ROCK- & POP-SZENE
Der Motor ist verstummt Zum Tode des Rolling Stones-Drummers Charlie Watts Klar, eigentlich hätte es niemanden wirklich überraschen dürfen. Immerhin war der Mann 80 Jahre alt, musste sich 2004 aufgrund von Kehlkopfkrebs einer Strahlentherapie unterziehen und erst jüngst verkündete er, wegen einer nicht näher benannten medizinischen Behandlung die aktuelle Tour nicht fortführen zu können. Dennoch traf die Fans die Nachricht, die am 24. August über die Nachrichtenkanäle ging, wie ein Schock: Rolling Stones-Drummer Charlie Watts ist tot! Er war das Rückgrat einer der wohl größten Rock-Bands aller Zeiten und schaffte es, praktisch aus dem Hintergrund, fast 60 Jahre lang mit stoischer Ruhe und britischer Sachlichkeit ein Rudel aus Alphatieren vor sich her über die Bühne zu scheuchen. Trotz seines minimalistischen Drums-Setups (Bass, Snare, drei Toms und zwei Becken) gilt der 1941 in London geborene Musiker vielen Kritikern bis heute als einer der weltbesten Schlagzeuger – ein Jahrhundertdrummer.
So kannte man den Drummer der Stones bis zum Schluss: dezent aus dem Hintergrund schaffte Watts das Fundament für die ausdrucksstarke Performance von (v. l. n. r.) Mick Jagger, Ron Wood und Keith Richards.
Dabei stellte Watts mit seiner Coolness, seinen Saville-RowAnzügen und diesem vornehmen, so typisch britisch wirkenden Je-ne-sais-quoi quasi den kompletten Gegenentwurf zum klassischen Rockstar dar. Er war der Ruhepol der Band, selbst, wenn es noch so turbulent zuging. Keine Affären, keine Drogenexzesse, seit 1964 mit seiner Frau Shirley Ann Shepherd verheiratet, Vater, Großvater, Pferdezüchter – bis auf eine kurze Phase in den 80ern, in der auch er zu oft und zu gerne dem Alkohol zusprach, sucht man Skandale in seiner Vita vergebens. In einer Band, die für die konsequent ausgelebte Rock’n’Roll-Philosophie ihrer Frontmänner bekannt ist, eine geradezu bizarre Fußnote. Vielleicht gerade deshalb gelang es ihm immer wieder, gemeinsam mit Bassist Daryll Jones (bzw. bis 1993 Bill Wyman), durch sein oft zurückgenommen wirkendes Spiel eine solide musikalische Bühne zu schaffen, auf der die Exzentriker Jagger, Wood und Richards erst ihre fulminante Darstellung inszenieren konnten. Dabei gehörte der „Gentleman-Drummer“, wie er gelegentlich genannt wurde, gar nicht zu den Gründungsmitgliedern der Stones. Erst Anfang 1963, ein halbes Jahr nach dem ersten Auftritt der Band im legendären Londoner
Charlie (li.) und Mick (re.), ca. 1965
„Marquee Club“, holten ihn Mick Jagger und Brian Jones, die den zeitlebens Jazz-begeisterten Schlagzeuger aus der Band „Blues Incorporated“ der einflussreichen Blues-Größe Alexis Korner kannten, an Bord. Der Beginn einer beispiellosen Karriere, in einer Band, die gelegentlich wie aus der Zeit gefallen wirkt und bis heute selbst die größten Stadien problemlos zu füllen vermag. Am 24. August 2021 dann die erschütternde Nachricht von seinem am Ende doch etwas überraschenden Tod: „Charlie war ein geschätzter Ehemann, Vater und Großvater und als Mitglied der Rolling Stones auch einer der großartigsten Schlagzeuger seiner Generation“, ließ sein Agent Bernard Doherty noch am gleichen Tag in einer Pressemitteilung verlautbaren. Watts sei in einem Londoner Krankenhaus im Kreise seiner Familie friedlich gestorben. Sein Tod wirft nun aber für StonesFans einige beunruhigende Fragen auf. Nicht nur, wie es mit den noch ausstehenden Konzerten der aktuellen US-Tournee „No Filter“ weitergehen wird. Aufgrund seines Gesundheitszustands hatte Watts ohnehin angekündigt, bei der durch Corona unterbrochenen Konzertreihe, die am 26. September in St. Louis fortgesetzt werden sollte, nicht mehr selber auf der Bühne zu stehen. Doch angesichts des fortgeschrittenen Alters der verbliebenen Bandmitglieder treibt die Fans zurzeit vorrangig die Frage um, wie und ob überhaupt es nach dem Tod ihres legendären Taktgebers mit den Stones weitergehen soll. Selbst, wenn man also die noch ausstehenden Konzerte mit Interims-Drummer Steve Jordan über die Bühne bringt, ist es fraglich, wie man das Rock-Urgestein Charlie Watts dauerhaft adäquat ersetzen soll. Schließlich umriss Bandkollege und Freund Ron Wood schon vor vielen Jahren einmal Watts’ Rolle bei den Stones mit den Worten: „Charlie ist unser Motor. Und ohne unseren Motor fahren wir nirgendwo hin.“ Und so ist es durchaus denkbar, dass der Tod eines begnadeten Schlagzeugers traurigerweise auch gleichzeitig das Ende einer der größten Rock-Bands aller Zeiten markieren könnte. [JS]
Die Stones 1969
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