TM 05 2019

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KULTUR

Zeichnungen als komponierte Erinnerungen Die Künstlerin Raffaella Chiara wird am 20. November an der Thuner Kulturpreisverleihung mit dem Kunstpreis der Stadt Thun geehrt. Sie arbeitet mit verschiedenen Medien, doch die Zeichnung ist ihr wichtigstes Ausdrucksmittel. Wenn wir ein Bild betrachten, möchten wir erkennen, was es darstellt. Unsere Augen suchen also nach dem, was wir schon kennen. Und was wir kennen, erfassen wir in Sekundenbruchteilen. Wir können es einordnen. Das beruhigt uns. Bei den Zeichnungen von Raffaella Chiara fangen die Augen an zu suchen, vieles können wir nicht erfassen, wir dürfen entdecken und uns überraschen lassen. Manches bleibt in der Schwebe. Denn da sind keine bekannten Formen, Figuren oder Landschaften. Woran soll man sich festhalten? Vor lauter Suche kann man das Offensichtliche leicht übersehen: Da sind Linien, ganz viele Bleistiftlinien in den verschiedensten Formen, Längen und Intensitäten. Viele sind parallel angeordnet und sehr präzise gesetzt. Für ihre ebenso ausdrucksvollen wie fragilen Arbeiten erhält Raffaella Chiara am 20. November den Kunstpreis der Stadt Thun.

Ihren Stil musste die Künstlerin erst finden: «Ich habe mit Zeichnungen angefangen, habe aber auch viel anderes ausprobiert. Unter anderem habe ich mit Collagen experimentiert und gemalt. Das war wichtig, denn darüber habe ich festgestellt, dass mir das Zeichnen doch am nächsten ist. Es ist die Technik, mit der ich mich am besten ausdrücken kann.»

Die Sinnlichkeit des Zeichnens Ihre Faszination fürs Zeichnen habe ganz unmittelbar mit der Linie zu tun, so Chiara. «Es gibt unzählige Möglichkeiten, wie man mit einem Bleistift einen Strich aufs Papier zieht. Diese Möglichkeiten möchte ich ausschöpfen. Ich suche seit Jahren stets nach neuen Wegen. Ausserdem hat Zeichnen für mich auch eine sinnliche Seite, wenn ich den Stift halte, Druck aufsetze, den Widerstand des Papiers spüre.»

Gerne bezieht die ausgebildete Grafikerin auch andere Techniken und Elemente in ihre Zeichnungen ein. Sie überdruckt ganze Bereiche mit Siebdruck oder verwendet Farb- und Filzstift. Seit Kurzem experimentiert Chiara mit Graphitstaub und trägt diesen mit einem Wischer aufs Papier auf. Im Gegensatz zur Linie resultieren daraus ganz weiche Formen, die an Dunstwolken oder sanfte Hügellandschaften erinnern.

Gezeichnete Erinnerungen Wer sich Zeit nimmt, kann in Chiaras Bildern viele Schichten entdecken. Ihre Werke sind komplexe Kompositionen. Wo schraffierte Bereiche zunächst wie undurchdringliches Schwarz anmuten, tut sich plötzlich ein Raum in die Tiefe auf. Darüber können sich angedeutete architektonische Elemente schieben, die in keiner stabilen Perspektive verankert sind, aber einen zweiten Raum sichtbar werden lassen. So lässt Chiara teils labyrinthische Raumgebilde entstehen. Figuren und Objekte deutet sie an, sie erwachsen fast organisch aus den Zeichenkompositionen, bleiben aber unbestimmt.

Öffentliche Kulturpreis­ verleihung Mittwoch, 20. November 2019, 20 Uhr, KKThun. Der Eintritt ist frei. Türöffnung um 19 Uhr. Preisträgerinnen und Preisträger: Kunstpreis: Raffaella Chiara Kulturstreuer: Thuner Stadtorchester Kulturförderpreis: Rahel Hildbrand – Kostümdesign, Marco Gurtner – ­Spoken Word, Musik 16

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