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Gastbeitrag: Explodierende Strompreise
from ERKER 11 2022
by Der Erker
Explodierende Strompreise
Viele Bürger und Betriebe sind erstaunt über die stetig steigenden Strompreise. Worauf ist diese Erhöhung zurückzuführen? Und wie können Verbraucher bestmöglich darauf reagieren?
Elektrische Energie wird in ganz Italien vorwiegend an einer einzigen Strombörse gehandelt. Der „Gestore Mercati Energetici“ (GME) betreibt die nationale Strombörse. Hier wird nach dem marktwirtschaftlichen Prinzip von Angebot und Nachfrage jeden Tag der Strom für den darauffolgenden Tag bestimmt, und zwar für jede einzelne Stunde. Da die elektrische Energie im italienweiten Stromnetz nicht gespeichert wird und somit Verbrauch und Produktion im Gleichgewicht stehen müssen, wird ein stündlicher Gleichgewichtspreis (Prezzo Unico Nazionale, PUN) genannt, berechnet. Auf der Börse geben Stromhändler ihre Mengen, Preise und das sogenannte „Grenzkraftwerk“ ein. Zum besseren Verständnis ein Beispiel: Angenommen, von 13.00 bis 14.00 Uhr werden 1.000 kWh Strom nachgefragt. Diese 1.000 kWh Strom müssen also produziert werden, damit das System nicht zusammenbricht. Nehmen wir an, von drei Produzenten kann der erste 500 kWh zum Preis von 10 Cent/kWh liefern, der zweite 400 kWh zum Preis von 20 Cent/kWh und der letzte 100 kWh zum Preis von 50 Cent/kWh. Da 1.000 kWh Strom für diese Stunde produziert werden müssen, definiert der letzte Produzent mit seinem Angebot den Preis und alle drei Produzenten erhalten damit 50 Cent/kWh. Den Strompreis für alle Werke definiert also jener Händler, dessen Produktionskraftwerk bei diesem Preis gerade noch wirtschaftlich produzieren kann. Der Strompreis unterliegt stündlichen Schwankungen. Stabil geblieben ist in den letzten Jahren der Durchschnittspreis des Stromes, der sich bei 5 Cent/kWh eingependelt hat. Im August 2022 ist er allerdings auf 55 Cent/kWh, also um mehr als das Zehnfache, gestiegen. Da die elektrische Energie zuerst geliefert und danach verrechnet und bezahlt wird, können wir davon ausgehen, dass die Rechnungen auch in Zukunft teurer werden.
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In der derzeitigen Krise sind die Gasspekulanten die größten Gewinner. Alexander Mühlsteiger: „Ein Wechsel des Anbieters sollte gut überlegt werden und die Verträge sollten genau studiert werden.“
Wie kam es zu dieser Preissteigerung?
Die Preissteigerung ist auf mehrere „Fehler“ zurückzuführen und hat nur marginal mit dem Angriffskrieg Russlands auf die Ukraine zu tun. In Italien und u. a. auch in Deutschland wird der größte Teil der elektrischen Energie in Gaskraftwerken hergestellt. Elektrische Energie mit Gas herzustellen, war verhältnismäßig günstig und einfach und so begaben sich die meisten europäischen Staaten in eine Gasabhängigkeit. Irrelevant ist hier, dass Südtirol vorwiegend durch Wasserkraft mehr Energie produziert, als es verbraucht, denn auf der Strombörse des GME läuft die gesamte Stromproduktion zusammen. Durch die Coronapandemie ist die Nachfrage an Gas gesunken, da viele Gebäude aufgrund von Homeoffice oder Homeschooling nicht mehr beheizt werden mussten. In Folge haben mehrere Gaslieferanten die Gasspeicher nicht mehr aufgefüllt und die italienische Regulierungsbehörde ARERA wie auch die deutsche Netzagentur haben nicht darauf reagiert. Dies erwies sich in der Folge als weiterer Fehler. Als Ende 2021 die Gasspeicher wieder gefüllt werden mussten, fiel dies mit einer gleichzeitig erhöhten Nachfrage aus China zusammen. So haben das verhältnismäßig geringe Gasangebot und die zeitgleiche größere Nachfrage den Preis für Gas in die Höhe getrieben. Mussten für den Zeitraum 2019/20 etwa 10 Euro/MWh bezahlt werden, lag der Preis 2021/22 bei etwa 119 Euro/MWh. Das ist mehr als das Zehnfache. Nach dem Angriffskrieg Russlands, den europäischen Sanktionen gegen Russland und der darauffolgenden Reaktion Russlands (Verknappung der Gaslieferungen infolge von „Wartungsarbeiten“) stieg der Preis auf über 200 Euro/MWh, also um mehr als das Zwanzigfache.
Genehmigungsverfahren und Verbote
In den Jahren bis 2013 gab es mehrere lukrative und relativ einfache Förderprogramme für erneuerbare Energie, etwa den „Conto Energia“ für Photovoltaikanlagen oder die „Tariffa Omnicomprensiva“ für Wasserkraftwerke. Diese und andere Förderungen hat die öffentliche Hand auslaufen lassen bzw. sie erschwerte den Zugang zu den Förderungen. Gleichzeitig verschärfte die Politik die Kriterien für Genehmigungsverfahren und Verbote, u. a. erließ die Landesregierung das fast landesweite Verbot für Windkraftanlagen in Südtirol. Wolfram Sparber, Lei-
ter des Instituts für erneuerbare Energie an der Eurac, erwähnte in einem kürzlich erschienenen Interview einen Offshore Windpark in Taranto, dessen Genehmigungsverfahren zwölf Jahre gedauert hat. Das bedeutet, dass die Politik zwar dauernd über die Notwendigkeit von mehr elektrischer Energie aus erneuerbaren Quellen spricht, sie in Wirklichkeit aber eher einbremst.
