4 minute read

Jubiläum Kunstmuseum Thun: Inter

«Die Kunst kann Berge bewegen»

Zum 70-Jahr-Jubiläum zeigt das Kunstmuseum seine schönsten Schätze aus der Sammlung. Kuratiert haben die Schau Katrin Sperry und Direktorin Helen Hirsch, die ebenfalls ein Jubiläum feiert. Sie ist überzeugt, dass wir manchmal die Welt durch die Kunst besser verstehen können.

Die Sammlung des Kunstmuseums umfasst 7000 Werke. Wie stellten Sie die Auswahl für die Jubiläumsausstellung zusammen?

Helen Hirsch: Wir zeigen eine schöne Tour d’Horizon aus den letzten 70 Jahren. Katrin Sperry: Hauptfokus liegt auf den Künstlerinnen und Künstlern aus der Region sowie auf deren Freundschaften und Vernetzung.

Gibt es etwas typisch Thunerisches in der Kunst? Katrin Sperry: Was immer wieder auftaucht, ist der Niesen. Die Landschaft überhaupt hat sehr viele Kunstschaffende und ihre Werke geprägt. Gestalterisch arbeiteten und arbeiten jedoch alle individuell.

Haben Sie auch Entdeckungen gemacht in der Sammlung? K.S.: Obwohl der Fokus auf der Schweizer Kunst liegt, finden sich einige

Helen Hirsch in einer Installation von Jeppe Hein.

Werke ausländischer, auch namhafter Künstler. Wir besitzen einen Roy Lichtenstein, einen Salvador Dalí, sogar einen Picasso.

Einen echten Picasso? K.S.: Ja, eine Radierung und eine Lithografie. Sie gelangten über das Maler- und Sammlerpaar Surbek zu uns, das seine Sammlung 1981 dem Museum übergab, was die Sammlung damals enorm steigerte.

Trotzdem: Schlangen wie im Louvre, wo alle die Mona Lisa sehen wollen, gibt es hier nicht. Sind Sie manchmal neidisch auf die grossen

Kunsthäuser? H.H.: Nein. Wir haben andere Aufgaben. Wir zeigen zudem zum Teil internationale Künstler, die erstmals in der Schweiz zu sehen sind. Wie etwa Jeppe Hein. Ich denke, da sind manchmal andere neidisch auf uns (schmunzelt).

Was macht denn eine gute Ausstellung aus? H.H.: Das ist eine, die mich nicht loslässt und mich inspiriert, mich intensiver mit den Werken, einem Künstler oder einem Thema auseinanderzusetzen. Eine, die mich berührt, irritiert. Ein bisschen soll sie wie ein Virus sein, der einen packt und nicht mehr loslässt.

Sie arbeiten oft interdisziplinär. Warum? H.H.: Ich finde, der Kunstbegriff sollte möglichst offen sein. Ich bringe gerne andere Themenfel-

Links «Niesen, 2001» von Reto Camenisch (Fotografie auf Barytpapier, Kunstmuseum Thun). Der Berg taucht oft auf in der Sammlung. Rechts Direktorin Helen Hirsch (rechts) und Ko-Kuratorin Katrin Sperry auf der Bank Modified Social Bench NY#13, 2015 von Jeppe Hein.

der mit der Kunst zusammen. Andere Disziplinen schaffen verschie- Welche Projekte sind für die nächsten Jahre geplant? H.H.: Ich dene Blickwinkel, um ein Kunstwerk lesen zu können. So beflügeln möchte eine Ausstellung von Johannes Itten realisieren. Zudem wollen wir uns gegenseitig. wir die Sammlung auch auf der Website präsentieren. Dadurch erhofWas kann denn Kunst im besten Fall bewirken? H.H.: Ich glaube an schwarzem Grund leuchten.

