STADTSICHT 4/2020

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COVERSTORY

Im Gespräch suchen zwei unterschiedliche Menschen nach Rezepten, um glücklich zu werden. Oder zufriedener. Ihre Analysen sind verschieden. Dass sie dabei streiten, versteht sich. Wir lernen daraus.

Was tun,

dass es besser geht? GESPRÄCHSLEITUNG BRUNO AFFENTRANGER UND ANGEL GONZALO BILDER ANGEL GONZALO

Wie kommt man mental aus diesem Lockdown heraus? Michelle Meyer: Es existiert viel Negativität. Auf Social Media, wo man als junger Mensch gerne unterwegs ist, wimmelt es von Hasskommentaren. Viele erzählen, dass es schlecht läuft. Das zieht uns alle noch weiter runter. Die täglich vermittel­ ten Fallzahlen tragen das ihrige dazu bei. In den Diskussionen an den Hochschulen und Universitäten, an Kantonsschulen und Oberstufenschulen dominiert das Thema der Überforderung. Auf der einen Seite soll man leistungsfähig sein, auf der anderen Seite Sorge tragen. Wie soll das gehen? Die Anforderungen werden ohne Rücksicht­ nahme auf die besondere Situation perma­ nent hochgehalten. Das ist das negative, schwierige Bild. Wie findet man da heraus? Michelle: Indem wir die Zeit, die wir im nächsten Umfeld miteinander verbringen können, wieder vermehrt schätzen. Die er­ laubte Nähe zur eigenen Familie oder zu der kleinen Zahl an Freunden, die man noch sehen darf, müssen wir nutzen. Nur damit schaffen wir es, das Denken zum Po­ sitiven hin zu verändern und das Zusam­ mengehörigkeitsgefühl wieder zu fördern. Müssen wir Gegensteuer geben? Michelle: Sicher müssen wir das. Gerade in der Schweiz wird sehr viel Kritik geübt. An

allem und jeder. Wir mäkeln an Regierun­ gen herum, an Mitmenschen, die allesamt toxisch sind. Normale Begegnungen sind fast nicht mehr möglich, ein Lächeln ist verdächtig. Das ist die Beschreibung eines toxischen Zeitalters. Geht es uns tatsächlich so schlecht? Ueli Breitschmid: Ich würde nicht so weit gehen. Wir leben sicherlich in einer Zeit, in der es den Menschen so gut geht, wie noch nie zuvor. Woran machst du das fest? Ueli: Uns geht es so gut, dass wir uns schon schlecht fühlen, wenn wir uns einmal nicht alles leisten können. Unsere An­ spruchshaltung ist so hoch und gewach­ sen, dass wir gar nicht mehr wissen, wie reich wir eigentlich sind. Ich stelle fest, dass diese Anspruchshaltung gefördert wird. Ebenso wachsen Kritiken und Neid, hingegen schwindet das Solidaritätsden­ ken. Dieser Logik folgend, steigt nun der Ich-Anspruch, der ungesunde, pure Egois­ mus. Polarisierungen, Schwarz-weiss-Den­ ken, simple Gut-schlecht-Unterscheidun­ gen sind Mode. Obwohl wir genau wissen oder zumindest ahnen, dass das Leben aus Zwischenwegen besteht, werden diese vernünftigen Pfade zwischen den Polen plötzlich weniger. Weil dieser Befund in­ zwischen Normalität geworden ist, be­

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wirtschaften politische Exponenten dieses Feld ganz ungeheuerlich und mit viel Kraft. Wir stecken mitten im Zeitalter des Neids. Michelle: Aber ist das nicht das Wesen der Schweizer Politik: das Extreme zu fordern und sich zum Schluss den Kompromiss zu erarbeiten? Ueli: Die Schweiz ist das eine, die Welt das andere. Ich zeichne hier einen globalen Trend. In der Schweiz sind wir zum Glück noch nicht ganz so weit. Ich spucke dich nicht an, weil du eine andere politische Ge­ sinnung hast als ich. Michelle: Das hoffe ich doch. Ueli: Das ist aber gang und gäbe. Und unse­ re politische Kultur gerät unter Druck. Da­ mit auch vieles andere mehr. Was denn zum Beispiel? Ueli: Heute wird man scheel angeschaut, wenn man in einen Beruf einsteigt, bei dem das Helfen die Hauptaufgabe ist. Heb­ amme zum Beispiel. Wer nicht studiert und nicht den ökonomischen Wert des Tuns in den Vordergrund stellt, wird be­ mitleidet. Das ist der falsche Weg. Früher arbeiteten die St.-Anna-Schwestern in Lu­ zern um Gotteslohn. Michelle: Das hat sich nicht gross geändert. Ueli: Willst du mir sagen, dass die Men­ schen in der Hirslandenklinik oder im Kantonsspital heute für Gotteslohn ar­ beiten?


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