Was kann der Staat tun?
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Um diesen Trend zu stoppen, wäre jetzt der richtige Zeitpunkt, um die erneuerbare Energie so schnell wie möglich auszubauen und Genehmigungsverfahren zu beschleunigen bzw. Verbote wieder aufzuheben. Bei den aktuellen Strompreisen lohnt sich der Bau von Kraftwerken aus erneuerbarer Energie. Die Investitionen würden sich schnell amortisieren, wobei die Politik den Bauherren Planungssicherheit geben muss, was aber nicht immer der Fall ist. Bisher wiederholt die Politik eher alte Fehler, anstatt mutige neue Wege zu eröffnen. Als Beispiel seien hier die 300 Euro pro Milchkuh für die Südtiroler Bauern erwähnt. Angenommen, ein Bauer hat 30 Tiere im Stall, stünde ihm ein einmaliger Beitrag in Höhe von 9.000 Euro zu. Ställe haben zumeist große Dachflächen und somit Platz für Photovoltaikanlagen. Wären dem Landwirt diese 9.000 Euro als Beitrag für eine Photovoltaikanlage gewährt worden, könnte er sich eine 4,5-kWp-Anlage installieren lassen und rund 4.500 kWh/Jahr elektrische Energie für seine Geräte selber herstellen. Mit den 15 Millionen Euro, die von der Landesregierung für diese Beiträge vorgesehen wurden, könnten PV-Anlagen bis zu 10.000.000 kWh elektrische Energie pro Jahr hergestellt werden. Das wäre genügend Energie für über 3.000 Haushalte. Gleichzeitig würde dies auch dazu beitragen, dass weniger Strom mit Gas hergestellt werden muss. Der Strompreis würde für alle Bürger sinken.
Verbraucher-Rechte und Anbieter-Wechsel
Kunden mit finanziellen Schwierigkeiten haben ein gesetzliches Anrecht darauf, die Stromrechnungen in Raten zu bezahlen. Die bessere Option ist, Energie einzusparen, wissend, dass die nächsten Rechnungen höher ausfallen als bisher, und sich möglichst Geld für die Stromrechnung beiseite zu legen. Ein Anbieterwechsel sollte gut überlegt werden, die Verträge sollten genau studiert werden. Falls man zu einem derzeit fixen, etwas niedrigeren Preis langfristige Verträge abschließt, könnte sich dies in Zukunft rächen, falls der Strompreis wieder sinkt.
Wer profitiert vom hohen Strompreis?
Man könnte meinen, Wind- und Wasserkraftwerksbetreiber seien die größten Nutznießer, da Wind und Wasser sowieso weht bzw. rinnt und somit Energie ohne höhere Beschaffungskosten und viel teurer verkauft werden kann. Hier hat aber der Gesetzgeber mit Dekret Nr. 4 vom 27. Jänner 2022 und insbesondere im Artikel 15bis, der in das Gesetz Nr. 51/2022 umgewandelt wurde, wieder einen „Denkfehler“ in ein Gesetz umgewandelt. Denn der Staat verlangt mit diesem Gesetz für bestimmte Arten von Produktionsanlagen die „zusätzlichen Gewinne“ aus der Einspeisung von Energie aus erneuerbaren Quellen wieder zurück. „Erneuerbare Energien sind der Ausweg aus der aktuellen Krise“, so Wolfram Sparber. Sind erneuerbare Energien wirklich der Ausweg, dann muss aber Planungssicherheit gegeben sein, anstatt nachträglich per Gesetz Geld zurückzufordern. Man kann doch nicht jemanden bestrafen, der die Lösung darstellt! In der derzeitigen Krise sind Gasspekulanten die größten Gewinner. Haben sie Gas auf dem Weltmarkt zu einem geringen Preis eingekauft und verkaufen es zu einem weit höheren Betrag, sind die Gewinne enorm.
Was können Konsumenten also tun?
Strom selber produzieren: Sofern man es sich finanziell leisten kann, sollte man sich den eigenen Strom selber herstellen, u. a. mittels Windkraft oder Sonnenenergie. Es gibt viele Möglichkeiten, auch ohne eine geeignete eigene Dachfläche Photovoltaikanlagen zu installieren. Strom sparen: Jeder kann in seinem Haus „Stromfresser“ ausfindig machen und sie – auch mithilfe eines Elektrikers des Vertrauens – gegen energieeffiziente Geräte austauschen. Der billigste Strom ist immer der, der nicht konsumiert wird. Wer beispielsweise noch alte Glühbirnen verwendet, sollte diese sofort gegen LED-Birnen austauschen. Eine der alten 100-Watt-Glühbirne gleichwertige LED-Birne verbraucht rund 20 Watt und kostet etwa fünf Euro. Im Winter, je nach Standort, kann eine Glühbirne bis zu zehn Stunden pro Tag leuchten, was genau 1 kWh Strom entspricht bzw. 50 Cent. Mit anderen Worten: Wird die Glühbirne ausgetauscht, ist die neue LED-Birne bereits in zehn Tagen amortisiert.
IAlexander Mühlsteiger, Mitglied der Expertenrunde Energie der Provinz Bozen
Der Beitrag „Explodierende Strompreise“ wurde am 20. September verfasst. Aufgrund laufender Veränderungen auf dem Strommarkt können einige Angaben unter Umständen nicht mehr aktuell sein.
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