem neuem Buch „Krieg, Atom, Armut. Was sie reden, was sie tun:
Die Grünen“ Szenische Lesung mit merkwürdigen Bildern auf großer Leinwand, Tickets: € 12/ erm. 10/6 ARGEkultur, Saal, 5020 Salzburg, Ulrike-Gschwandtner-Straße 5, T. 0662/ 848 784, www.argekultur.at
aktivitäten 3.5. 16.30–17.45, 12.5. 14–15.15, Wien „Wege der Frauen durchs Rathaus“ – kostenlose Führungen durchs Rathaus mit Informationen über die Politik von und für Frauen, Anmeldung erbeten Rathaus, 1010 Wien, T. 01 4000 83539, www.frauen.wien.at 7.5., 17.00, Graz FrauenStadtSpaziergang: Frau sein und Mutter Treffpunkt: Karmeliterplatz 6, 8010 Graz, Infos unter www.frauenservice.at 7.5., 12.00, Berlin Kussmarathon „protect every kiss“ im Rahmen des Internationalen Tags gegen Homophobie, organisiert von MANEO, dem schwulen Anti-GewaltProjekt in Berlin 10117 Berlin, Axel-Springer-Straße 54a, gegenüber der Ugandischen Botschaft, www.tag-gegen-homophobie.de, www.maneo.de 28.5., 14.00, Graz Gewinnerinnen des „Mach dein Ding!“ – Erfinderinnenwettbewerbs des Mädchenzentrums JA.M (Einsendeschluss 13.5.) werden prämiert Grazer Aupark, 8010 Graz, www.maedchensindecht.org diverse Termine, Schweiz Wen-Do – Selbstverteidigung und Selbstbehauptung von Frauen, für Mädchen und Frauen Infos und aktuelles Kursangebot unter www.wendo.ch jeden 2. u. 4. Freitag, 17.00 ARGE Dicke Weiber Treffen – Feministische Initiative dicker Frauen gegen Gewichtsdiskriminierung und Schlankheitsterror – für Vielfalt und positive Selbstbilder, Infos: argedickweiber.wordpress.com, argedickeweiber@gmx.at FZ-Beisl, 1090 Wien, Währingerstraße 59/ Ecke Prechtlgasse
an.künden jeden Do u. Fr, 18–24.00, Wien Feministische Kneipe, für Frauen, Lesben, Transpersonen, Intersexpersonen Frauencafé, 1080 Wien, Langegasse 11, www.frauencafe.at jeden Donnerstag, ab 18.00, Graz Offener Abend im „feel free“ der „RosaLila PantherInnen“ feel free – steirisches Schwulen- und Lesbenzentrum, 8020 Graz, Annenstraße 26, T. 0316/ 36 66 01, www.homo.at
beratung jeden Montag, 17–19.00, Wien „Treff für junge Lesben und solche, die es werden wollen“ Rosa Lila Villa, 1060 Wien, Linke Wienzeile 102, T. 01/ 586 810, www.villa.at 3.5., 19 – 21.00, Wien QUEER*FAMILY – begleitende Selbsthilfegruppe für lesbische, schwule, bisexuelle Eltern bzw. Familien mit gleichgeschlechtlichen PartnerInnen und Partnern Beratungsstelle COURAGE, 1060 Wien, Windmühlgasse 15/17, T. 01/ 585 69 66 (Di–Fr 15–20.00) , www.courage-beratung.at laufend, an verschiedenen Orten in Vorarlberg FEMAIL-Sprechtage, kostenlose u. vertrauliche Information u. Beratung zu Themen wie Beihilfen, Karenz, Wiedereinstieg, Bildung, Gesundheit, Trennung u. Pension, Sprechtage in allen Regionen mit Claudia Bernard u. Sevinç Kapaklı – Termine unter T. 05522/31002, www.femail.at
laufend, Berlin kostenlose Rechtsinformation, psychosoziale Beratung, Arbeitslosenberatung und mehr FRIEDA Frauenzentrum e.V., 10247 Berlin, Proskauer Str. 7 (Vorderhaus), T. (0049) 030/422 42 76, www.frieda-frauenzentrum.de
Raum-machen Wie werden geschlechtlich codierte (Un-)Sicherheitsräume konstruiert? Welchen Einfluss hat das gesellschaftliche Ordnungssystem auf geschlechtlich konstruierte Identität, und welche Bedeutung kommt Überwachung und sozialer Kontrolle dabei zu? Diesen Fragen widmet sich Anke Strüver, Professorin für Sozial- und Wirtschaftsgeografie an der Uni Hamburg. Der Vortrag findet im Rahmen der „Culture of Control“-Reihe des Instituts für Wissenschaft und Kunst (IWK) der Uni Wien statt. Respondenz: Elke Krasny, Kulturtheoretikerin.
