ERKER 11 2020

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Aktuell

„Das Maß aller Dinge sollten die Personen sein, die wirklich krank sind“ Er war viele Jahre am Sterzinger Krankenhaus tätig und arbeitet mittlerweile als Oberarzt für Gastroenterologie und Hepatologie am Landeskrankenhaus Hall. Im Erker erzählt Dr. Christian Wenter aus Telfes, wie er die Corona-Zeit erlebt und warum er vor fünf Jahren der Südtiroler Sanität den Rücken gekehrt hat. Erker: Herr Dr. Wenter, das Jahr 2020 wird zweifellos in die Geschichte eingehen. Die Corona-Pandemie hält die Welt in Atem. Wie haben Sie als Mediziner das Jahr erlebt? Dr. Christian Wenter: Es ist natürlich auch für mich ein besonderes Jahr. Plötzlich wurde die Brennergrenze wieder Realität mit Kontrollen und Ausweispflicht für Pendler. Auf den Straßen kehrte eine zum einen angsteinflößende, zum anderen aber auch angenehme Ruhe ein. Von heute auf morgen wurden relativ viele Maßnahmen eingeleitet. Auf einmal standen vor dem Krankenhauseingang Container und es wurde genau gefiltert, wer wann wohin darf, ebenso in den einzelnen Abteilungen. Die Arbeit war intensiv, aber weniger stressig, weil jeder einen Schwerpunkt zugewiesen bekommen hat, auf

„Wir können die Corona-Regeln mit den Verkehrsregeln vergleichen: Wenn ich vorsichtig bin und mich schütze, schütze ich auch andere.“

den er sich zu konzentrieren hatte, und dadurch die übliche Tätigkeit an mehreren Orten – wie Station, Spezialambulanz, Notfallaufnahme, Endoskopie – unterbunden wurde. Ziel war, neben Corona den Normalbetrieb so weit wie möglich aufrecht zu erhalten. Sie sind am Krankenhaus Hall in der Abteilung für Innere Medizin tätig. Wie hat die Pandemie Ihre Tätigkeit beeinflusst? Sehr viel Routinearbeit, wie etwa Vorsorgeuntersuchungen oder

Zur Person Christian Wenter ist 1975 in Bozen geboren und dort aufgewachsen. Nach der Matura am Bozner Franziskanergymnasium hat er in Wien von 1994 bis 1999 Medizin studiert. Gegen Ende des Studiums hat Wenter erste Arbeitserfahrungen am AKH Wien auf der Abteilung für Nephrologie gesammelt und war dort für ein Jahr als wissenschaftlicher Angestellter tätig. Dann ist er nach Bozen zurückgekehrt und hat dort am Krankenhaus das für die Zulassung zur italienischen Staatsprüfung erforderliche halbjährige Praktikum absolviert. In dieser Zeit hat er auch Kurse für Altenpflege und Hilfskrankenpflege gegeben. Im Jänner 2001 kam Dr. Wenter an das Krankenhaus Sterzing, wo er drei Jahre lang als Assistenzarzt tätig war. Anschließend hat er die weitere Ausbildung für Innere Medizin am Landeskrankenhaus Salzburg und am akademischen Lehrkrankenhaus in Feldkirch absolviert und ist 2007 als Facharzt wieder nach Sterzing zurückgekommen. Seit Herbst 2015 ist er am Landeskrankenhaus Hall als Oberarzt für Innere Medizin tätig und hat 2019 die Zusatzausbildung für Gastroenterologie und Hepatologie abgeschlossen. Dr. Wenter ist verheiratet und lebt mit seiner Familie in Telfes.

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Nachkontrollen, sind stark reduziert oder verschoben worden bzw. telefonisch erfolgt, um den Patientenfluss auf das Notwendigste einzugrenzen und potentielle Infektionsquellen zu vermeiden. Eine unserer insgesamt vier Abteilungen wurde als Corona-Normalstation geführt, die gesamte Intensivstation ist in eine Corona-Intensivstation, der Überwachungsbereich in die neue Nicht-Corona-Intensivstation und der Anästhesie-Aufwachraum in eine Überwachungsstation umgewandelt worden, mit jeweils einem bereits vorgefertigten Plan, bei Bedarf alle erforderlichen Strukturen weiter ausbauen zu können. So war es möglich, die Sicherheitsund Hygienemaßnahmen ideal umzusetzen. Wir haben von den Erfahrungen, die in Italien gemacht worden sind, profitiert. Man wusste, was einen ungefähr erwartet, und konnte die Umstrukturierung im Vorfeld sehr gut planen. Welche Unterschiede sind Ihnen im Umgang mit dem Virus in Nord- bzw. Südtirol aufgefallen? Die Situation war nach meinem Ermessen vergleichbar. Jeweils vor den Krankenhäusern wurden Triagestationen errichtet. Auch die Abläufe und Protokolle waren sehr ähnlich. Wie gesagt, hatten wir in Nordtirol den Vorteil, nicht plötzlich vor einem Berg corona-positiver Patienten zu stehen und mit bereits Infizierten im Haus die Umstrukturierungen vornehmen zu müssen, sondern wir konnten von vornherein besser filtern und die Patientenströme geordneter leiten. Wie schätzen Sie die aktuell steigenden Corona-Zahlen ein? Durch die Erfahrungswerte und Vorbereitungen vom Frühjahr konnte man nach einem ruhigeren Sommer die Umstrukturierungen auf den Abteilungen schnell wieder

organisieren, um auf die steigenden Infektionszahlen zu reagieren. Aktuell sind die Corona-Patienten vorwiegend jüngeren Alters und auf der Corona-Normalstation untergebracht. Dass das Virus weniger gefährlich geworden ist, glaube ich nicht. Es ist aber zumindest aktuell eine andere Bevölkerungsschicht betroffen, die mit dem Virus besser umgehen kann. Im Frühjahr sind hauptsächlich Patienten mit Symptomen getestet worden. Mittlerweile werden vor allem an sich gesunde Personen getestet, die potentiell Kontakt zum Virus gehabt haben könnten. Werden so Ihrer Meinung nach die Infektionszahlen künstlich nach oben getrieben? Je mehr getestet wird, desto höher werden auch die Zahlen sein, man muss das in Relation sehen. Was man durch diese flächendeckenden Tests vermeiden will, ist, dass eine gesunde, aber covid-positive Person als sogenannter „Superspreader“ durch die Gegend spaziert und Massen infiziert, bei denen der Verlauf dann nicht asymptomatisch sein kann. Das Wesentlichste ist die Vorbeugung der Infektion durch das Einhalten der Schutzmaßnahmen, dann können viele Testkapazitäten eingespart werden und die Bevölkerung wird nicht durch steigende Zahlen verunsichert. Das Maß aller Dinge sollten nicht die Positiv-Getesteten sein, sondern die Personen, die wirklich krank sind. Wie kann man herausfinden, ob Positiv-Getestete ohne Beschwerden infektiös sind? Mittlerweile weiß man, dass jemand trotz eines positiven PCRTests nicht mehr ansteckend ist, wenn der sogenannte Ct-Wert* über 30 liegt. Wir handhaben es nach den gültigen nationalen Vorgaben so, dass ein Patient, der über 48 Stunden beschwerdefrei war


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