TM 01 2019

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Künstlerisches Schaffen aus psychiatrischen Kliniken stösst in der Schweiz auf immer grösseres Interesse. Das Kunstmuseum Thun gibt mit den Ausstellungen «Extraordinaire!» und «Ida Applebroog» einen breitgefächerten Einblick in weggeschlossene, vergessene Kunst.

KUNSTMUSEUM THUN

Kunst aus der Psychiatrie

Das öffentliche Interesse für künstlerisches Schaffen im psychiatrischen Kontext wächst, doch bis anhin war es noch wenig erforscht. Ein einzigartiges Forschungsprojekt an der Zürcher Hochschule der Künste hat sich des Themas angenommen und 19270 Krankenakten aus 25 kantonalen Psychiatrieanstalten gesichtet. Ziel war es, eine Bestandsaufnahme der Werke von Patientinnen und Patienten zu erstellen. Die entstandene Bilddatenbank umfasst über 5000 zumeist unbekannte Arbeiten, die zwischen 1850 und 1930 entstanden sind. Eine Auswahl daraus ist nun unter dem Titel «Extraordinaire!» im Kunstmuseum Thun und damit erstmals überhaupt in der Schweiz zu sehen.

Ausdruck des Suchens und Ringens Die ausgestellten Werke zeugen von Hingabe und grosser technischer sowie künstlerischer Kompetenz. Patientinnen und Patienten sahen ihre schöpferische Arbeit einerseits als Zeitvertreib und Bereicherung im eintönigen Alltag. Andererseits leisteten sie damit einen Beitrag zum gesellschaftlichen Diskurs und verliehen ihren Gedanken Ausdruck. Die Werke geben Einblick in Prozesse des Ringens und der Suche nach der eigenen Positionierung in der Gesellschaft. Nicht selten wird auch Kritik an den Anstalten laut. Die Kunst ist geprägt von der Auseinandersetzung mit der Isolation und damit, was als «nicht normal» galt. Ein Beispiel sind die Arbeiten von Josef H. Durch eine Erkrankung am Bein war Josef H. zeitlebens gehbehindert. Er wollte Uhrmacher oder Mechaniker werden, musste aber eine Schneiderlehre absolvieren. 1896 wanderte er nach Südamerika aus, litt jedoch angeblich unter starkem Heimweh und musste nach seiner Rückkehr 1913 in die Heil- und Pflegeanstalt Königsfelden eintreten. Technisch interessiert, wie er war, zeigen seine Erfindungen Fahrräder und Perpetua mobilia, die seine Gehbehinderung durch neue Antriebe kompensieren sollten.

Zornige Vögel Parallel zu «Extraordinaire!» widmet das Kunstmuseum Thun der amerikanischen Künstlerin Ida Applebroog (*1929 in New York) die erste institutionelle Einzel­ ausstellung in der Schweiz. Die Schau ist in enger Zusammenarbeit mit der Künstlerin und ihrem Studio entstanden. Zu sehen ist etwa die Werkserie «Mercy Hospital», Zeichnungen, die sie 1969 / 70 anlässlich ihres Aufenthaltes in einer psychiatrischen Klinik realisierte. Erst Jahre später, 2009, wurde das Skizzenbuch von einem Assistenten zufällig auf ihrem Dachboden wiederentdeckt. Die Bilder aus Graphit, Tusche und Aquarellfarbe geben einen intimen Einblick in Applebroogs Kampf mit Depressionen.

Bild: Fahrrad oder Perpetuum Mobile? Ein Werk von Josef H. «ohne Titel», Blei­ stift und Kopierstift auf Papier (1923), Sammlung Königsfelden.

Zum ersten Mal zeigt das Kunstmuseum Thun Bilder und Skulpturen der neuen Werkserie «Angry Birds of America» (2018), in der Applebroog ihrem Unmut über die Politik des Präsidenten Donald Trump Ausdruck gibt. Text: Geraldine Wullschleger, Simone Tanner Bild: PDAG, Windisch

Kunstmuseum Thun

Die Ausstellungen sind bis zum 19. Mai zu sehen. Sie werden vom neuen Kunstvermittlungsprojekt «Offene Kunstküche» begleitet: Ausgehend von den Ausstellungen als Inspirationsquelle können sich im Atelier alle ab 15 Jahren, jeweils am Mittwochnachmittag, selbst künstlerisch betätigen. Kunstschaffende begleiten das Atelier. Ausgewählte Werke werden im Projektraum Enter ausgestellt. Anmeldung unter kunstmuseum@thun.ch oder Tel. 033 225 84 20. www.kunstmuseum-thun.ch 1/19  |  ThunMagazin

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