radio fixtermine Mo 18–19.00, Wien Khorschid Khanum – Die persischsprachige Frauensendung Orange 94.0 MHz, Live Stream: http://o94.at, jeden 1. Mo Mo 19–20.00, Oberösterreich 52 Radiominuten – Sendung von FIFTITU%, Vernetzungsstelle für Frauen in Kunst und Kultur in OÖ Radio FRO, 105.0 MHz (Linz), Live Stream: http://fro.at, jeden 4. Mo Mo 18–19.00, Kärnten Frauenstimmen – Glas zena Radio Agora 105.5 MHz (Dobrac), Live Stream: www.agora.at, wöchentlich Di, 13–14.00, Wien Globale Dialoge – Women on Air Orange 94.0 MHz, Live Stream: http://o94.at, wöchentlich Di, 18–19.00, Wien Weibertalk – Sendung des Autonomen FrauenLesbenZentrums Innsbruck Orange 94.0 MHz, Live Stream: http://o94.at, jeden 2. Di Di, 20–21.00, Deutschland Mrs. Pepsteins Welt – Feminismus-
Foto: Benjamin Wittorf
Allüren, und Musik, Musik, Musik Radio Blau 99.2 MHz (Leipzig), www.mrspepstein.de, alle 4 Wochen Di, 21–22.00, Wien female:pressure – Feministisches Magazin zu Musik- und Clubkultur Orange 94.0 MHz, Live Stream: http://o94.at, jeden 2. Di
23.5., 19.00, Depot, Breite Gasse 3, 1070 Wien, www.univie.ac.at/iwk, www.depot.or.at
Fr 19–20.00, Oberösterreich SPACEfemFM Frauenradio Radio FRO 105.0 MHz (Linz), Live Stream: http://fro.at, jeden 1., 3. u. 4. Fr Sa 12–13.00, Deutschland Rainbow City – Radio für Lesben und Schwule 97.2 MHz (Berlin), Live Stream: www.radiorainbowcity.de, wöchentlich
Mi 18–18.30, Salzburg Frauenzimmer – Plattform für eine frauenspezifische Information Radiofabrik 107.5 MHz (Salzburg Stadt), Live Stream: www.radiofabrik.at, wöchentlich
Sa 19–20.00, Steiermark Bertas Bücherstunde – Das feministische Literaturmagazin Radio Helsinki 92.6 MHz (Graz), Live Stream: www.helsinki.at, jeden 4. Sa
Mi 18–19.00, Wien Bauch, Bein, Po – Die Sendung für die ganze Frau Orange 94.0 MHz, Live Stream: http://o94.at, jeden 2. Mi
So 17–18.00, Steiermark Genderfrequenz – Sozialpolitisch, feministisch, unbeugsam Radio Helsinki, 92.6 MHz (Graz), Live Stream: www.helsinki.at, jeden 2. So
Do 18–19.00, Wien Transgender Radio Orange 94.0 MHz (in Kooperation Radio ALEX, Berlin), Live Stream: http://o94.at, jeden 1. und 3. Do
So, 19–20.00, Tirol Weibertalk – Sendung des Autonomen FrauenLesbenZentrums Innsbruck FREIRAD 105.9 MHz (Innsbruck), Live Stream: www.freirad.at, jeden 1. So
Fr 18–19.00, Wien Radio UFF – Sendung des Unabhängigen FrauenForums Orange 94.0 MHz, Live Stream: http://o94.at, jeden 1. Fr
Foto: Sarah Haas
ARGE's Konzert
all night long ...
