Folgende Denkanstöße helfen Ihnen dabei, Ihren persönlichen Umgang mit Trauer zu hinterfragen: Wie trauere ich? Wo kann ich weinen? Wie geht es mir nach und vor dem Weinen? Wer kann mir Trost spenden? Was hilft mir noch? Einen Tee trinken, in die Natur gehen, eine Traumreise machen? • Kann ich meine Trauer kreativ ausleben? • Wie kann ich der Trauer präventiv begegnen? Was macht mir Freude oder entspannt mich? • Wie viel Raum möchte ich der Trauer in meinem Leben geben? • • • •
1.3 Wut Wenn man mit Angehörigen über Ihre Situation spricht, dominieren meist Trauer, Hoffnungslosigkeit und Unsicherheit. »Manchmal war ich richtig sauer. Dann habe ich mir das sofort verboten. Schließlich durfte ich ja nicht sauer auf meine kranke Mutter sein! Irgendwann habe ich verstanden, dass ich nicht sauer auf sie sein musste, sondern auf die Einschränkungen, die die Krankheit verursachte.« Tochter einer an Depressionen erkrankten Mutter Seltener wird von Ärger oder Wut berichtet. Vielleicht liegt das daran, dass diese Gefühle in der Gesellschaft eher unerwünscht oder tabuisiert sind. Möglicherweise werden sie im Umgang mit dem psychisch Erkrankten (wie im obigen Fallbeispiel) unterdrückt. Dabei sind auch Wut und Ärger vollkommen normal und kommen gerade in belastenden Situationen häufig vor. Haben Sie als Angehöriger auch schon Wut, Ärger oder Trotz gespürt? Worauf bezogen sich diese Gefühle? Auf die Krankheit? Auf den Erkrankten? Woher, glauben Sie, kommen diese Gefühle?
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Die Ursachen für Ihre Wut können ganz unterschiedlich sein. • Überlastung und Überforderung: Sie stehen ständig unter Strom, sind extrem angespannt. Ein Tropfen bringt das Fass zum Überlaufen. • Ungerechtigkeitsempfinden: „Ich mache so viel für den Erkrankten und er nichts“, „Ich habe auch nicht immer Lust zu ... arbeiten.“ • Schuldgefühle: „Ich bin schuld an der Erkrankung.“ • Ungewissheit: Welches Verhalten des Betroffenen ist auf seine Erkrankung zurückzuführen, was ist mangelnder Wille bzw. mangelnde Selbstregulation? • Vorwürfe des Kranken: Auch der Kranke empfindet Aggressionen, Ärger oder Unzufriedenheit, die er zum Teil unbewusst auf Sie überträgt. Es kann sein, dass er deswegen manchmal unberechtigte Vorwürfe macht („Du verstehst mich nicht“, „Du bist schuld“ etc.), die Sie ärgerlich und wütend machen. • Unzureichender Selbstfürsorge: „Ich kümmere mich gerade nicht genug um mich.“ Auch für Wut und Ärger gilt: Nehmen Sie sie ohne schlechtes Gewissen wahr, ohne sie negativ zu bewerten oder direkt auszuagieren. Ihre Wut kann wie ein persönliches Fieberthermometer funktionieren und – neben Ihren anderen Gefühlen – zeigen, wie es Ihnen geht, wo Bedarf zum Handeln und genauer Hinhören besteht. Obwohl wir dieses Gefühl häufig stiefmütterlich behandeln und unterdrücken, kann Wut sogar einfacher zu ertragen sein als Trauer und Hilflosigkeit. Sie dürfen sauer sein! Erlauben Sie sich diese Gefühle. Eine Krankheit ist ein Schicksalsschlag und Sie dürfen sich darüber ärgern. Sie sind auch unmittelbar von der psychischen Krankheit ihnen nahestehender Personen betroffen. Die Beziehung zwischen Ihnen und dem Erkrankten verändert sich, die Dinge laufen nicht so, wie Sie es sich vorstellen und wünschen. Seien Sie ruhig mal sauer auf die Krankheit!