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Florian Kessler
Bis bald
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Jede Biografie hat ihren eigenen Knacks, jeder Text sein eigenes Geheimnis. Ich glaube, dass an einem Ort wie dem Literatur Labor Wolfenbüttel viele Knackse und Geheimnisse zusammenkommen. Das muss so sein, wenn Leute in einem bestimmten Alter – oft zum allerersten Mal überhaupt – über ihr Schreiben und damit auch über sich selbst und ihren Blick auf die Welt sprechen und diskutieren. Alle offenbaren sich ein Stück weit, ob beim Sprechen über Kommaregeln oder über das, was Kunst überhaupt in dieser Welt soll, und alle offenbaren sich viel dringlicher und authentischer, als abgebrühte professionelle Schreibende das auch nur ein paar Jahre später jemals hinbekommen würden. Das Literatur Labor ist also eine Textwerkstatt und geht dabei ständig über das Arbeiten allein an Texten hinaus: An diesem Ort geht es um Werte, geht es um Brüche, geht es um Lebensauffassungen, geht es um das, was man Ästhetik nennt. Ach, verdammt. Jetzt habe ich das alles im Präsens geschrieben, als ginge es gegenwärtig und auch in Zukunft immer weiter um Ästhetik dort in Wolfenbüttel. Dabei besteht nun einmal eine traurige Besonderheit dieser Textsammlung hier darin, dass sie auch eine Abschiedssammlung ist. Als jemand, der vor vielen Jahren selbst an ersten Textwerkstätten für Sechzehn- bis Einundzwanzigjährige teilgenommen hat, fällt es mir schwer, die klaffende Lücke auch nur zu beschreiben, die das Einstellen einer über zwanzig Jahre hinweg so wesentlichen Institution wie des Literatur Labors Wolfenbüttel bedeutet. Alle, die sich auch nur einen Hauch für junge Literatur interessieren, kennen das Literatur Labor. Und sie alle wissen, dass es nicht viele solche Formate für junge Literatur gibt, denn die nach außen hin einfach zu kommunizierenden, prestigeträchtigen Stipendien und Preise beginnen nun einmal erst in den Regionen der Auszeichnungen für veröffentlichte Debüts. Mit dem Literatur Labor verschwindet also einer der wenigen Orte von der Karte der Literaturförderung, an dem dezidiert nicht einfach nur promotet und performt wurde, nach außen wie nach innen. Hier wurde sich stattdessen immens viel Zeit genommen, ganz für sich an Texten zu arbeiten, ob die Welt das nun beachtete oder nicht. Für mich als Lektor in einem Verlag war das auch eine Erfahrung von Großzügigkeit: Endlich einmal wieder ein Ort, an dem nicht fortwährend der Daumen gehoben oder gesenkt wird über Texte. Sondern einer, an dem alles ernstgenommen wird. Seine