Nicht alle kommen schon als Kind in Kontakt mit Kunst. Wie sehen

Sie Ihre Rolle als Kunstvermittlerin? H.H: Wir sind die Drehscheibe für Kunst hier in Thun. Dadurch haben wir auch eine Verantwortung. Wir müssen die Menschen unterstützen, die sich grundsätzlich für Kunst interessieren, aber vielleicht nicht die Gelegenheit haben, ins Museum zu kommen, oder keinen Bezug dazu haben. Oft involvieren wir die Leute, das baut Brücken.

Ein Museum ist für Sie also nicht mehr primär ein Ort der Stille, der

Ehrfurcht? H.H.: Ein Museum soll ein Ort der Begegnung und der Lebendigkeit sein.

Andere Museen veranstalten vermehrt Partys oder Yoga-Sessions.

Können Sie sich das auch für Thun vorstellen? H.H.: Punktuell flechten wir bereits heute solche Anlässe ein. Für eine Party würde uns die Infrastruktur fehlen. Aber grundsätzlich bin ich nicht abgeneigt. fen wir uns, ein neues Publikum zu erreichen. die Kraft von Kunst. Sie kann das Weltbild verändern. Die Kunst kann Erübrigt das nicht einen Besuch im Museum, wenn man alles online Berge bewegen, wenn man offen dafür ist. Künstler versuchen, uns eine anschauen kann? H.H.: Da wir keine permanente SammlungsausstelÜbersetzung des Zustandes der Welt zu geben. Manchmal verstehen lung haben, können wir die meisten Werke gar nicht zeigen. Die Onwir die Welt besser durch Kunst. line-Präsentation ist vor allem eine Möglichkeit für Leute in New York, Paris oder anderswo, um von unseren Werken zu erfahren. Ziel ist es, Wann sind Sie erstmals mit Kunst in Kontakt gekommen? H.H.: Durch vermehrt Leihgaben an andere Kunsthäuser zu realisieren. Das genemeine schwedischen Grosseltern, die Kunst sammelten. Sie hatten immer viele Künstler bei sich «Ich glaube an die riert Aufmerksamkeit für unser Kunstmuseum und zusätzliche Gelder. zuhause. Das war eine nachhaltige Erfahrung. Vor Kraft von Kunst.» allem die schwedischen Landschaftsbilder mit ih- Haben Sie trotzdem die Befürchtung, dass die Diren intensiven Lichtverhältnissen sind mir in guter Erinnerung. gitalisierung dazu führt, dass man nicht mehr ins Museum kommt? Welches Bild hängt bei Ihnen über dem Sofa? H.H.: Eine Zeichnung teraktiv, laden die Leute ein mitzumachen – wie etwa Jeppe Hein. Um des belgischen Künstlers Hans Op de Beeck gekauft. Dieses Werk ist ein Werk zu erleben, muss man präsent sein. Diese Erfahrung kann mir sehr, sehr wichtig. Es strahlt eine Stille aus. Das Bild erdet mich. man nicht ersetzen mit einer digitalen Präsentation auf einer Website. Man sieht darauf einen Sternenhimmel, kleine, weisse Punkte, die auf Das Original bleibt wichtig.

H.H.: Nein. Viele Gegenwartskünstler gestalten ihre Ausstellungen in-

Interview Simone Tanner

Bilder Erich Häsler und Reto Camenisch

Die Ausstellung und die Direktorin

Die Jubiläumsausstellung ist bis zum 18. November 2018 zu sehen. kunstmuseum-thun.ch

Helen Hirsch

*1963. Aufgewachsen in Stockholm und Lausanne Ausbildung zur Psychiatrie-Krankenschwester Studium der Kunstgeschichte in Freiburg i.B., Basel, Kopenhagen Nachdiplom in Kulturmanagement in Basel Diverse kuratorische Tätigkeiten, künstlerische Leitung Kunsthalle Palazzo (Liestal), Mandate als Dozentin und Kunstkritikerin Seit 2007 Direktorin des Kunstmuseums Thun

This article is from: