ERKER 10 2020

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Der Tiroler Dichter Adolf Pichler Der Dichter Adolf Pichler (1819 – 1900)

von Günther Ennemoser

Unter den bekanntesten vaterländischen Schriftstellern und Dichtern Tirols Ende des 19. Jahrhunderts wird neben Anton Müller (Bruder Willram) und Sebastian Rieger (Reimmichl) auch der in Erl in Tirol geborene Dichter Adolf Pichler genannt. Er war nicht nur Schriftsteller, sondern auch Arzt und Naturwissenschaftler. Er schrieb um 1870 das epische Gedicht „Der Schmied zu Gossensaß“, auch deshalb soll an ihn erinnert werden. Zu Ehren seines 200. Geburtstages wurde vor kurzem in Innsbruck ein Sammelband seiner Werke mit dem Titel „Die verlorenen Seelen von Malcesine – Adolf Pichler (1819 – 1900)“ vorgestellt. Adolf Pichler wurde am 4. September 1819 in Erl geboren. Seine Kindheits- und Jugendjahre musste er in unglücklichen Familienverhältnissen verbringen. Vater und Mutter vernachlässigten ihn sträflich. Dank der finanziellen Hilfe von Verwandten durfte der talentierte Knabe studieren. In Innsbruck besuchte er das Gymnasium und begann an der Universität ein Jus-Studium. Daneben studierte er moderne Sprachen und deutsche Literatur. 1842 wechselte er zum Studium der Medizin nach Wien, wo er im Jahr 1848 promovierte. Dies war das Jahr der deutschen Märzrevolution, die auch auf andere Länder übergriff. Das Volk verlangte Pressefreiheit und ein Parlament. In diesem Sturmjahr nahm Adolf Pichler an den Studentenerhebungen in Wien teil. Als er von der Bedrohung seiner Heimat Tirol durch die Italie-

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Adolf Pichler bei einer Wanderung

ner erfuhr, bildete er ein Freiwilligen-Korps, um mit diesem an die Südgrenze seines Heimatlandes zu marschieren. Unter den 131 Freiwilligen befand sich auch der greise Kapuzinerpater Joachim Haspinger, ein Kampfgefährte Andreas Hofers. Am 27. April 1848 zog diese Kampfgruppe in Bozen ein, wo sie mit Jubel empfangen wurde. Am 10. Juni kehrten die Freiwilligen mit Adolf Pichler wieder nach Wien zurück, wo sie den Oktober-Aufstand miterlebten. Dann zog es Pichler wieder nach Innsbruck, wo er im November 1848 an der philosophischen Fa-

kultät der Universität eine Supplentenstelle an der Lehrkanzel für Naturgeschichte übernehmen durfte. Als er am Wettbewerb für eine neue Professur an dieser Fakultät scheiterte, kehrte er an das Gymnasium zurück, um dort Naturwissenschaften zu unterrichten. In der Freizeit beschäftigte er sich mit Geologie und Mineralogie sowie mit geognostischen Studien. Er unternahm ausgedehnte Wanderungen in der Tiroler Bergwelt. Auf seinen Reisen lernte er in Berlin Alexander von Humboldt kennen. Den Arztberuf wollte Adolf Pichler nie ausüben. Der von den Behörden nicht gern

gesehene Gelehrte musste lange warten, bis er zum Professor der Geologie an der Universität Innsbruck ernannt wurde – da schrieb man das Jahr 1867. 1890 trat er nach insgesamt 42 Dienstjahren in den Ruhestand. Politisch wollte er noch 1850 im Schleswig-Holsteinischen Krieg, wieder mit Freiwilligen, mitmischen. Die Behörden gestatteten ihm dieses Abenteuer jedoch nicht. Somit war sein diesbezügliches Engagement zu Ende. Trotz seines Fachwissens zog es Pichler immer wieder zur Dichtung. Bekannt wurde er durch seine literarischen Werke, seine Gedichte, seine Epen und Erzählungen. Den Stoff für Sagen und Epen nahm er gerne aus alten Volkssagen, die bis zum Nibelungenzyklus zurückreichen. Seine dichterischen Erfolge stellten sich nach und nach ein. Dramen glückten ihm nicht, dafür aber lyrische Werke. Besondere Bedeutung erhielten seine Hymnen, Wanderskizzen und Epen. In seinem Buch „Aus Tiroler Bergen“ schildert er Begegnungen und Erfahrungen mit Tiroler Originalen: Bauern, Hirten, Jägern, Holzknechten, Wilderern, Schmugglern und Einsiedlern. Pichler sieht und schildert das soziale Elend genauso wie die aufkeimende Hoffnung einer Fremdenverkehrsentwicklung durch die Eisenbahn. Seine naturwissenschaftlichen Leistungen werden auch heute noch gewürdigt. Adolf Pichler war für seine Zeit weltoffen. Die letzten Jahre seines Lebens verbrachte er in Barwies im Tiroler Oberland und in Innsbruck. Am 15. November 1900 er-


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