Bauwirtschaft 8
IMMOBILIEN INNOVATION_10/2021
«ZuckergussArchitektur in 3D» Bauwirtschaft – In einem kleinen Passdorf in Graubünden wird BautechnikGeschichte geschrieben. Mulegns soll einen Turm bekommen, in dem künftig Kunst installationen, Hörspieltouren und Theateraufführungen stattfinden können. Herkömmlich gebaut wird das Gebäude jedoch nicht: Es wird komplett gedruckt. Und zwar direkt vor Ort. Von Susanne Osadnik – Fotos: ETH Zürich
Einst war es eine Ortschaft von fundamentaler Bedeutung: Mulegns in der Region Albula in Graubünden. In der Talenge am Zusammenfluss des Fallerbachs und der Julia auf knapp 1500 Metern gelegen, zählte das Dorf in Postkutschenzeiten rund 150 Einwohner. Genauso viele Pferde konnten damals noch in den Stallungen untergebracht werden. Neben Churwalden und Tiefencastel war Mulegns die dritte wichtige Anlaufstation für Pferdegespanne und Dreh- und Angelpunkt für «Das ist nicht Reisende. Das Gästebuch des legendä ren Posthotels Löwe liest sich wie das der letzte Schrei Who’s who des 19. Jahrhunderts. Illustre eines ausgeflippten Gäste wie Katharina Dolgorukaja, die Kreativen. Es ist das zweite Ehefrau des russischen Zaren Aufmucken einer Alexander II., oder die spätere Königin Baustofftechnologie, von England, Mary, damals noch Duchess of York, haben hier genächtigt. die ihren Weg in die Ebenso der amerikanische Präsident Welt noch schneller Stephen Grover Cliveland, als er 1896 antreten wird, als mehrere Wochen in der Schweiz vermancher es heute brachte. Wer ins noble Engadin wollte, musste durch Mulegns. erahnt.» Dies änderte sich radikal mit der EröffMario Cavigelli, nung der Albula-Bahnlinie im Jahr 1903, Regierungspräsident die den meisten Anwohnern des Ortes Graubünden an der Furkapassstrasse die Lebensgrundlage entzog. Im Laufe der Jahrzehnte verliessen immer mehr Menschen ihre Heimat. Heutzutage zählt Mulegns nicht einmal mehr 20 Einwohner. Ein sterbendes Dorf in den
Bergen. Vor exakt 500 Jahren erstmals urkundlich erwähnt, wird es wohl keine Zukunft mehr haben. Oder vielleicht doch? Einer, der den Untergang historischer Dörfer nicht hinnehmen will und schon andernorts mit aussergewöhnlichen Ideen dahinsiechenden Orten wieder Leben eingehaucht hat, ist Giovanni Netzer, Theologe, Philosoph, Theaterintendant und Gründer des Theaterfestivals Origen. Das jährliche Kulturereignis Origen ist seit 2005 stetig gewachsen und mit seinen zahlreichen Veranstaltungen mittlerweile das grösste Klassikfestival Graubündens. Ein Highlight für Mulegns Auch Mulegns soll dank vielfältiger Kulturveranstaltungen wieder aufblühen. Immerhin ist das im nahe gelegenen Riom im Oberhalbstein auch schon gelungen: Die 2006 vom Churer Architekten Marcel Liesch für 1,3 Millionen Franken zu einem Theater mit 220 Plätzen umgebaute Burg Riom zieht jedes Jahr Tausende Musik- und Theaterliebhaber an. Daneben gibt es eine Theaterscheune und den Roten Theaterturm. Rundherum sind kleine professionelle Theaterwerkstätten entstanden, die Kostüme, Bühnenbilder und Masken herstellen. In Mulegns könnte es ein bisschen anders laufen. Denn hier soll im kommenden Jahr ein Gebäude entstehen, das allein aufgrund seines Entwicklungs- und Bauprozesses Touristen und Immobilienfachleute von überall her wird anreisen lassen, sind seine Schöpfer sicher. Der «Weisse Turm» von Mulegns wird ein vollständig digital gedrucktes Bauwerk sein, das späteren Kunstinstallationen, Hörspieltouren und Theateraufführungen dienen soll. Optisch wird es sich an das grosse handwerkliche Können der Bündner Baumeister und Stuckateure aus dem Barock anlehnen. Das Modell, das vor einigen Wochen der Öffentlichkeit vorgestellt wurde, erinnert in der Tat stark an eine mehrstöckige Zuckergusstorte – eine Remines-