Die ARGEkultur Salzburg feiert ihr 30-jähriges Bestehen und holt aus diesem Anlass Gustav und Band auf die Bühne. Hinter dem Namen „Gustav“ steht die österreichische Elektromusikerin und Liedermacherin Eva Jantschitsch, die 2005 v.a. als feministische und globalisierungskritische Künstlerin bekannt wurde. Ihre Musik kontrastiert leichten, lässigen Sound mit gehaltvollen kritischen Texten.
Museen und Kirchen haben sie schon, die „langen Nächte“, aber jetzt kommt etwas ganz Neues: die lange Nacht der Anarchie. Gegen den neoliberalen Mainstream, für eine herrschaftsfreie Gesellschaft. Linke, anarchistische, emanzipatorische, queere, feministische Projekte sollen sichtbar gemacht werden, diverse Räumlichkeit öffnen ihre Pforten für Lesungen, Diskussionen, Volxküchen, Ausstellungen u.v.m.
4.5., 20.30, ARGEkultur Salzburg, 5020 Salzburg, Ulrike-Gschwandtner-Straße 5, Karten: € 16/ erm.14/ 8, Tel. 0662/ 848 784 0, www.argekultur.at
7.5., 14–24.00, Infos und Programm auf www.langenachtderanarchie.wordpress.com
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Kabinett
Annja Krautgasser Giants and Mosquitoes 05.05.–10.07.2011 Großer Saal
6.-22. MAI 2011 ERÖFFNUNG: 6.5 17:00, HOF 1 MQ Gratisprogramm unter T. 01 - 524 62 74 oder office@identities.at www. identities.at
Präsentiert von
Großer Saal
Maja Vukoje 05.05. – 10.07.2011
NEUES AUS DER ORANGERIE:
Sense and Sensibility 21.07.–25.09.2011
Wie werden Widerstandskämpfer_innen, Überlebende und Opfer des Nazi-Regimes erinnert – oder nicht erinnert und vergessen? Künstler_innen, Jugendliche und Expert_innen tragen Ge-Schichten ab und legen unhörbare und ungehörte Erinnerungen frei. fathomizingmemory.o94.at Eine multimediale Installation von V. Nino Jaeger und interaktives Rahmenprogramm von und mit Petra Unger, trafo.K, DÖW, Verein Gedenkdienst, VBKÖ, Wolf Werdigier, m.a.x. und zenklo™
Kofinanziert von
Location Sponsoring
Künstlerhaus Hellbrunner Strasse 3 5020 Salzburg
T +43-662/84 22 94 www.salzburgerkunstverein.at
€ 3,80 (Ö) € 4,80 (D) sfr 9,00
l l an.schläge das feministische monatsmagazin. mai 2011
r a w r e d n e g t u b r a w No Jetzt an.schläge abonnieren.
Schnupperabo (3 Hefte): 10 / 12* Euro Jahresabo (10 Hefte): 35 (ermäßigt 29) / 45* Euro Unterstützungsabo (10 Hefte): 43 / 53* Euro * gültig für Europa, weitere Auslandspreise auf Anfrage Infos und Bestellungen unter abo@anschlaege.at oder auf www.anschlaege.at
Maskulinismus & Militarismus Rosarote Panzer Werkbank, E-Gitarre und rote Nägel Ein Kindergarten ohne Puppen- und Bauecke Kein Frieden für die Normalität Die Rapperin Sookee erklärt das Konzept „Quing“ Plus: Rassismus-Report >> schwedisches Sexualstrafrecht >> Tura Satana >> AUF >> Siri Hustvedt >> prekäre Organisierung >> MEN >> und vieles mehr
an.schläge Nr. 05/11, 25. Jahrgang, € 3,80 (Ö) € 4,80 (D) sfr 9,00 , ISSN 1993-3002, P.b.b. Erscheinungsort Wien, Verlagspostamt 1010 Wien, envoi à taxe réduite, GZ 02Z031419 M