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kultur

Tourismus und Literatur Eine Kulturgeschichte des Reisens gestern und heute

„Über alle Gebirge“ Reisen, Kultur, Wirtschaft und Verkehr im Wipptal gestern und heute Von der touristischen Wertschöpfung von Kultur bis zur touristischen Entwicklung der Pionierregion Gossensaß-Brenner, von der Ridnauner Riesin als internationale Attraktion bis zur Bedeutung der Kultur für die Fremdenverkehrswirtschaft, von der Geschichte des Bergbaus bis zur Geschichte des Reisens – die Themen waren breit gestreut, die Referenten hochkarätig aus der Welt der Wissenschaft. Sie alle kreisten um die zentrale Frage der Tagung, die Ende Mai auf Einladung der Gemeinde Brenner und des Südtiroler Künstlerbundes in Gossensaß stattgefunden hat: Welche Chancen bietet der Kulturtourismus für das Wipptal? „Wir sind auf dem Weg – viele Meilensteine wurden bereits gesetzt“, betonte der gastgebende Bürgermeister Franz Kompatscher. „Es ist nun für das Wipptal und im Besonderen für die Gemeinde Brenner der richtige Moment, um sich von außen betrachten zu lassen.“ Der Erker druckt einige Referate in leicht gekürzter Fassung ab und geht in Gesprächen mit Referenten dem Phänomen Kulturtourismus nach, dem von Experten großes Potential nachgesagt wird. In dieser Ausgabe streift Ferruccio Delle Cave in seinem – wie er selbst betont – „Textfragment“ die Kulturgeschichte des Reisens.

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Die Thermalwasserquellen in Brennerbad verhalfen Gossensaß um 1900 zum Aufstieg zu einem Nobelkurort.

von Ferruccio Delle Cave Kultur verbindet und trennt zugleich. Dies wird kaum so deutlich wie in den Phänomenen der Kulturbegegnung und Kulturdifferenzierung, die sich beim Reisen und seiner modernen Ausprägung, dem Tourismus, ergeben. Die Begegnung mit „Fremdem“ fasziniert, erstaunt und „befremdet“ zugleich, regt an und bereichert die eigene Kultur. Schon in der frühen Neuzeit begannen immer mehr Menschen – zusätzlich zu den nach wie vor wesentlichen geschäftlichen, religiösen, gesundheitlichen oder kriegerischen Gründen – auch mit der Absicht zu reisen, um Kultur und Lebensart einer „fremden“ Gegend kennen zu lernen. In unserer heutigen Gesellschaft hat sich der Tourismus als einer der weltweit wichtigsten Wirtschaftszweige etabliert. Zur Begegnung und Konfrontation mit fremder Kultur sind viele Funktionen hinzugetreten, die mit der Lebensführung als moderner Arbeits- und Freizeitmensch verbunden sind. Erholungsbedarf

etwa als wichtige Dimension des Tourismus ist heute zunehmend nicht mehr durch physische Ermüdung, sondern durch psychische Sättigung gegeben, so dass die Erholung im Sinne von Abwechslung gegenüber der Erholung im Sinne von Ausruhen zunehmend an Bedeutung gewinnt. Hier können gerade die kulturellen Eigenarten einer Ferienregion zur gewünschten Abwechslung beitragen. Kultur wird zunehmend auch zur kaum verzichtbaren „Würze“ im Tourismusgeschehen. So wird verstärkt auf Kultur gesetzt, auf Sehenswürdigkeiten und Kunstschätze, auf Folklore und Kulturveranstaltungen also. Tourismus stellt darüber hinaus auf einer über den spezifischen Kulturtourismus hinausreichenden Ebene den Kontakt zwischen zwei Kulturen, jener der Reisenden und jener der Bereisten, her. Reisende bringen, ob sie es wollen oder nicht, ihre Heimatkultur mit in die Ferienregionen, und die Bereisten sehen sich wachsenden Anforderungen der touristischen Inszenie-

rung ihrer eigenen Kultur gegenüber. Dies wirft Fragen der kulturellen Identität und ihres drohenden Verlustes ebenso auf wie Fragen der Sozial- und Kulturverträglichkeit des Tourismus überhaupt. Man könnte in diesem Zusammenhang über verschiedene Kulturen des „Reisens“ und des „Bereist-Werdens“ sprechen. Reisen als Erkenntnisgewinn Obwohl Immanuel Kant zeit seines Lebens sein Königsberg nie verlassen hat, lobt er das Reisen als ein „Mittel[n] der Erweiterung der Anthropologie im Umfange [...]; sei es auch nur das Lesen der Reisebeschreibungen.“ Nicht wenigen galt Reisen und Reisebeschreiben als ein Königsweg zur Welt- und Menschenkenntnis, wie es Wilhelm von Humboldt in seinen Briefen an Goethe immer wieder unterstrichen hat. Anderen galt das Reisen wiederum der Statistik und reinen Informationsbeschaffung. Goethe war ebenso von einem erkenntnistheoretischen Impetus erfasst, erker dezember 13


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