Leseprobe Psychiatrische Pflege 1/2020

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Aus der akademischen Welt

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Versorgungsrealität und Möglichkeiten zur Psychosentherapie Ein Widerspruch? Yvonne Wiesner

Seelische Krisen und psychische Erkrankungen haben laut allgemein verbreitetem wissenschaftlichem Verständnis ihren Ursprung in einem Komplex biologischer, psychologischer sowie sozialer Faktoren. Sie entstehen immer auch aus Lebensgeschichten. Psychische Erkrankungen sind zutiefst menschlich. Wenn Menschen erstmalig schizophren erkranken, wird nach wie vor in Kliniken, psychiatrischen Praxen oder der Fachliteratur vermittelt, dass die Erkrankung nicht heilbar sei, lebenslange Medikamenteneinnahme unerlässlich, und sie gegebenenfalls mit Symptomen leben müssen.

„Jeder Mensch braucht ein gesundes Bild von sich selbst, um den Mut zur Veränderung entwickeln zu können.“ (Brigitte Bremer)

Gerade bei Menschen mit Psychosen und komplexen psychischen Störungen ist eine bedürfnisangepasste und sektorenübergreifende systematische Zusammenarbeit verschiedener Professionen und Disziplinen unerlässlich. Die Wirksamkeit psychotherapeutischer Interventionen ist gut belegt, so dass eine psychotherapeutische Behandlung fester Bestandteil der multiprofessionellen Komplexbehandlung bei Menschen mit psychotischen Erkrankungen sein sollte. Leider ist die Versorgungsrealität davon immer noch weit entfernt. Viele Betroffene ringen damit, sich nicht nur mit den negativen Aspekten der Erkrankung zu befassen, sondern sind auch auf der Suche nach deren Sinn. Sie sind lernbereit und werden zunehmend mutiger, auch im Umgang mit psychischen Krisen. Die Auseinandersetzung mit sich selbst im Kontext der Erkrankung lässt Betroffene zu Expert_innen ihrer Erkrankung werden. Seit nunmehr bald 30 Jahren bin ich im Arbeitsfeld Psychiatrie tätig, wobei mir Menschen mit Psychosen in © 2020 Hogrefe

sämtlichen Facetten begegnet sind. Nach wie vor begegnen mir Menschen aller Altersklassen, unterschiedlicher Herkunft und mit einem bunten Mix verschiedenster Erscheinungsbilder einer Psychose. Mal mehr, mal weniger ausgeprägt und sichtbar ist die Symptomatik für das soziale Umfeld. Mir begegnen auch Menschen, die durch die Psychose extrem beeinträchtigt und belastet waren oder sie auch mal entlastend oder sogar als wünschenswerte Bereicherung erlebten. Durch den Artikel „Psychotherapie für Menschen mit Psychosen“ (von Haebler & Becker, 2016) wurde ich auf einen Studiengang aufmerksam, welcher Themen und Ansätze beinhaltet, die mich seit Jahren im Rahmen meiner Tätigkeiten mit Menschen mit Psychosen beschäftigen: Gerade bei Menschen mit Psychosen ist der Bedarf an psychotherapeutischer Begleitung im Rahmen einer multiprofessionellen Komplexbehandlung hoch. Dennoch liegt der Anteil der Menschen mit schizophrenen und affektiven Psychosen in der Richtlinienpsychotherapie bei weniger als einem Prozent! Das heißt, die am schwersten erkrankten Menschen sind zugleich diejenigen, die am schlechtesten therapeutisch versorgt werden. So etwas gibt es in keiner anderen medizinischen Disziplin. Nicht jeder, der therapeutische Hilfe benötigt, erhält bei der derzeitigen Versorgungslage automatisch Zugang zu entsprechenden qualifizierten Therapieangeboten. Natürlich sind ausreichende Versorgungsstrukturen vorhanden. Kein Mensch muss unbehandelt oder unversorgt bleiben. Was aber macht ein individuelles psychiatrischpsychotherapeutisches Handeln und die zugehörige Haltung aus? Selbst bei der Etablierung eines Helfersystems mangelt es oftmals an Vernetzung und Kommunikation, so dass wichtige Ressourcen nicht genutzt werden (können), um patientenorientiert, kooperativ und kompetent zu handeln. Seit 2013 wird der berufsbegleitende Masterstudiengang „Interdisziplinäre Psychosentherapie – multiprofessionelle Arbeit für Menschen mit Psychosen“ von der International Psychoanalytic University Berlin (IPU) in Zusammenarbeit mit drei weiteren Hochschulen (Charité Berlin, Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf und Katholische Hochschule für Sozialwesen Berlin) angeboten, der sich an berufserfahrene Pflegende aus der psychiatrischen Versorgung, Sozialarbeiter_innen, PsyPsychiatrische Pflege (2020), 5 (1), 43–45


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